Nein. Ein Manifest

von Eric Jarosinski

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Verlag: S. FISCHER
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Philosophie, Religion
Umfang: 136 Seiten
Erscheinungsdatum: 20.08.2015


Rezension aus FALTER 41/2015

„Was gut ankommt, ist eine kleine Explosion“

Wegen Twitter scheiterte Eric Jarosinski als Wissenschaftler. Wegen Twitter wurde er zum Star. Ein Gespräch über Scheitern, Erfolg, Sucht, Macht und Adorno



Die Wege des Herrn sind unergründlich, insbesondere die des Herrn Eric Jarosinski. Der amerikanische Professor für Germanistik wollte ein wissenschaftliches Werk schreiben und sich damit um eine Stelle an einer Elite-Uni bewerben. Doch dann entdeckte er den Kurznachrichtendienst Twitter. Anstatt sich um die Uni-Karriere zu kümmern, schuf er eine Kunstfigur und begann unter dem Namen „NeinQuarterly“ zu twittern. Die Karriere als Wissenschaftler ging in die Brüche. Die als Twitterer begann.

Jarosinskis Trumpf ist intelligenter Humor, seine Kurznachrichten sind Aphorismen. Seit 2012 sammelte er rund 120.00 Leser (im Twitter-Sprech: „Follower“). Das amerikanische Magazin Slate nennt ihn einen der „Lieblings-Nihilisten des Internets“, die deutsche Wochenzeitung Die Zeit meint, er könne „der erste hauptberufliche Twitter-Künstler“ werden, die Schweizer Neue Zürcher Zeitung beschreibt ihn als „Phänomen“. Jarosinskis Einträge sind so beliebt, dass ihn Die Zeit als Kolumnisten engagierte und der S. Fischer Verlag soeben sein Aphorismen-Büchlein „Nein. Ein Manifest“ herausbrachte. Vergangene Woche gastierte er in Graz und Wien, um sein neues Werk vorzustellen.



Falter: Herr Jarosinski, wie viel Zeit verbringen Sie am Tag auf Twitter?

Eric Jarosinski: Mehrere Stunden. Aber es ist schon viel weniger geworden. In den ersten zwei Jahren war ich bis zu zwölf Stunden am Tag damit beschäftigt. Es war ein Suchtverhalten, ich war von Twitter abhängig.



Twitter hat Ihre Uni-Karriere ruiniert.

Jarosinski: Es war nicht der Plan, die Uni-Karriere zu schmeißen und zum Vollzeit-Twitterer zu werden. Meine Hoffnung war, ich könne weiter twittern und die Uni hinkriegen. Aber Twitter war viel zu stark.



Warum?

Jarosinski: Das war ein ganz anderes Gefühl. Ich wollte viel lieber twittern als ein wissenschaftliches Buch schreiben. Meine damalige Freundin hat mich immer wieder gewarnt und sagte: „Du fliegst von der Uni, wenn du das Buch nicht schreibst.“ Das war mir selbst auch klar. Ich habe wirklich versucht, es zu schaffen. Aber Twitter war stärker.



Führt die Gier nach Bestätigung zu diesem Suchtverhalten auf Twitter?

Jarosinski: Viele sehen es so. Bestätigung ist ein Grund, aber nicht der einzige. Schließlich gibt es nicht nur Bestätigung, es ist jedes Mal ein Risiko, wenn man einen Tweet rausschickt. Vor allem, wenn man es mit Humor versucht. Das funktioniert nicht immer. Ich habe mir meine alten Einträge durchgelesen, die waren schlecht. Aber ich hab weitergemacht, auch wenn sie nicht weiterverbreitet wurden. Es ging mir auch um die Freude am Schreiben. Die hatte ich Jahre davor verloren. Und mir machte die Schauspielerei Spaß, die Rolle der Persona zu spielen. Ich hatte das Gefühl, ich komme so langsam aus meiner Isolation heraus.



Sie nennen sich heute einen „Failed Intellectual“, einen gescheiterten Intellektuellen. Bereuen Sie das Aus

an der Uni?

Jarosinski: Ich glaube, man hätte die wissenschaftliche Arbeit zwar nicht für das große philosophische Meisterwerk gehalten, aber wahrscheinlich wäre es durchgegangen und man hätte es akzeptiert. Aber ich habe mein Buch gehasst. Ich habe es nicht abgegeben, weil ich dachte, es müsse doch besser sein. Vielleicht war es für mich nötig, an der Uni zu scheitern. Ich war dort unglücklich. Es war wichtig, dass es am Ende nicht geklappt hat, sonst wäre ich unglücklich geblieben.



Befreiung durch Sucht.

Jarosinski: Befreiung durch Scheitern. Ich hatte an der Uni mit schweren philosophischen Themenkomplexen zu tun. Heute bin ich ein „Failed Intellectual“ und ich habe dadurch keine Erwartungen mehr an mich selbst. Wenn man große Weisheiten haben will, ist man bei mir an der falschen Adresse. Das soll man nicht von mir erwarten.



Sie sind in der Welt der Wissenschaften gefallen und in der Twitter-Welt aufgestiegen. Sie haben dort 2012 als Unbekannter begonnen. Heute gelten Sie als „Twitter-Phänomen“.

Jarosinski: All das wäre nicht möglich gewesen, wenn ich nicht das Gefühl gehabt hätte, nichts mehr verlieren zu können. Das hat mir Mut gemacht. Die Frage drängte sich auf: Was mache ich denn jetzt? Twitter hat für mich Potenzial gehabt, aber sicher war ich mir nicht. Ich habe es einfach versucht. Auch wenn mein Twitter-Account „Nein“ heißt, habe ich noch nie in meinem Leben so oft Ja zu verschiedenen Möglichkeiten gesagt, vor denen ich eigentlich Angst hatte. Aber ich dachte: So viel schlimmer als jetzt kann es nicht kommen.



Heute haben Sie knapp 120.000 Follower (Leser), Ihr Twitter-Account ist zum Selbstläufer geworden. Wer viele Follower hat, bekommt noch mehr dazu. Es ist wie beim Kapital: Die Reichen werden reicher.

Jarosinski: Das kann sein. Aber es ist sehr unterschiedlich, wie man zu den Followern kommt.

Wie haben Sie Ihre ersten Follower gesammelt?

Jarosinski: Ich habe bewusst Tweets geschrieben, in der Hoffnung, dass sie Leute wie Regisseur Michael Moore gut finden und teilen. Moore hat damals etwa eine Million Follower gehabt.



Das heißt, Sie haben ihn direkt angeschrieben.

Jarosinski: Ja, genau. Irgendwann hat er tatsächlich etwas von mir retweetet. Dadurch habe ich gleich 500 Follower dazubekommen. Da ist mir bewusst geworden, welches Potenzial einzelne Twitterer wie Michael Moore haben.



Wer wie Michael Moore schon ein Star ist, wird auch auf Twitter ein Star. Der berühmte Whistleblower Edward Snowden twittert seit vergangener Woche und sammelte innerhalb weniger Stunden eine Million Follower. Da werden alte Machtstrukturen weitergegeben.

Jarosinski: Ob man auf Twitter bekannt wird, ist von vielen Dingen abhängig. Es hat durchaus mit älteren Strukturen zu tun. Da spielt die politische Ökonomie von Aufmerksamkeit sicher eine Rolle.



Wie haben Sie als Unbekannter so viele Follower sammeln können?

Jarosinski: Es war ähnlich wie bei Woody Allen. Er hat am Anfang seiner Karriere One-Liner (Anm.: kurze, witzige Sätze) geschrieben und versucht, sie ans Radio oder Fernsehen zu verkaufen. Das Gleiche habe ich ein halbes Jahr auf Twitter gemacht. Als ich etwa 10.000 Follower hatte, hatte ich das Gefühl, das reicht jetzt. Dann ging es von alleine weiter.



Klingt beinahe nach einem

strategischen Plan.

Jarosinski: Der Zufall spielt auch eine große Rolle. Für mich war es am wichtigsten, dass ich die wichtigen Twitterer in Deutschland erreicht habe. Das sind nicht viele, aber die richtigen, wenn es um das Sammeln einer Gruppe geht.



Wie unterscheidet sich die

amerikanische von der

deutschsprachigen Twitter-Welt?

Jarosinski: Twitter ist im deutschsprachigen Raum längst nicht so populär wie in den Vereinigten Staaten, aber es gibt dort eine extreme Machtkonzentration. In deutschsprachigen Ländern twittern vor allem Journalisten, Politiker, Kulturschaffende und Leute aus der Wirtschaft. Das sind die klassischen Meinungsmacher, die Zugang zu den Medien haben. Nur wegen ihnen habe ich ein etwas größeres Publikum gefunden.



Die deutsche Qualitätszeitung Die Zeit hat Sie mittlerweile als Kolumnisten engagiert. Ihr Erfolg auf Twitter ist auf die klassischen Medien übergeschwappt.

Jarosinski: Die Printmedien haben verstanden, dass es ohne Twitter und soziale Medien nicht mehr geht. Sie wollen eine Brücke bauen zwischen Print und Twitter, um ein neues Publikum zu finden. Einige Qualitätszeitungen sehen in mir einen „Twitterphilosophen“, sie betrachten das als kulturelles Kapital. Auch wenn die Texte kurz sind, ist es ein Sinnbild von Intelligenz. Sie können dieses Experiment also wagen.



Hatte die Präsenz in den Printmedien wiederum Auswirkungen auf Ihr Twitter-Publikum?

Jarosinski: Das Publikum einer Zeitung ist ganz anders als das Twitter-Publikum. Die Zeit hat eine Auflage von über eine halben Million und erreicht mehr als zwei Millionen Leser. Aber seit ich bei der Zeit angefangen habe, habe ich kaum etwas davon gemerkt. Auf Twitter habe ich dadurch keine Follower dazugewonnen.



Bekommen Sie wenigstens Reaktionen auf Ihre Texte in der Zeitung?

Jarosinski: In 18 Monaten habe ich zwei Leserbriefe bekommen. Beide waren etwas unfreundlich. Print ist wie ein schwarzes Loch. Niemand reagiert auf dich. Die Redakteure haben gesagt, sie würden die Twitterer beneiden, weil die sofort Feedback bekommen, auch wenn manchmal harte Kommentare dabei sind. Die Redakteure arbeiten hingegen lange an ihren Texten und es kommt gar nichts zurück. Bei einer Zeitung ist es deshalb nicht das schlechteste Zeichen, wenn wenig Reaktion kommt. Denn es reagieren meist nur jene, die sich so aufregen, dass sie unbedingt schreiben müssen.



Wie ist das auf Twitter: Was ist erfolgreich?

Jarosinski: Was sehr gut ankommt, ist eine kleine Explosion. Eine schnelle kräftige Bestätigung für etwas. Wortspiele, bei denen der Leser sagt: „Das kenne ich auch, da ist etwas Wahres dran. Endlich hat mich jemand verstanden.“



Dabei haben Sie Ihre Kunstfigur „NeinQuarterly“ an den kulturpessimistischen Theodor Adorno angelehnt – einen Philosophen, den kaum jemand versteht?

Jarosinski: Niemand hat alles von ihm verstanden. Für mich ist er vor allem ein Autor von Aphorismen, ich bin ein Liebhaber seines Kultbuchs „Minima Moralia“.



Er schrieb auch über die „Kulturindustrie“, in der Kultur zur Ware geworden sei. Es zähle nicht mehr das Schönste, sondern was man am besten verkaufen könne. Also „Musikantenstadl“ statt Mozartkonzert. Adorno kritisiert dabei insbesondere das Fernsehen, weil es die Menschen verdumme. Wie würde er Twitter beschreiben?

Jarosinski: Er würde es vermutlich nicht gleich verdammen. Verdummung heißt bei ihm, man ist passiv, aber man lässt zugleich die eigene Fantasie leben. Fernsehen verspricht etwas, was es nicht liefert. Auf Twitter kann man hingegen aktiv sein, es kann eine politische Bedeutung bekommen. Im konkreten Sinn: Man kann damit Netzwerke bilden. Die Geschichte der letzten Jahre hat gezeigt, inwiefern das zu einer Waffe im politischen Kampf werden kann.

Der türkische Präsident Erdogan ließ Twitter sogar sperren, weil sich bei den Protesten gegen ihn im Istanbuler Gezi-Park Demonstranten über Twitter organisiert hatten.

Jarosinski: Ja, im Nahen Osten gab es schon früh Beispiele dafür. Dass die Polizeigewalt in den Vereinigten Staaten jetzt zu einem großen Thema geworden ist, hat auch sehr viel mit Twitter zu tun. Und mit dem Smartphone an sich. Adorno würde das dialektisch betrachten, denn einerseits ist man mobil mit dem Gerät in der Hand. Andererseits bleibt man darin gefangen, auch wenn man mobil ist. Es ist ein bisschen so wie es der Schriftsteller Franz Kafka einmal schrieb: „Ein Käfig ging einen Vogel suchen.“ Soziale Medien versprechen einem Gemeinschaft, aber sie können einen auch noch einsamer machen.



Hätte der Kulturpessimist Adorno selbst getwittert?

Jarosinski: Adorno hat selbst so kurze Aphorismen geschrieben. Und er hätte erkannt, dass es bei Twitter um die Grenzen des Schreibens geht – nämlich um die Länge. Darum, wie man mit Grenzen umgeht, wie man sie erkennt und versucht, sie zu überschreiten, auch wenn es nicht geht. Also: Wie könnte man mit 140 Zeichen etwas sagen, das mehr als 140 Zeichen kosten sollte?



Vor wenigen Tagen wurde kolportiert, Twitter überlege, sich vom 140-Zeichen-Limit zu verabschieden. Was hieße das für Twitter?

Jarosinski: Nichts Gutes. Twitter lebt von der Kürze. Man will ja kein langes Self-Help-Buch in einem Glückskeks finden. Noch, meinetwegen, anderswo.



Ökonomisch lebt Twitter vor

allem von seinen Benützern.

Es ist wie in der Kulturindustrie.

Ihre Tweets werden zur Ware, aber

Twitter schöpft das Geld ab.

Ist das nicht krank, dass Sie gratis

dafür arbeiten?

Jarosinski: Ich habe schon das Gefühl, unglaublich viel Zeit reinzustecken und trotzdem kann ich nicht davon leben. Das wird wahrscheinlich auch nie der Fall sein. Man muss verstehen, wie man das für sich selbst nutzt. Ich verdiene indirekt an Twitter. Das Wertvolle sind die Netzwerke, die man jahrelang aufgebaut hat. Ich habe mein eigenes Publikum und nehme mein Publikum mit. Das regelmäßige Einkommen verdiene ich als Kolumnist in der deutschen Zeit und der holländischen Zeitung NRC.



Kommen Sie mit dem Geld aus?

Jarosinski: Ich lebe in New York, das reicht nicht aus für diese teure Stadt. Ich könnte damit nicht einmal die Miete zahlen. Meine Freundin hat eine Stelle, sie macht etwas Richtiges. Ohne sie wäre es nicht möglich, das so zu machen, wie ich es mache. Also es soll keiner die Illusion haben, dass es leicht sei, nur mit Twitter durchzukommen. Ohne Hilfe ginge es nicht.



Kann überhaupt jemand von Twitter leben?

Jarosinski: Selbst bei Twitter sieht’s geschäftlich nicht so gut aus. Die Plattform wird es meiner Meinung nach nur noch ein paar Jahre geben. Seiten wie Myspace sind schließlich auch verschwunden. Die einzigen Leute, die es verstehen, Twitter zum Beruf zu machen, sind Musiker. Das Publikum kommt zum großen Teil über Twitter, und sie leben von den Auftritten.



Auch wenn Sie nicht davon leben können. Durch Ihr großes Publikum haben Sie Öffentlichkeit – und die bedeutet Macht.

Jarosinski: Ja. Die Frage ist, wie man damit umgeht und was man daraus macht. Bei mir sind die Ziele bescheiden. Aber einiges kann man schon bewirken.



Was kann man bewegen?

Jarosinski: Hat man ein Netzwerk von Leuten, die in der Tat Macht haben – wenn auch außerhalb von Twitter –, dann kann man etwa kleineren Initiativen helfen. Ich habe für das deutsche Journalismus-Crowdfunding-Projekt Krautreporter geworben. Auch in Athen wollten junge Journalisten in der Griechenland-Krise ihr eigenes Ding machen, sie wussten aber nicht, wie sie es finanzieren sollten. Ich habe mich für das Projekt auf Twitter stark gemacht. So wurden Journalisten aus dem Ausland auf die Reporter in Athen aufmerksam. Sie haben sich sehr schnell für das Projekt interessiert, weil die wiederum Quellen in Griechenland brauchen. Außerdem habe ich sie mit den Krautreportern aus Deutschland vernetzt. Die Journalisten in Griechenland starten jetzt selbst ein Crowdfunding-Projekt. Da merkt man, was man mit Netzwerken bewegen kann.



Sie sind nun auch in der mächtigen Rolle wie Michael Moore, der von anderen angeschrieben wird, damit er sie retweetet und die Nachrichten an ein größeres Publikum weitergibt.

Jarosinski: Ja, so ist es. Andere sehen meinen Account mittlerweile als Möglichkeit, um zu einem Publikum zu kommen. Mein Account „NeinQuarterly“ hat dadurch eine Herausgeberfunktion bekommen. Das macht es für mich leichter, etwas auch nicht zu retweeten. Denn ich weiß selbst, wie das war, wenn etwas nicht weitergeben wird. Damals habe ich auch von niemandem Re-

tweets erwartet. Aber ich neige dazu, immer noch zu viel als zu wenig zu teilen. Das bin ich dem Publikum schuldig, nur so bin ich selbst bekannt geworden. Da habe ich eine Ethik.



Warum retweeten Sie jemandem?

Jarosinski: Teilweise ist es Treue. Irgendjemand, der mein Buch gekauft hat oder mich zu Lesungen eingeladen hat. Meine große Angst ist, dass jemand einmal über mich sagt: „Er hat mich vergessen, weil er jetzt zu wichtig ist.“ Das Dumme daran ist: Man kann dabei nur verlieren. Denn die anderen 100.000 Follower, die diese Retweets sehen, sagen: „Der muss ja immer alles retweeten, was er kriegt.“



Das überrascht mich nicht. Ihr Twitter-Account zählt mittlerweile 35.000 Nachrichten.

Jarosinski: Ich twittere heute viel weniger als früher. Derzeit bewerbe ich meine Leserreise, da will ich nicht noch mehr Tweets in die Welt hinauszuschicken. Das ist etwas, was den Leuten sehr schnell auf die Nerven geht. Da habe ich in den ersten Jahren auch Abertausende abgeschreckt. Aber mir war es damals wichtiger, etwas zu schreiben. Auch wenn immer wieder die Klage kam: „Es ist zu viel Spam.“ Die geblieben sind, meinen es ernst. Das ist das, was zählt.

Benedikt Narodoslawsky in FALTER 41/2015 vom 09.10.2015 (S. 26)



Rezension aus FALTER 41/2015

Was ist Gerechtigkeit? Als Karotte getarnter Stock!

Neue Medien: Aphorismenschleuder und Twitter-Star Eric Jarosinski kann man jetzt auch auf Papier lesen



Man könnte die Theorie der sozialen Medien in Büchern abhandeln. Eric Jarosinski schafft es in 14 Worten. „Die Freude. / Die man online findet. / Beim Beinahfüllen der Leere. / Die man online erzeugt.“ Jarosinski ist ein Phänomen des digitalen Zeitalters. Dabei hatte er das gar nicht vor. Er lehrte an der University of Pennsylvania Philosophie und Germanistik. Als er sich daranmachte, ein akademisches Buch zu schreiben, mit dem er sich um eine Festanstellung an einer Elite-Uni bewerben wollte, entdeckte er den Kurznachrichtendienst Twitter.



Die Social-Media-Plattform, auf der man Nachrichten mit maximal 140 Zeichen absondern kann, wurde sein Verhängnis und seine Bestimmung. Er erfand das fiktive Journal „Nein.Quarterly: A Compendium of Utopian Negation“ und begann humoristische, sarkastische und kluge, oft auch misanthropische Botschaften in die Welt zu senden.

Statt Professor wurde Jarosinski Aphorismenschleuder und Twitter-Star. Er arbeitet die Lehren Adornos, Hegels und Marx’ in SMS-Länge auf und bringt in seinen Ergüssen manchmal mehr auf den Punkt als so mancher Philosoph in langen Abhandlungen. „Philosophie leicht gemacht“ erklärt Jarosinski etwa so: „1. Denken. / 2. Denken. / 3. Philosophie studieren. / 4. Fragen Sie sich, was Sie sich dabei gedacht haben.“

Dieses Büchlein kann man während einer Straßenbahnfahrt auslesen. Seine Poesie hat auch auf Papier die Form des Digitalen beibehalten. Zum Beispiel in Form von Hashtags, also Rautezeichen mit einem Wortanhängsel. Auf Twitter dienen diese als Schlagwortsammlung, Jarosinski nützt sie als Überschriften. Keiner seiner Verse ist auf Englisch länger als die erlaubten 140 Zeichen. Das sieht dann etwa so aus: „#PfadDerWeisheit – 1. Lange Rede. 2. Kurzer Sinn. 3. Kurze Rede. 4. Langer Sinn.“

Philosophie, Kunst, Sprache und Literatur sind die Themen, deren sich Jarosinski annimmt. Er beantwortet dabei auch die großen Fragen der Menschheit in aller Kürze. Was ist das Leben? „Die Haupt­ursache des Todes.“ Was ist Zeit? „Raumverschwendung.“ Was ist Frieden? „Wofür jeder kämpft.“ Was ist Gerechtigkeit? „Als Karotte getarnter Stock.“



Natürlich befasst sich der Mann, der dank der sozialen Medien berühmt wurde (er hat 118.000 Follower und bereits über 35.000 Tweets abgesetzt), mit den sozialen Medien selbst und erweist sich dabei als Kulturpessimist.

„#justfriends – Ja, werden wir sagen. / Soziale Medien. / Das war doch, als unsere Freunde sich aus unserem Leben verabschiedeten. / Und in unsere Smartphones wanderten.“ Jarosinski hat es mit „Nein. Ein Manifest“ genau umgekehrt gemacht. Der Menschenfeind ist aus dem Smartphone gekrochen und inspiriert seine Leser nun zeitlos auf Papier.

Benedikt Narodoslawsky in FALTER 41/2015 vom 09.10.2015 (S. 48)


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