Baron Wenckheims Rückkehr
Roman

von László Krasznahorkai

€ 25,70
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Christina Viragh
Verlag: S. FISCHER
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 496 Seiten
Erscheinungsdatum: 26.09.2018


Rezension aus FALTER 41/2018

Thomas Bernhard trifft Tschechow in der Provinz

Lászlo Krasznahorkai zeichnet ein unbarmherziges, ungerechtes und eindringliches Bild seiner Heimat

Vor den Beginn seines Romans über die Rückkehr des Barons Wenckheim hat Lászlo Krasznahorkai eine Warnung gestellt: den Monolog eines misanthropischen Kapellmeisters, der, noch bevor der erste Ton erklungen ist, seinen Musikern weitschweifig klarmacht, was er von ihnen hält – rein gar nichts. Darauf folgen die Seiten, mit denen ein Buch normalerweise beginnt: die Titelei, das Impressum, die Widmung – und dann, endlich, das erste Kapitel: „TRRR... Dich mache ich fertig, Oberheini.“ Wer sich dazu von einem Inhaltsverzeichnis nähere Aufschlüsse erhofft, findet am Ende des Buches eine „Tanzkarte“, die auch nicht so recht weiterhilft. Auf TRRR nämlich folgen RAM und dreimal PAM, dann HMMM, RARIRA, RI und ROM: Das klingt nach einem robusten Bass und einem kräftigen Schlagzeug.

Solch ein Instrumentarium mag noch heute in der tiefsten ungarischen Provinz zum Tanz aufspielen – und es ist die tiefste ungarische Provinz, in die Baron Wenckheim aus Buenos Aires heimkehrt. Dort hatte er sein Geld verspielt, und weil die Wiener Verwandtschaft sich Sorgen machte, der Pleitier könnte das Ansehen der Familie beschmutzen, hat sie ihm die Reise in die alte Heimat finanziert – auf dass er dort aus der Öffentlichkeit verschwinde. Der Baron, ein liebenswürdiger Greis, ist nicht mehr so ganz klar im Kopf und kapiert nicht recht, was ihm eigentlich geschieht, aber er hofft, am Ziel seiner Reise seine alte Jugendliebe wiederzusehen, was ihn in eine melancholisch getönte Vorfreude versetzt.

Sollte die Wiener Verwandtschaft aber geglaubt haben, ihren peinlichen Verwandten unauffällig im tiefen Osten entsorgen zu können, hat sie sich gründlich getäuscht. Weil irgendjemand geplaudert hat, verbreitet sich in Windeseile die Nachricht von der bevorstehenden Heimkehr des Barons. Ganz sicher wird er seine Heimatstadt mit seinem Vermögen vom postsozialistischen Elend erlösen. Auf die Idee, dass der ein armer Schlucker sein könnte, kommt niemand.

Die Stimmung erinnert an Dürrenmatts Güllen, kurz bevor die berühmte alte Dame zu Besuch kommt. Aber die war ja nun wirklich eine Milliardärin. Der feierliche Empfang am Bahnhof verschreckt den Baron zutiefst, er will eigentlich nur seine Ruhe haben und seine Jugendliebe sehen. Die aber ist beim eilig anberaumten Rendezvous viel zu nervös, um nur einen vernünftigen Satz herauszubringen, während er sie nach so vielen Jahren der Trennung nicht wiedererkennt. Und auch sonst nimmt die Geschichte einen desaströsen Verlauf. Sobald man um die Erkenntnis nicht mehr herumkommt, dass man keinen großherzigen Gönner, sondern einen charmant vertrottelten, aber eben völlig mittellosen Greis willkommen geheißen hat, kippt die Stimmung. Kippt? Das ist eine gehörige Untertreibung, denn Krasznahorkai inszeniert nun einen Showdown, der auf die größtmögliche Katastrophe zuläuft. Schließlich bleibt nichts mehr übrig als eine „Notensammlung“ genannte Liste von Personen und Gegenständen, die im Furor des Untergangs verschwunden sind oder vernichtet wurden: Apokalypse und Totentanz zugleich, ein Sprachgewitter, von dem am Ende nur noch ein dadaistisches Echo zu hören ist: PARIRA, RIRAROM TRRR.

Doch auch damit ist noch immer nicht Schluss: Denn die „Tanzkarte“ verlangt ein Da capo al fine, was man wohl so zu verstehen hat, dass sich eine solche Geschichte der verlorenen Illusionen beliebig oft erzählen lässt, bis zum bitteren Ende. Erzählt wird auch und aktuell die Geschichte der Verlierer im Osten, die vor 30 Jahren auf ein besseres Leben hofften, aber irgendwann den Anschluss verloren haben, nicht nur den an den Westen, sondern auch an die Hauptstadt, die so unendlich weit in der Ferne liegt wie Moskau für Tschechows Dorfbewohner.

Krasznahorkai präsentiert diese Welt als ein detailliertes barockes Gemälde: den feisten Bürgermeister, den verschlagenen Hauptmann, den eitlen Bibliothekar, die selbsternannte „Ortswache“ auf 50 Motorrädern, dazu der rätselhafte Moosforscher, der nichts von seiner Tochter wissen will und seinem Leben auf bizarre Weise ein Ende setzt. Vieles in diesem schwarzen Provinzroman erinnert an Thomas Bernhard, allem voran die Unfähigkeit der Figuren, miteinander zu reden. Stattdessen schwingen sie sich zu rhetorisch brillanten Monologen und Schimpftiraden auf, die Ungarn und alles, was ungarisch ist, in Grund und Boden verdammen. Das ist bitter, das ist komisch. Das ist aber auch, eine große, illusionslose Erzählung über die toten Winkel Europas, unsentimental, ungerecht – und gerade deshalb so eindringlich.

Tobias Heyl in FALTER 41/2018 vom 12.10.2018 (S. 8)


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