Yseut.
Abenteuerroman in 37 Folgen.

von Marlene Streeruwitz

€ 25,70
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: S. FISCHER
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 416 Seiten
Erscheinungsdatum: 22.09.2016


Rezension aus FALTER 38/2016

Atemlos im Unruhestand

Marlene Streeruwitz erzählt in ihrem neuen Roman „Yseut“ mit durchgedrücktem Gaspedal ein verwirrendes Frauenleben

Der neue Roman von Marlene Streeruwitz erlaubt einige Lektüremöglichkeiten. Man kann ihn als Frauenbiografie lesen, als zeitgeschichtlichen Roman über die letzten 60 Jahre sowie als einen Text über aktuelle, bedenkliche Entwicklungen in Europa. Von Fahrschulen könnte er als Anschauungsmaterial, wie man sich im Straßenverkehr nicht verhalten sollte, herangezogen werden.
Die Heldin hat nicht nur einen Hang zu überhöhter Geschwindigkeit, sie vollzieht auch gern riskante U-Turns und begeht, wenn es wirklich brenzlig wird, mit pochendem Herzen Fahrerflucht. Wenn sie ins Auto steigt, spürt Yseut Ysabella Lucas sich so richtig.

Speed ist Programm, Streeruwitz steigt in ihrem neuen Roman mächtig aufs Gas. Ihre Protagonistin hat ein paar Ehen hinter sich und ein Kind allein großgezogen. Nun befindet sie sich in dem Lebensabschnitt, in dem überkommenen Vorstellungen zufolge langsam Ruhe einkehren sollte.
Der natürliche Modus von Yseut (eine Form von Isolde, „Üsütt“ ausgesprochen) freilich ist der Unruhestand – und das Erzähltempo ist entsprechend. War eine gewisse Kurzatmigkeit stets ein Merkmal von Streeruwitz’ Stil, so bewegt er sich in „Yseut.“ Richtung Atemlosigkeit.
Die Heldin düst nach Italien, um nachzudenken. Ein Alfred ist in ihr Leben getreten, und sie ist sich nicht sicher, ob sie noch einmal eine richtige Beziehung mit allem Drum und Dran führen will. Zeit, um sich groß Gedanken zu machen, bleibt freilich nicht. Kaum ist sie in einer alten, stilvoll verfallenden Villa in der Nähe von Ravenna abgestiegen, wird Yseut in merkwürdige Konflikte hineingezogen.

Die Handlung bekommt den Touch eines absurden Actionfilms: Ein Weltkriegsveteran von über 90 Jahren erweist sich bei einer Attacke von jungen Männern als erstaunlich beweglich. Yseut feuert mit ihrer Waffe Schüsse ab und gerät ins Visier eines zwielichtigen Ermittlers. Überhaupt scheint in Italien bereits Ausnahmezustand zu herrschen: Alle Flüchtlinge gelten als illegal, Polizei, Militär und Mafia liefern einander Gefechte und abends sind die Straßen so gut wie menschenleer. Nur das Essen ist immer noch grandios.
Der im Untertitel versprochene „Abenteuerroman“ wird von Kapiteln unterbrochen, die Yseuts Vorgeschichte aufrollen. Da ist einiges zusammengekommen: Aufgewachsen in einer Familie, in der über die Nazizeit nicht gesprochen wurde, stürzte sie sich ganz jung in ihre erste Ehe und ging mit ihrem Mann nach Kalifornien. Dort wurde sie zum Hippie und zog mit einer Theatergruppe durchs Land. Später lebte Yseut wieder in Wien und in Frankfurt, heiratete erneut, versuchte sich nochmal als Schauspielerin und verdiente ihr Geld in der Werbung. Die Schilderungen bleiben hier bruchstückhaft, müssen es angesichts der Fülle an Material wohl. Manches wird auch nur sehr unbefriedigend kurz angeteasert: Auf einer Seite erinnert sich Yseut an die Zeit des Kalten Kriegs, auf der nächsten fällt ihr ein, dass ein Kaplan ihr und ihren Mitschülerinnen KZ-Szenen aus SS-Filmen zeigte, um ihnen das Böse vor Augen zu führen. Am Schluss reißen die Vergangenheitskapitel ganz ab und der Roman konzentriert sich auf die – auch von der formalen Umsetzung her – zwingendere Gegenwartshandlung.

Das schönste und verrückteste Kapitel ist jenes, in dem Damals und Heute ungebremst aufeinandertreffen. Der charmante Gauner Gio Gio schickt Yseut dafür in eine Art Nostalgiepark, in dem sie ausgewählte Szenen ihres Lebens noch einmal erleben darf – oder, besser gesagt, unter Mitwirkung zahlreicher Laiendarsteller vorgespielt bekommt. Sie weiß nicht, wie ihr geschieht und ob sie fasziniert und verstört sein soll.
Ähnlich ergeht es einem bei der Lektüre. Worauf das alles hinauslaufen und welche Lebensbilanz sich für Yseut aus dem Geschilderten ergeben könnte, darauf gibt der Roman kaum Hinweise. Will er auch gar nicht. Für die Heldin ist nämlich, wie einst Udo Jürgens in „Mit 66 Jahren“ sang, „noch lange nicht Schluss“.

Lesung am 23.9., 19 Uhr in der Hauptbücherei

Sebastian Fasthuber in FALTER 38/2016 vom 23.09.2016 (S. 35)


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