Das Ende von Eddy
Roman

von Édouard Louis

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Übersetzung: Hinrich Schmidt-Henkel
Verlag: S. FISCHER
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 208 Seiten
Erscheinungsdatum: 19.02.2015


Rezension aus FALTER 11/2015

Wie man sich von sich selbst befreit

Der erfolgreiche autobiografische Erstlingsroman von Édouard Louis ist ein soziales Lehrstück

Édouard Louis hieß ursprünglich Édouard Bellegueule, gerufen wurde er "Eddy". So steht es im autobiografischen Roman, den der Autor 2012 in Paris veröffentlichte, und auch in der Wirklichkeit verhält es sich so. "Schönmaul", mit diesem Namen ist das Kind gestraft; die entsprechenden Wortspiele werden gleich zu Beginn des Romans zitiert.
Édouard Louis, 22, hat sich von den ­Fesseln seiner Herkunft befreit, indem er dieses Buch schrieb. Die Befreiung hat auch einen finanziellen Hintergrund, denn der junge Autor entstammt einer Schicht, die man als neues Lumpenproletariat bezeichnen könnte, und sein Erstling war in Paris ein Bestseller. Die Vorgeschichte seiner Befreiung kann man in "Das Ende von Eddy" nachlesen. Schon der Titel weist darauf hin: Eddy Bellegueule gibt es nicht mehr. Die Niederschrift und Veröffentlichung des Romans ist gleichbedeutend mit seiner Vernichtung.

"En finir avec Eddy" lautet der Titel im Original. Hinrich Schmidt-Henkel, ein außerordentlich gewandter Übersetzer, der viele sprachliche Register zu ziehen versteht, bildet den von Louis häufig zitierten nordfranzösischen Soziolekt geradezu lustvoll nach – beim Titel scheint er aber etwas schmähstad gewesen zu sein (oder hat ihn ein Lektor behindert?). "Schluss mit ­Bellegueule" würde passen und käme dem Original näher.
Die Erzählung selbst hat etwas Gewalttätiges, nach dem Selbstverständnis des Autors handelt es sich um Gegengewalt gegen das gewalttätige System. Die davon Betroffenen und im Buch Beschriebenen beziehen die literarische Gewalt aber auf sich selbst: Der will uns vernichten! Mitsamt seinem Eddy will Louis auch die Umgebung zerstören, in der er aufgewachsen ist, also die Menschen im Dorf Hallencourt: Mach kaputt, was dich kaputt macht, Literatur gegen Verrohung und Verrohung gegen Literatur, gegen die Schwulen, gegen die Weicheier.
"Mit der Klarheit nimmt die Kälte zu", dieser Satz von Thomas Bernhard, den ­Louis als literarisches Vorbild nennt, könnte als Motto vor "Das Ende von Eddy" stehen. Der Blick auf Familienmitglieder und Verwandte, Kumpel und Schulkollegen ist erbarmungslos, sicher nicht der einzig mögliche, das war Louis beim Schreiben bewusst, aber geeignet, um verschwiegene, wenngleich offensichtliche Wahrheiten der postindustriellen Gesellschaft ans Tageslicht zu bringen.
Weite Kreise der Bevölkerung sind von einer Pauperisierung erfasst worden, die einhergeht mit einer zunehmenden, aggressiven Unbildung, einer Kulturlosigkeit, die Ressentiments aller Art bis hin zum Rassismus nährt. Der Roman macht den Begriff "sekundärer Analphabetismus" sinnlich fassbar.
Ähnliche Verfahren zwischen Fiktion und Dokumentation haben in Frankreich und Belgien Autoren und Filmemacher versucht, indem sie die aus den Erzählungen bereits verschwundene Arbeitswelt wieder eingeführt haben, und zwar als kaputte, heruntergekommene, als Milieu einer drohenden und faktischen Arbeitslosigkeit bei wachsender Arbeitsunlust.

Wunderknaben und Fräuleinwunder heben die Massenmedien ja gern aus der Taufe und lassen sie, wenn sie nicht halten, was sie versprechen, auch rasch wieder fallen. Louis war 18, 19 und hatte von Literatur nicht viel Ahnung, als er das Buch schrieb. Sein Erzähltalent ist authentisch, es zeigt sich in zahllosen kleinen Szenen, Beobachtungen, Sentenzen. Außerdem ist seine Haltung zur Welt für einen Jugendlichen erstaunlich bewusst und selbstbewusst, treffend, manchmal vielleicht ungerecht, notwendig ungerecht, um den Bildern ihre Schärfe zu geben.
Ein einziges Mal lässt Louis eine Figur auftreten, deren abweichende Sichtweise
er als Autor in Erwägung zieht. Es handelt sich um einen Lehrer am städtischen
Gymnasium, den er offenbar schätzt. Diese Erziehungsperson gehört bereits zum Milieu der Gebildeten, in dem sich Édouard Louis heute bewegt. Am angehenden Gymnasiasten hebt der Lehrer dessen
"unbedingten Willen" hervor, der ihm selbst nicht bewusst war und den Autor immer noch erstaunt.

Leopold Federmair in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 22)


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