Comeback
Roman

von Alexander Osang

€ 20,60
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Verlag: S. FISCHER
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 288 Seiten
Erscheinungsdatum: 05.03.2015


Rezension aus FALTER 11/2015

Der Osten gibt nicht auf

Thomas Brussig und Alexander Osang, literarische Wende-Spezialisten, werfen erneut Blicke zurück in die DDR

Thomas Brussig war einer der ersten Wende-Autoren. Mit "Helden wie wir" (1995) schuf er diesbezüglich einen epochalen Roman, der sowohl dramatisiert als auch als Film zu sehen war. 20 Jahre danach bringt er nun mit "Das gibt's in keinem Russenfilm" einen weiteren Wende-Roman heraus.
Dieses Mal erklärt er aber nicht, wie es zum Mauerfall kam, sondern ignoriert die Geschichte – oder besser: Er schreibt sie um. In Brussigs Roman fällt die Wiedervereinigung aus, die Mauer bleibt stehen. In der DDR überlebt der Kommunismus.

Thomas Brussig macht sich dabei auch selbst zum Thema. In einer fiktiven Autobiografie, in der einzig die bibliografischen Daten stimmen, spinnt der Autor lustvoll die Geschichte des geteilten Landes weiter. Der Ausgangspunkt ist die DDR vor dem Mauerfall: Brussigs Debüt, die "Wasserfarben", wird im ostdeutschen Aufbau Verlag gedruckt, weil gerade ein Kontingent Papier frei ist – wie sich später herausstellt, bekam er den Vorzug vor der zu systemkritischen Christa Wolf.
Brussig wird von heute auf morgen ein Star. Bei seiner ersten Lesung lässt er seiner Euphorie freien Lauf und verkündet folgende drei Versprechen: Er wird aus der DDR erst dann ausreisen, wenn jeder DDR-Bürger das darf; er wird auf sein erstes Telefon so lange warten, bis alle Genossen eines haben; und er wird Milan Kunderas "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" erst dann lesen, wenn das Buch nicht mehr auf dem Index steht. Das machte ihn 1988 in der DDR zu so etwas wie einen Punk.
Der Jungautor landet sehr bald in der Boheme von Ostberlin. Mit Heiner Müller und Christoph Hein quatscht er über die Praktiken der Stasi. Weiters ehrt ihn ein doppelseitiger Maxim-Biller-Verriss im Spiegel. Natürlich gibt's auch Kuriositäten, so wird etwa Ingo Schulze der Nobelpreis für Literatur zugesprochen. Und Michael Ballack führt die DDR-Kicker in der Weltmeisterschaft 2006 ins Viertelfinale, wo sie erst in der Verlängerung an der BRD scheitern.
Inhaltlich treibt der Autor den Roman ganz gut voran, zumal sich die Romanfigur Brussig nicht einfach abschieben lässt, sondern ein Systemkritiker bleibt. Er ist ein Opfer der Stasi, hält jedoch den Verleumdungen stand. Verteidigt wird er übrigens von einem gewissen Gregor Gysi.
Damit das Romankonstrukt wirtschaftlich funktioniert, macht der Autor die DDR zur stromerzeugenden Supermacht. Mit einem Stromauto nach Tesla-Bauart schafft sie es an die technologische Weltspitze. Das kann man sich ja vielleicht noch vorstellen, aber hält das wirklich einen Staat am Leben, der schon so am Abgrund taumelte wie die DDR vor dem Mauerfall? Wahrscheinlich nicht.
Trotz mancher Einwände ist die Versuchsanordnung aber interessant. Brussig fragt sich, wie viele Menschen sich wirklich gegen eine Diktatur auflehnen oder die Grenzen eines Systems ausloten, wenn es rein wirtschaftlich ganz gut ausgeht. Die Antwort ist ernüchternd: Cash macht fesch, auch ein Land wie die DDR.
Ausgerechnet der FC Bayern München ist ein Bindeglied zwischen Thomas Brussig und Alexander Osang. Während bei Brussig der "Z-Strom" aus der DDR Trikotsponsor der Bayern wird, schrieb Osang für den Spiegel zum Anpfiff der Frühlingssaison in der deutschen Bundesliga eine Kolumne über die Bayern. Womit wir im Prinzip schon beim Thema sind: Vielen Lesern ist Osang, trotz einer ansehnlichen Werkliste, eher als Reporter ein Begriff.

Das passt von der Herangehensweise auch gut zu seinem neuen Roman "Comeback". Der Autor erdachte dafür die fiktive Ostrock-Band Die Steine, angelehnt an die Ostberliner Bands Pankow und Silly. Die Steine gründeten sich in den frühen 1980er-Jahren in der DDR und erreichten nach holpriger Laufbahn zur Zeit der Wende ihren kolossalen Höhepunkt. 25.000 Besucher kamen im Sommer 1988 zu ihrem großen Open Air in Berlin-Friedrichshain. Alle warteten auf Antworten, Die Steine gaben sie ihnen für eine Nacht. Ihr damaliger Hit "Wartesaal" spiegelte das Lebensgefühl der Bevölkerung wider: Raus aus dem Wartesaal, jetzt muss etwas Neues kommen.
Der Roman setzt aber 2014 ein. Wie so viele Bands sollen auch Die Steine – zum wiederholten Mal – wiedervereint werden. In kurzen, bündigen Kapiteln, die an seine Reportagen erinnern, schreibt Osang über die verschiedenen Stationen der Gruppe. Er wählt dafür immer den Blickwinkel eines anderen Bandmitglieds
Alex gerät durch einige West-Auftritte in die Fänge der Stasi und fungiert irgendwann nicht nur als Gitarrist, sondern auch als Spitzel. Conny, der als Manager die Band zusammenhält, stirbt bei einem Unfall mit einem russischen Truppentransporter. Nora, die Leadsängerin und eine charismatische Rockerin, versucht nach der Wende in New York Fuß zu fassen – erfolglos.

Osang springt etwas unkoordiniert durch die Zeit, was den Lese- und Gedankenfluss leider hemmt. Dafür gelingen ihm feinfühlige Bilder. Er zeigt Menschen, die eigentlich nie ans Ziel ihrer Träume gelangen. Sogar am Tag ihres Triumphs schrammen sie am Glück vorbei: Sie können den großen Moment, das Sommer-Open-Air mit den vielen Besuchern, einfach nicht fassen.
Doch trotz interner Intrigen, Neid und Liebesfrust gelingt es ihnen auch nicht, mit der Band abzuschließen. Immer wieder trommelt Nora die Musiker zusammen. Eine gewisse Parallele zu den Rolling Stones mag hier emotional mitschwingen, die Stones ließen bekanntlich auch keine Turbulenz aus. Die Steine erleben die Höhen und Tiefen des Rock-'n'-Roll-Lebens allerdings auf wesentlich bescheidenerem Niveau.
Am Ende bleibt wenig übrig. Osang begleitet die Band bei der Landung im Nirgendwo, im Gepäck einige Scheiben Vinyl und unzählige Versatzstücke dessen, was man Leben nennt.

Martin Wanko in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 17)


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