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Verlag: S. Fischer
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 12/2001

Mit "Liebestod" hat Oscar van den Boogaard einen kammerspielartig angelegten, hinterfotzigen Psychothriller geschrieben.

Count your blessings. Mit rotem Garn auf weißes Leinen gestickt, und als Losung an die Wand gehängt. Wenn es aber nichts gibt, was nach Segen riecht? Oda Klein zählt und zählt und findet nichts. Vera, ihre kleine Tochter, ist verunglückt, ihre Ehe daran zerbrochen, die Lebenslust verschwunden. Alles tot. Ein "Liebestod"? So jedenfalls nennt Oscar van den Boogaard seinen zweiten auf Deutsch erschienenen Roman. Ein Fundstück.

Klingt alles furchtbar bekannt: Das tote Kind, das aufgebahrt bleibt; die Eltern, die sich nur mehr anstarren und dabei aus den Augen verlieren; die Zeit, die keine Wunden heilt, sondern diese neu aufreißt. Oscar van den Boogaards "Liebestod" ist ein statischer Roman, der ohne großen Theaterzauber auskommt und die Hauptdarsteller gegen die Wand rennen lässt.

Szenen einer Ehe: Paul Klein, Oberstleutnant und scheinbar idealer Gatte, friert neben seiner Frau. Nach Veras Tod flüchtet er in den Dienst, in die Tropen, schickt muntere Briefe heimwärts, kehrt erst nach Jahren zu Oda zurück. Zu Hause erwartet ihn eine neue Eiszeit. Was bleibt einem wie ihm? Der Schaukelstuhl, Genever und eine schmale Matratze im Kämmerchen seiner Tochter. "Er wird für den Rest des Tages in seinem Zimmer sitzen, denn seine Frau will respektiert werden. Dann wird er müde, denkt ans Schlafen und daran, dass morgen wieder ein neuer Tag ist. Schlaf ist der größte Segen seines Lebens, Paul kann schlafen, und zwar so gut, dass ihm das Nachtleben seiner Frau völlig entgeht."

Wie ihm schon vor Veras Tod einiges entgangen ist. Oda hat ihren Mann jahrelang mit dessen bestem Freund Emile betrogen und mit diesem ein neues Leben in Arbeit begonnen: Das gemeinsame Haus ist frisch möbliert, das Kinderzimmer für Vera eingerichtet. Just an jenem Abend, da Oda ihrem Mann reinen Wein einschenken will, erfährt sie, dass ihre Tochter ertrunken ist. Sie bleibt bei Paul - und zieht sich noch mehr von ihm zurück.

Oscar van den Boogaards "Liebestod" ist ein artifizieller, eigensinniger Text. Er bleibt kühl, solange er die äußeren Entwicklungen der Figuren nachzeichnet. Der Autor beobachtet die Szenerie kalten Blicks, kommentiert sie lakonisch, rückt die Geschehnisse in eine ironische Distanz, um sie dann wieder nah an sich heranzuholen. Denn natürlich öffnet der Roman auch die Herzkammern der Helden. Psychologische Diagnosen bleiben uns erspart. Stattdessen gibt es sarkastisch verfremdete Notizen zu den einzelnen Leidensgeschichten. "Oda und Vera waren eine Einheit gewesen wie der Strand und das Meer. Ohne das Kind herrscht immer Ebbe, und das Meer hat sich dann für immer zurückgezogen, und der Strand wartet, wider besseres Wissen, vielleicht nur aus Gewohnheit oder weil er einfach nicht anders kann." Oder, wie es van den Boogaard, der in Ira Wilhelm eine versierte Übersetzerin gefunden hat, fast schon sentenzenhaft fasst: "Frauen sind ausufernde Wesen, keine Form setzt ihnen Grenzen, ihr Leben ist eine Begleiterscheinung, und Oda beneidet jede Frau, die aus Überzeugung sagt, dass das nicht wahr sei, aus tiefstem Herzen."

Van den Bogaard begnügt sich aber nicht mit der Erzeugung jenes atmosphärischen Flirrens, das vor allem dort entsteht, wo das Surreale die Wirklichkeit unterläuft. Stück für Stück entkleidet er die Kleins, durchblättert Seite für Seite die Familienchronik, bis er den eigentlichen Hintergrund der Tragödie enthüllt hat. Der Roman endet in einer Andeutung: War dieser Emile mehr als Odas Liebhaber, hat er etwa Vera ... ? Count your blessings.

Ein verhaltener, hinterfotziger Psychothriller um Arglosigkeit, Ignoranz und Schuld - und Nachrichten aus einer desperaten Welt. "Es gibt keinen Ausweg hienieden", hört mans im "Liebestod" trällern, "auf dem Mond stehn lauter Mercedes Benze, auf der Venus schwimmt ein Maschinenmeer, auf Erden singt ein einsamer Vogel im letzten aller Lenze." Und der machts sicher nicht mehr lang.

Susanne Schaber in FALTER 12/2001 vom 23.03.2001 (S. 8)


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