Die wahre Geschichte von Ned Kelly und seiner Gang

von Peter Carey, Regina Rawlinson

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: S. Fischer
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 12/2002

In seinem preisgekrönten Roman verleiht Peter Carey dem australischen Volkshelden und Outlaw Ned Kelly eine Stimme.

Eigentlich hätte Peter Carey Organische Chemie und Zoologie studieren sollen. Ein schwerer Autounfall verschaffte ihm aber einen glänzenden Vorwand, das ungeliebte Fach hinter sich zu lassen. Zu unserem Glück bekam er einen Job in einer Werbeagentur in Melbourne, hatte dort einige Kollegen, die von der Schriftstellerei allein nicht leben konnten – und kam so zur Literatur. Ein Schlüsselerlebnis war für ihn die Faulkner-Lektüre. "Faulkner das erste Mal zu lesen war für mich wie die Entdeckung eines neuen Planeten. Die Freude an dieser Sprache, der Anspruch, den Sprachlosen eine Stimme zu verleihen!" Damals, Anfang der Sechzigerjahre, fasste Carey den Entschluss, selbst Autor zu werden. Noch lange Zeit arbeitete er weiter in der Werbebranche, heute, nach dem siebenten Roman und der zweitmaligen Auszeichnung mit dem begehrten Booker Prize (etwas, was bislang neben Carey nur dem Südafrikaner J.M. Coetzee vergönnt war), hat er das freilich nicht mehr notwendig. Obwohl er mittlerweile in New York lebt, beschäftigt ihn die Identität Australiens mehr denn je. In seinem jüngsten Werk lässt er eine legendäre Figur der australischen Geschichte ihr kurzes Leben erzählen: den Gesetzlosen Ned Kelly. Hierzulande ist diese Robin Hood ähnelnde Figur vermutlich nicht allzu bekannt. Allenfalls mag noch Tony Richardsons Film "Ned Kelly" in Erinnerung sein, in dem Mick Jagger den Titelhelden verkörperte. Kein Zufall natürlich, dass gerade 1970 die Biografie des sich den Autoritäten widersetzenden Rebellen von besonderem Interesse war. Für Carey wiederum, einst selbst ein engagierter 68er, steht das an Faulkner so Bewunderte im Vordergrund – eben dem Sprachlosen eine Stimme zu verleihen. Die wohl wesentlichste Abweichung von den historischen Fakten ist folgerichtig die, dass Ned Kelly bei Carey seine Lebensgeschichte in einem Manuskript niederlegt. Diese autobiografische Schrift macht einen Gutteil des Romans aus. Mit einer unerhörten, und gerade deshalb nicht immer plausiblen Virtuosität vermitteln Kellys Aufzeichnungen ein plastisches Bild der sozialen Gegensätze, der Not und des Elends sowie der Naturgewalten in der australischen Wildnis. Diese nur an der Oberfläche, etwa in der Interpunktion, unsichere Sprache wurde von der Booker Prize Jury mit Recht besonders gewürdigt, der vorgeblichen Authentizität des Texts dient sie aber wohl kaum. Kelly beschreibt, wie er als Sohn einer Farmerfamilie irischer Abstammung im Südosten Australiens beinahe ohne eigenes Zutun zum Verbrecher wird. Er wächst in einem von Armut und Gewalt charakterisierten Milieu auf, erlebt die Erniedrigungen der von Briten dominierten Autoritäten, schlittert schließlich in die Kriminalität. Völlig unspektakulär, ja nachgerade grotesk sind Kellys erste Gesetzesverletzungen. Er erledigt Handlangerdienste für einen berüchtigten "Bushranger", der Reisende ausraubt. Die Beute hält sich eher in Grenzen, der erste gemeinsame Überfall bringt einen Sack Murmeln. Es folgen Pferdediebstahl und Körperverletzung, wobei Kelly zunächst nur seiner Familie, insbesondere seiner früh verwitweten Mutter helfen will. "Eines Morgens im Sommer 1872 war meine Mutter 42 sie hatte 2 Söhne im Gefängnis und auch 1 Bruder & 1 Onkel & 1 Schwager. 2 von ihren geliebten Töchtern lagen unter der Weide begraben und Gott allein weiß was ihr noch Schlimmes bevorstand." Der Polizistenmord, für den er schließlich gnadenlos verfolgt wird, geschieht mehr oder minder aus Notwehr. Die weiteren Überfälle sollen Geld für die Befreiung der mittlerweile ebenfalls inhaftierten Mutter beschaffen. Gleichzeitig gewinnt Kelly nicht nur unter den Entrechteten eine seltsame Popularität. Der Widerstand gegen die inkompetente und korrupte Obrigkeit, gepaart mit einem eigentümlichen Charme macht Kelly zum Helden. So klingt ein Bankraub beinahe als gemeinsames Fest mit den Opfern aus: "Wir zeigten ihnen noch nie gesehene Reiterkunststücke wir galoppierten der Länge nach auf dem Rücken unserer Pferde liegend die Füße am Schwanz die Nase am Hals des Tieres und manchmal auch umgekehrt. Und wie sie uns Beifall klatschten mit glänzenden Augen und roten Gesichtern Bankfilialleiter & Vorarbeiter & ehemalige Polizisten sie alle standen in der brütend heißen Sonne und jubelten uns zu. Diese Wendung hätten wir uns nie träumen lassen." Am Ende behält die Polizei dennoch die Oberhand, und weder skurrile Metallrüstungen noch verzweifelte Versuche, rechtzeitig die Wahrheit ans Licht zu bringen, können das Ende der Kelly Gang verhindern: "Ich wollte nur ein Staatsbürger sein ich hatte versucht zu reden aber die Hunde hatten mir meine Zunge gestohlen als ich Gerechtigkeit forderte gaben sie mir keine."

Bleiben als späte und ihrerseits wieder fragwürdige Rechtfertigung die fiktiven Schriften des Ned Kelly. Die wahre Geschichte? Peter Carey selbst zeigte sich erstaunt darüber, dass der Roman in hohem Maße als Darstellung geschichtlicher Tatsachen rezipiert wurde. In Australien löste das Erscheinen von Careys Roman nämlich heftige Debatten aus. Unter anderem wurde dem Buch vorgeworfen, einen Mörder zur Identifikationsfigur der australischen Nation hochzustilisieren. Dahinter verbirgt sich wohl die Brüchigkeit eines australischen Selbstverständnisses, das noch immer vom Trauma der britischen Strafkolonie geprägt ist. Den Australiern, so meint auch Kelly, stecke "die historische Erinnerung an Ungerechtigkeit "in ihrem Blut"; in seinem Inneren wisse jeder, "wie es war geschlagen zu werden nur weil man einem Aufseher in die Augen geschaut hatte". Dem "Waisenkind" des Empire, als das Carey sein Geburtsland einmal bezeichnete, fällt Identitätsfindung nicht leicht. Jenem Lehrer, der Ned Kellys Festnahme und Hinrichtung letztlich ermöglicht, legt er am Ende des Buches denn auch die entsprechenden Worte in den Mund: "Was ist das nur mit uns Australiern, eh?, wollte er wissen. Was ist los mit uns? Fehlt uns ein Jefferson? Ein Disraeli? Können wir denn keinen Besseren als einen Pferdedieb und Mörder finden, den wir bewundern? Muss uns denn ständig alles zu einem beschämenden Auftritt geraten?" So scheint die Rezeption des Romans William Faulkners Motto, das dem Roman vorangestellt ist, zu bestätigen: "Die Vergangenheit ist nicht tot. Sie ist nicht einmal vergangen."

Karl A. Duffek in FALTER 12/2002 vom 22.03.2002 (S. 16)


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