Der Fallmeister

Eine kurze Geschichte vom Töten
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Kurzbeschreibung des Verlags:


Nach den Bestsellern »Atlas eines ängstlichen Mannes« und »Cox oder Der Lauf der Zeit« erzählt Christoph Ransmayr in seinem Roman »Der Fallmeister« virtuos und mit großer Sinnlichkeit von menschlicher Schuld und Vergebung. Im tosenden Wildwasser stürzt ein Langboot die gefürchteten Kaskaden des Weißen Flusses hinab. Fünf Menschen ertrinken. Der »Der Fallmeister« , ein in den Uferdörfern geachteter Schleusenwärter, hätte dieses Unglück verhindern müssen. Als er ein Jahr nach der Katastrophe verschwindet, beginnt sein Sohn zu zweifeln: War sein jähzorniger, von der Vergangenheit besessener Vater ein Mörder? Die Suche nach der Wahrheit führt den Sohn des Fallmeisters tief zurück in die eigene Vergangenheit: Getrieben von seiner Leidenschaft für die eigene Schwester und der Empörung über das Schicksal seiner aus dem Land gejagten Mutter, folgt er den Spuren seines Vaters. Sein Weg führt ihn durch eine düstere, in Kleinstaaten zerfallene Welt. Größenwahnsinnige Herrscher ziehen immer engere Grenzen und führen Kämpfe um die Ressourcen des Trinkwassers. Bildmächtig und mit großer Intensität erzählt Christoph Ransmayr von einer bedrohten Welt und der menschlichen Hoffnung auf Vergebung.

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FALTER-Rezension

Ich glaube, mein Viburnum leckt!

Endzeitszenarien und unwirtliche Regionen haben das Werk Christoph Ransmayrs von Anfang an bestimmt: „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ (1984) hat die Polarmeerexpedition von Payer und Weyprecht zum Inhalt; „Die letzte Welt“ (1988) bevölkert die Ruinen von Ovids Exilstadt Tomi mit Figuren aus dessen „Metamorphosen“; und „Morbus Kitahara“ (1995) bietet eine Alternativweltgeschichte, in der der Plan des US-amerikanischen Finanzministers Henry Morgenthau Wirklichkeit geworden ist und das Traunviertel nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Niveau einer rückständigen Agrargesellschaft weitermachen muss.

Die Bezüge zur oberösterreichischen Heimat des Autors sind auch in dessen jüngstem Roman nicht zu übersehen. Ransmayr stammt aus Roitham am Traunfall, und das in die Ortsbezeichnung aufgenommene, ab dem Spätmittelalter für den Salztransport schiffbar gemachte Gewässer spielt darin eine zentrale Rolle. „Der Fallmeister“ ist der Vater des namenlosen Ich-Erzählers. Über Jahrzehnte hatte er in der Grafschaft Bandon die Aufsicht über das aus Schleusen und Bootsgassen bestehende Kanalsystem, das den im Roman 40, in der Realität zwölf Meter hohen Katarakt überwindet, ehe er den Tod von fünf Menschen verschuldet und – nach einem fingierten Suizid – verschwindet.

Ob es ein Unfall oder Mord war, bleibt ungeklärt, denn um Suspense-Strate­gien oder Plot-Entwicklung schert sich der Roman ganz generell wenig. Stattdessen konzentriert er sich auf die Evokation einer dystopischen Welt, die in diesem „Zeitalter der Trennungen und Grenzen“ zu „einem Hagel aus Zwergstaaten, Kleinfürstentümern, Grafschaften und […] Stammesgebieten zersprungen“ ist.

Die Polkappen schmelzen, das Meer frisst die Küsten, Trinkwasser ist das wertvollste, von mächtigen Hydrosyndikaten regulierte und in zahllosen Mikrokriegen umkämpfte Gut. Ethnische „Säuberungen“ sind an der Tagesordnung und auch dafür verantwortlich, dass die Mutter des Protagonisten, Jana, in ihre mittlerweile von einem venezianischen Triumvirat re-italienisierte Herkunftsheimat auf Cres/Cherso deportiert wurde.

Nachvollziehbare Konturen gewinnt dieses Szenario, in dem sich unter anderem das Protektorat Holstein mit der Polis Hamburg bekriegt, nie. Es genügt dem Autor, unter Hinweis auf die „Todes- und Untergangsängste“, von denen „das ganze Europa“ gequält wird, ein permanentes apokalyptisches Hintergrundrauschen zu erzeugen, das mit der inneren Zerrissenheit des Protagonisten korrespondiert. Der gehört zwar der neuen Aristokratie der Hydroingenieure an und genießt bei und zwischen seinen Einsätzen am Rio Xingu oder am Mekong größere Freiheiten als die meisten, hat’s aber auch nicht leicht.

Der Jähzorn des Vaters triggert eine Mordgier gegenüber Tieren, die sich unter anderem in der bizarren Leidenschaft manifestiert, Hornissen im Flug mit der Schere auseinanderzuschneiden. Und die isolierte Adoleszenz in den Schluchten von Bandon schürt das inzestuöse Begehren gegenüber seiner an der Glasknochenkrankheit erkrankten Schwester Mira; eine Leidenschaft, die sich an den Ufern des Weißen Flusses endlich rauschhaft Bahn bricht und dem Bruder – zwar „versteinert vor Erregung“, aber noch hinreichend mobil – endlich Gelegenheit verschafft, „zwischen ihren geöffneten, mit Flusswassertropfen besprengten Schenkeln zu versinken und an ihren Brüsten zu einem stöhnenden, keuchenden Säugling zu werden“.

Dass Mira inzwischen mit einem hochdekorierten Deichgrafen zusammenlebt und sich ihm zusehends entzieht, quält den Bruder freilich beträchtlich. Schwesternliebe, Vatermordgedanken und Muttersuche werden – teils ausführlich, teils willkürlich-gehetzt – als Motive und Motivation ins Spiel gebracht, um das Rinnsal der Handlung dem Finale entgegenzulenken.

Das in rauschender Redundanz beschworene „Tosen des Großen Falls“ und eine über alle Ufer tretende Wassermetaphorik – sie erfasst auch das „mit Kon­trolllampen besprengte Schaltpult im Erdgeschoss“ jenes Turms, in dem sich Mira ein „Bernsteinzimmer“ eingerichtet hat – entwickeln einen beträchtlichen Lärm, vermögen aber über die konzeptive und gedankliche Ärmlichkeit des Romans ebenso wenig hinwegzutäuschen wie die preziösen und prätentiösen, von Eisvögeln durchsirrten und ­Kolibris durchflirrten Bilderwelten, die der nimmermüde Kulissenschieber vor den längst ermatteten Augen seiner Leserschaft ausbreitet: „Ich sah jedes Bild klar und kalt wie einen von Traufenwasser übergossenen und gefrorenen Blütenball jener betörend duftenden Viburnum-Sträucher, die selbst im Schatten des Fallmeisterhauses in den Weihnachtstagen und bei alles verglasender Kälte in Blüte standen.“ Ja, Herrschaftszeiten, ich glaube, mein Viburnum leckt!

Richtig ärgerlich ist der saure Kitsch, der hier angerührt wird. Dass der Mensch des Menschen Wolf und die Zivilisation nur dünner Firnis sei, ist im Laufe der Menschheitsgeschichte ja schon das ein oder andere Mal erwähnt worden. Ransmayr sagt es noch einmal, macht mehr Worte und bündelt die Blümchen des Bösen zu einem üppigen Stilblütenbouquet: „Wie dünn, möglicherweise bloß hauchzart, war die Membran, die das Innerste eines friedlichen, Musik und Malerei und dazu Süßigkeiten, seine Kinder oder wenigstens sein Vieh liebenden Menschen von einer tief in ihm kauernden Bestie trennte? Und was musste geschehen, um diese Membran zu zerreißen, die Bestie aufzuscheuchen und einander völlig entgegengesetzte Möglichkeiten einer menschlichen Existenz wie in einem Kehrwasserwirbel ineinanderstürzen zu lassen?“

Die Antwort auf die Frage bleibt „Der Fallmeister“ schuldig. Denn obwohl sich der Roman im Untertitel mit der koketten Paraphrase eines Filmtitels von Krzysz­tof Kieślowski als „Eine kurze Geschichte vom Töten“ ausweist, erfährt man abseits des wohlfeilen zivilisationskritischen Geraunes und der abgeschmackten ­schauerästhetischen Effekte, die jede Erdbeere in einen Blutklumpen verwandeln, zu diesem Thema so gut wie nichts. Dass der Autor dafür nur 220 Seiten braucht, mag man eventuell als mildernden Umstand geltend machen.

Klaus Nüchtern in Falter 12/2021 vom 26.03.2021 (S. 34)

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Produktdetails
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ISBN 9783100022882
Ausgabe 1. Auflage
Erscheinungsdatum 24.03.2021
Umfang 224 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag S. FISCHER
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