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Verlag: S. Fischer
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 12/2001

Emmanuel Carreres packendes Buch "Amok" basiert auf einem realen Fall: Nach 15 Jahren fingierter Existenz als WHO-Beamter ermordete Jean-Claude Romand seine Familie.

Der Schriftsteller Emmanuel Carrere rang gerade mit den ersten Skizzen zu "Schneetreiben", einem Roman über das Schicksal, Sohn eines Kindermörders zu sein, als im Januar 1993 im Französischen Jura Jean-Claude Romand seine Eltern ermordete, dann seine Frau und seine beiden Kinder. Die Region stand unter Schock. Carrere schrieb dem mehrfachen Mörder, er habe vor, anhand seines Falls über einen Amokläufer zu schreiben, vorausgesetzt, er, Romand, wäre bereit, ihm Auskunft über die eigene Person zu geben. Auf Anraten seines Anwalts antwortet Romand erst nach der Urteilsverkündung, also zwei Jahre später. Carrere beginnt einen Briefwechsel mit dem mehrfachen Mörder, besucht ihn im Gefängnis. Bis zur Fertigstellung des Romans, in dem der Autor wie schon in "Schneetreiben" eine umfassende Anatomie des Täters erstellt, wird ihn der Fall Romand rund sieben Jahre beschäftigt haben.

Der Lebensweg Jean-Claude Romands ist so befremdend wie spektakulär. Carrere rekonstruiert ihn, berichtet aber auch von der Gerichtsverhandlung und seiner eigenen obsessiven Beschäftigung mit Mördern. Schon zwanzig Jahre vor der Bluttat werden die Weichen Richtung Amok gestellt: Der Student Romand versäumt eine Prüfung, verliert ein Semester. Statt zur Wiederholung anzutreten, belügt er seine Eltern und Freunde, findet einen Weg, als Karteileiche an der Universität eingeschrieben zu bleiben und mimt den karrieretauglichen Nachwuchsmediziner. Ein Kartenhaus aus Lügen bekommt sein Fundament.

Es ist unglaublich, doch fünfzehn Jahre lang bezweifelt niemand, dass Jean-Claude Romand bei der Weltgesundheitsorganisation in Genf arbeitet. Selbst seine Frau schöpft keinen Verdacht. Um einen seiner fingierten Existenz entsprechenden Lebensstil aufrecht erhalten zu können, muss Romand ein System von Leihgebern aufbauen, die ihr Vermögen langfristig an ihn binden. Das Kartenhaus wird immer größer und statisch gewagter. Sein Einsturz ist nur mehr eine Frage der Zeit.

Carrere glaubt übrigens nicht, dass Romands Versuch, sich am Ende des Amoklaufs selbst zu richten, wirklich entschlossen war. Die Aussagen, die der Mörder während des Prozesses macht und die Carrere referiert, sprechen dafür, dass sich Romand schnell eine neue Fantasiewelt zusammenzimmerte, statt sich der Realität zu stellen. Diesmal flüchtet er in die katholische "Bewegung der Zweitausend", deren Mitglieder im Schichtbetrieb Fürbitten an die helfenden Hände "Seiner göttlichen Gnade" richten. "Tröstlich ist für mich (...) die Vorstellung, dass ich sogar hier im Gefängnis von unsichtbaren Fäden gehalten werde." Romand, ein Mitleid erregender Mensch? Eine Bestie?

Wie schon in "Schneetreiben" gelingt Carrere auch mit "Amok" ein intimes literarisches Porträt, das weder Sympathien für einen Täter weckt noch einen Täter zum Unmenschen degradiert: Spannung, die gleichzeitig Adrenalinhaushalt und Hirnstoffwechsel in Schwung hält.

Martin Droschke in FALTER 12/2001 vom 23.03.2001 (S. 7)


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