Zeitfäden
Erinnerungen

von Peter Brook, Heiko Arntz

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: S. Fischer
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 41/1999

Es ist nicht so, dass dieses Buch unverzichtbar wäre – zu Peter Brooks Theaterarbeit mangelt es nicht an Publikationen, am wenigsten an solchen, die der in London geborene und mittlerweile in Paris am International Center of Theater Research lehrende Theaterguru selbst verfasst hat. "Zeitfäden", im Untertitel "Erinnerungen" genannt, zäumt das Pferd nun noch einmal, und zwar von einer anderen Seite her, auf. Brook, der schon immer ein guter Erzähler war, der stets verstanden hat, Theatertheorie mit Theaterpraxis mühelos Hand in Hand gehen zu lassen, schreibt hier entlang seiner Biografie, also weitgehend chronologisch, und ohne – wie in diesem Genre gern praktiziert – in ausufernden intimen Privatkram oder High-Society-Tratsch und -Klatsch abzugleiten.
Obwohl man so etwas allzu gerne schreibt, hier trifft es wirklich zu: Brook erzählt angenehm uneitel, sehr wohl aber zielsicher zupackend und bewundernswert selbstbewusst. Es stellt sich nie das negative Gefühl ein, es doziere ein "Facharbeiter" über sein einziges Spezialgebiet. Für Brook war das Theater weniger von Anfang an Bestimmung als vielmehr ein Weg von vielen. Als er im Film nicht weiterkommt, denkt er wieder ans Theater – allerdings "ohne große Begeisterung". Die Begeisterung kommt zwar später, die Zerrissenheit und die Neigung zum Film aber bleibt. Nach seinen ersten Versuchen an Londoner Theatern und bei der Royal Shakespeare Company in Stratford sowie einem Intermezzo als Ballettkritiker verschlägt es ihn mit 22 an die renommierte Opernbühne Covent Garden: "Natürlich hatte ich keinerlei Qualifikationen dafür, aber verunsichert fühlte ich mich dadurch keineswegs, denn das Nachkriegsrepertoire in Covent Garden war unglaublich schlecht." Eine seiner negativen Erfahrungen: "Ein Zusammenhang zwischen Opernprofis und Sex ist oft schwer vorstellbar."
Brook pendelt weiter in den verschiedenen Gattungen, inszeniert in Paris und London, schwärmt über die Arbeit mit Jeanne Moreau, ist auf der Sinnsuche und landet bei dem russischen Guru George Iwanowitch Gurdjieff, entwickelt nach und nach seine praxisorientierten Gedanken zum Theater, begibt sich mit seiner Truppe auf Theaterforschungsreisen nach Afghanistan, Iran, Afrika und Indien. Brook schildert ausführlich von diesen Reisen, seinem daraus entstandenen "Mahabharata"-Projekt und seiner experimentellen Arbeit in Paris.

Und er bleibt auch als Autor seinem Motto treu: "Langeweile ist mir immer als eine der konstruktivsten geistigen Verfassungen erschienen. Wenn mich etwas in meiner Theaterarbeit gelenkt und mir immer wieder geholfen hat, vor allem bei Klassikerinszenierungen und an der Oper, dann war es mein tiefes Bedürfnis, anderen das Elend zu ersparen, sich auf ihrem Sitz zu winden und zu quälen, jenen geisttötenden Ennui, den ich in meinen ersten Jahren als Theaterzuschauer so oft erlebt habe."

Karin Cerny in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 28)


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