Galilei, der Höfling
Entdeckungen und Etikette: Vom Aufstieg der neuen Wissenschaft

von Mario Biagioli

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: S. Fischer
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 12/1999

Die Monde der Medici

In "Galilei, der Hofling" beschreibt Mario Biagioli die Geburt der modernen Wissenschaft aus dem Geiste des hofischen Lebens. Ohne Klientelismus kein Kopernikus, ohne Etikette keine Entdeckungen.
"Und sie bewegt sich doch!" Wie fast alle berühmten Sätze berühmter Männer ist auch dieser Ausspruch Galileo Galileis historisch nicht verbürgt. Niemand weiß, ob er 1633 beim Verlassen des Gerichtssaals der romischen Inquisition überhaupt etwas gesagt hat, nachdem er der kopernikanischen Lehre - der gemäß sich die Erde um die Sonne dreht - hatte abschworen müssen.
Dennoch komprimiert dieser Ausruf das gängige Bild Galileis aufs trefflichste: Der geniale Naturwissenschaftler widersteht zumindest innerlich dem Diktat einer tyrannischen Macht, die zu Durchsetzung ihrer Dogmen auch vor brutalem Zwang nicht zurückschreckt und den fast Siebzigjährigen beinahe noch auf die Folter gespannt hätte. Freilich, dies ist das Galilei-Bild des späten 19. Jahrhunderts, in dem liberale und antiklerikale Stromungen im Zeichen des Kulturkampfes gegen die katholische Kirche nach historischen Vorläufern suchten und in Galilei fündig wurden.
Die Forschung bemüht sich schon lange, den Fall Galileis zu entmystifizieren, indem sie ihn vollständig historisiert, sprich: aus den Bedingungen seiner Zeit heraus zu verstehen sucht. Der endgültige Durchbruch dürfte jetzt Mario Biagioli, Wissenschaftshistoriker an der Harvard University, gelungen sein. Sein "Galilei, der Hofling" ist ein Triumph, weil darin Wissenschaftsgeschichte konsequent und überzeugend als Sozial- und Kulturgeschichte geschrieben wird. Es ist somit nicht nur ein Buch über Galilei, sondern über das "Funktionieren" von Wissenschaft in der frühen Neuzeit überhaupt. Und um das nachvollziehen zu konnen, sollten wir erstmal unsere heutigen Begriffe von Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit beiseite lassen.

Galileis Adelung
Autorisierte Interpreten der Natur sind um 1600 nur die Philosophen. Als Mathematiker steht Galilei aufgrund der herrschenden Wissenschaftshierarchie unter ihnen und kann diese erst gar nicht herausfordern. Biagioli beschreibt nun, wie sich Galilei selbst neu erschafft, sich aus vorhandenen Identitätsbruchstücken "zusammenbastelt". 1609 entdeckt er mit dem gerade erfundenen Fernrohr vier Jupitermonde, die er flugs die mediceischen Gestirne tauft. Eine himmlische Fügung, fürwahr: Cosimo, der regierende Großfürst der Toskana, hat drei Brüder. Was aber noch schwerer wiegt: Jupiter spielt eine kardinale Rolle in der Familien-Mythologie, die die Medici kultivieren, um ihre Herrschaft zu zementieren (und ihre eher mediokre patrizische Abkunft zu verschleiern).
Indem Galilei seine astronomische Entdeckung in ein dynastisches Emblem verwandelt, zeigt er erstens, daß Naturforschung durchaus ihren Platz bei Hofe hat, und verschafft zweitens durch die Verknüpfung mit der fürstlichen Machtsymbolik seinen wissenschaftlichen Ideen die notige Legitimation. Im Juli 1610 wird er zum Hofphilosophen der Medici ernannt, eine neu geschaffene Position und eine Art "sozioprofessioneller Adelung".

"Mikrophysik der Patronage"
Vor der Entstehung wissenschaftlicher Zeitschriften muß der Naturforscher auf anderem Wege zur Verbreitung seiner Ideen sorgen. Galilei tut dies in (weit zirkulierenden) Briefen an Fürsten bzw. mit ihnen gewidmeten Werken. "Entdecker beziehen aus ihren Entdeckungen Macht nur auf dem Weg über die Institutionen, die diese Entdeckungen legitimieren", schreibt Biagioli. Das für uns zunächst Irritierende ist die Verflechtung von Patronage und Wissensproduktion. Nur der Nichtwissenschaftler Cosimo kann den Erkenntnissen Galileis epistemologische Würde verleihen, denn in der frühen Neuzeit sind Status und Glaubwürdigkeit kaum voneinander zu trennen.
Ihre Beziehung ist die von Patron und Klient und erlegt beiden entsprechende Pflichten auf. Von Galilei wird erwartet, daß er den Ruhm des Hofes mehrt, indem er etwa bei "wissenschaftlichen" Disputen glänzt. Derartige Auseinandersetzungen interpretiert Biagioli im hofischen Kontext folgerichtig als Duelle. Hält man den Herausforderer für zu gering, ignoriert man ihn oder läßt seinen Schüler antworten. Duelle sind gefährlich - man kann sie verlieren -, steigern aber auch die eigene Sichtbarkeit. Apropos Sichtbarkeit: Ausgerechnet die dogmatisch leicht angreifbare Lehre des Kopernikanismus wird für Galilei zum Sprungbrett. Sie verschafft ihm das notige Auf- und Ansehen: Viel Feind, viel Ehr'. Das heißt nicht, daß Galilei aus reinem Karrierekalkül Kopernikaner wird. Aber beides bedingt sich gegenseitig.
Bella Figura machen
Biagioli zeigt, wie virtuos Galilei auf der hofischen Klaviatur zu spielen vermag, wenn es ihm immer wieder gelingt, vor allem die Universitätsphilosophen als Pedanten und Dogmatiker zu brandmarken. Galileis polemischer und sarkastischer Ton, mit dem er in seinen Schriften seine Gegner attackiert, erscheint in diesem Licht weniger als Charaktereigenschaft, sondern als Einlosung einer Erwartungshaltung. Was bei Hofe zählt, ist eine gute "Show", nicht Rechthaberei, sondern "bella figura".
Als Hofphilosoph der Medici sieht sich Galilei aber noch nicht am Ende seiner Karriereleiter. Vor allem seit dem Tod Cosimos 1621 richtet er seinen Blick nach Rom. 1623 wird Maffeo Barberini, ein guter Bekannter Galileis, Papst. Auch er ein Hofling mit verfeinertem Geschmack, der Galileis Witz und Eleganz schätzt.

Der Sturz des Favoriten
Galileis Karriere ist ein Musterbeispiel hofischen Daseins - inklusive ihres unrühmlichen Endes. In seinem kopernikanischen Eifer schätzt Galilei die Lage falsch ein und überspannt den Bogen. Sein Patron Urban VIII. fühlt sich im 1632 erscheinenden "Dialogo" lächerlich gemacht. Zudem zwingt ihn eine außenpolitische Krise auf dem Hohepunkt des Dreißigjährigen Krieges, den entschlossenen Herrscher zu mimen. Biagioli versteht Galileis Verurteilung als ein rituelles Opfer, mit dem der Fürst "Gerechtigkeit" schafft. Der vollständigen "Reinigung" wegen muß der Fall auch absolut sein und unausweichlich scheinen. Der Papst entläßt seinen intellektuellen "Favoriten", der nächste, der Jesuit Athanasius Kircher, ist schon auf dem Weg nach Rom. In einem dynamischen System wie dem der Patronage ist ein Sturz nichts Außergewohnliches, sondern die Norm. Hier bewegt sich tatsächlich alles.

Oliver Hochadel in FALTER 12/1999 vom 26.03.1999 (S. 26)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb