Der Jonas-Komplex

Roman
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Der furiose neue Roman von Thomas Glavinic
Die Summe eines Jahres, der Querschnitt eines Lebens, das Abenteuer der Liebe.
Ein Jahr im Leben eines Wiener Schriftstellers, zwischen Drogen, Alkohol und Frauen. Ein Abenteuer, das Jonas und seine große Liebe Marie bis zum Südpol führen soll. Und ein dreizehnjähriger Junge, der leidenschaftlich Schach spielt, um seinem Alltag zu entfliehen. Dazu Nebenfiguren wie aus einem Tarantino-Film: Ein Anwalt der Hells Angels, ein WingTsun-Großmeister und eine Mörderin, die die Leichen ihrer Liebhaber mit einer Kettensäge zerlegt. Die wirkliche Welt trifft auf die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Und Thomas Glavinic gelingt das große Kunststück, all das in einen mitreißenden Roman über die entscheidenden Fragen zu verwandeln: Wer will ich sein? Und habe ich den Mut, die richtigen Entscheidungen dafür zu treffen?

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FALTER-Rezension

Bonjour tristesse, bonjour excès!

Im jüngsten Roman von Thomas Glavinic gibt sich ein dem Autor nicht ganz unähnlicher Erfolgsschriftsteller seinen Süchten hin

Das hehre Bild vom Literaturinteressierten, dem es ausschließlich um Erbauung, Kunstgenuss und die Erweiterung seines Horizonts geht, ist so öd wie Barbara-Rett-artig artig. Seiner primären Tätigkeit entsprechend aber ist er immer auch ein Voyeur, der durchs Guckloch eines Romans Einblicke in die Lebens- und Seelenräume des schreibenden Künstlers erhaschen möchte. Hatte Elfriede Jelinek in Wirklichkeit eine ähnlich schlimme Mutter wie Isabelle Huppert, pardon: wie Erika Kohut im Roman „Die Klavierspielerin“? War Thomas Bernhard ein ähnlicher Kotzbrocken wie der Ich-Erzähler seines Romans „Holzfällen“? Grundsätzlich gefragt: Wie viel Realität steckt in der Fiktion, wie viel vom schriftstellenden Schöpfergott lebt in seiner literarischen Kreatur weiter, wie viel vom Dichter findet sich in seiner Dichtung?
Auch Thomas Glavinic hat sich schon einmal einen Jux gemacht aus den Peepshowbedürfnissen seiner Leser. Protagonist seines Romans „Das bin doch ich“ (2007) ist ein Schriftsteller mit dem Namen Thomas Glavinic. Der veröffentlicht gerade den Roman „Die Arbeit der Nacht“ (den Glavinic auch tatsächlich geschrieben hat) und ist ansonsten von Depression und Hypochondrie gepeinigt. Ist er es wirklich? Man dürfe nicht auf dem „Glatteis der vermeintlichen Non-Fiction“ ausrutschen, warnte die Rezensentin Ursula März seinerzeit in der Zeit, der Roman lache „über den Leser und dessen verdorbene, gierig ans Authentische geklammerte Rezeption“.

In seinem neuen Roman „Der Jonas-Komplex“ verführt Thomas Glavinic den „verdorbenen“ Leser zu einem erneuten Sündenfall. Die Hauptfigur des Romans ist sehr nah, man könnte sagen: hautnah dran an der Person des österreichischen Erfolgsschriftstellers. Der Ich-Erzähler ist ein in Wien lebender Literat mit Hang zu Alkohol-, Drogen- und Sexexzessen, die bevorzugt im Café Anzengruber oder im Restaurant Otto e Mezzo ihren Anfang nehmen. Glavinics Freund, der Anwalt Werner Tomanek, ist im Roman der Anwalt Werner Tomanek, Schriftstellerkollegen wie Daniel Kehlmann oder Ela Angerer werden hier im Gegensatz zu „Das bin doch ich“ nur mit Vornamen genannt.
In diesen zentralen Erzählstrang über den Erfolgsautor von heute flicht Glavinic zwei weitere ein: In dem einen berichtet der Ich-Erzähler von einem Jahr seiner Jugend in der Weststeiermark.
Wir schreiben das Jahr 1985, der 13-Jährige lebt bei einer alleinerziehenden, alkoholabhängigen, zu sexuellen Ausschweifungen neigenden Frau, die er Uriella nennt. Er ernährt sich fast ausschließlich von Milchbrot und fühlt sich unendlich einsam. Erinnerungen an die verstorbene Großmutter, bei der er die Kindheit verbrachte, Bücher und erste größere Erfolge auf dem Gebiet des Schachspiels erhellen die pubertierende Existenz nur spärlich.
Auf der dritten Erzählebene trifft der Leser auf einen alten Bekannten im Glavinic-Kosmos: Jonas. Die aus den Romanen „Die Arbeit der Nacht“ (2006), „Das Leben der Wünsche“ (2009) und „Das größere Wunder“ (2013) bestehende Jonas-Trilogie wird also zur Tetralogie erweitert.

Immer noch unermesslich reich, neigt auch diese Hauptfigur zum Extremen, wenn auch auf sanfte Weise. So beauftragt Jonas etwa seinen japanischen Anwalt Tanaka, ihn bewusstlos an möglichst bizarre, entlegene Orte auf der ganzen Welt zu verfrachten. Dort muss Jonas dann schauen, wie er überlebt und wieder in die Zivilisation zurückfindet. Eine Südpolexpedition von Jonas und dessen Freundin, der brillanten Gehirnchirurgin Marie, bildet einen Spannungsbogen, der die 750 Seiten des Romans tragen soll.
Und im steten Wechsel der drei Geschichtsgänge konsumiert sich dieser auch recht flüssig. Der Voyeur im Leser kommt angesichts der Promiskuität des gegenwärtigen Ich-Erzählers auf seine Kosten: „In den vergangenen sieben Tagen habe ich nach meiner Zählung mit vier oder fünf Frauen geschlafen.“ – „Während ich in einem etwas verkrampften Rhythmus in sie hineinstoße, schwitze ich, ich schwitze Schnaps und Koks.“ – „Über 100 Stunden wach. Fünf Tage. Fünf Nächte. Geschätzte zwei- bis dreitausend Euro verkokst.“ – „In den Hecken gegenüber dem Café Anzengruber will man nicht wirklich erwachen.“ – „Ein Sauhaufen, mein Innen.“
Wieder und wieder startet der Protagonist Versuche, seinen Süchten zu entkommen, führt Protokolllisten der täglichen Alkohol- und Kokseinnahmen. Er hadert mit seiner Willensschwäche, weist besorgte Freunde (die mit Fortdauer des Buches weniger werden) darauf hin, dass er kein Alkoholproblem habe, da er ja in den zwischenzeitlichen Abstinenzphasen arbeite. Als er nach dem Konsum von acht Flaschen Wein im Krankenhaus erwacht, führt sein erster Gang nach der Entlassung ins Beisl vis-à-vis. Er will ja eh nichts mehr trinken! „Aber Bewusstsein gegen Unterbewusstes ist wie Bambi gegen Godzilla.“

Den lesenden Laienpsychologen rührt und interessiert die Teenagerzeit des Schriftstellers; die Geschichte eines Außenseiters, der nur liest, Schach spielt und ein Mädchen in seiner Klasse von fern anbetet. Beklemmend die Szenen sexuellen Missbrauchs, in denen die betrunkene Uriella den 13-Jährigen abends ins Wohnzimmer ruft, um eine „Filzlaus-Inspektion“ in seinem Genitalbereich vorzunehmen: „Ihre Finger mit den knallrot lackierten Nägeln graben sich in den Knisterwald.“
„Die schlimmste Scham“ fühlt er, als er sich danach im Zimmer einen runterholt. Weniger später initiiert er die Genitalinspektion aber schon selber und bittet die betrunkene Uriella, ihm danach einen zu blasen – was diese laut lachend ablehnt. Diese Zeit zwischen Einsamkeit, Verwahrlosung und Genieverdacht erscheint als Nährboden für die späteren Dämonen im Leben des Protagonisten.
Freund und Freundin von surrealen Settings, lebensphilosophischen Sinnsuchereien und märchenhaft entrückten Liebesgeschichten dürften bei Jonas und Marie auf ihre Kosten kommen. „Völlig auf sich selbst zurückfallen“ möchte das superverliebte Liebespaar bei der gemeinsamen Südpolexpedition, die Reise soll zur „Ich-Erkundung“ werden.
Oft gleitet Glavinic bei seinen Reflexionen in Plattitüden ab, etwa wenn er konstatiert: „Jeder von uns ist eine Galaxie.“ Gleichzeitig gilt aber auch: „Wir sind so etwas wie Fliegendreck.“ Ein paar Sätze weiter glimmt die Erkenntnis: „Tief drinnen sind wir Teufel.“ Engel aber sicher auch?!
Wird am Ende alles gut? „Kraft und Wildheit kann die Welt retten“, weiß Glavinic. Na dann prost!

Am 29.3., 20 Uhr, liest und spricht Thomas Glavinic im Rabenhof Theater (mit Christian Dolezal), am 15.4., 20.15 Uhr, tritt er im Rahmen des Ö1-Club-Festivals im MQ auf

Stefan Ender in Falter 11/2016 vom 18.03.2016 (S. 9)

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Produktdetails
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ISBN 9783100024640
Ausgabe 1. Auflage
Erscheinungsdatum 10.03.2016
Umfang 752 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag S. FISCHER
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