Warten auf die Barbaren

von J.M. Coetzee

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: S. Fischer
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 28/2001

J.M.Coetzees großartiger Roman "Warten auf die Barbaren" beschreibt die Barbarei im Inneren der Zivilisation.

Die Barbaren sind immer irgendwo da draußen. Mit einem "irgendwo" aber kann sich die zivilisierte Welt nicht zufrieden geben. Sie muss Grenzen ziehen und benennen, eine verlässliche Geographie erfinden. Der bereits 1980 im Original erschienene Roman "Warten auf die Barbaren" des Südafrikaners J.M. Coetzee handelt von der imaginären Grenze zwischen Zivilisation und Barbarei und davon, wie die Barbarei blutige Wirklichkeit wird - mitten in der Zivilisation.

Das Städtchen, in dem der Icherzähler seit Jahrzehnten die Position eines Magistrats einnimmt, hat keinen Namen. Kein Schwein würde sich für seine Existenz interessieren, wäre es nicht "die vorderste Verteidigungslinie des Reichs" - jedenfalls in den Augen der Militärs, die unter Führung von Oberst Joll in die Garnisonsstadt gekommen sind, um das Reich gegen die Barbaren zu verteidigen. Weil der äußere Feind nicht sichtbar ist, wird umso hartnäckiger nach ihm gesucht. Harmlose Fremde werden gefoltert und ermordet, um die Wahrheit zu gestehen: ",Da gibt es einen gewissen Ton', sagte Joll. ,In die Stimme eines Menschen kommt ein gewisser Ton, wenn er die Wahrheit sagt.'"

Die Spuren der Wahrheitsfindung zeichnen die Opfer, und der Magistrat findet sich auf eigenartige Weise von ihnen angezogen: Den Körper einer jungen Frau mit trüben, halb blinden Augen und verkrüppelten Beinen unterzieht er rituellen Waschungen und Salbungen. Es ist nicht erotisches Verlangen, das den Magistrat antreibt (und das er bei jüngeren und schöneren Frauen stillt). Eher ist es so etwas wie der Versuch, Wiedergutmachung zu leisten für ein von anderen begangenes Unrecht, oder der Versuch, eine Nähe zwischen Personen herzustellen, die die Gewalt der Geschichtesowohl zusammengebracht als auch getrennt hat. Während der Magistrat keine Schwierigkeiten hat, sich mit den Augen des Oberst wahrzunehmen (als "kleinen Regierungsbeamten, der in die träge Lebensweise der Einheimischen abgeglitten ist"), weiß er nicht, welches Bild er im Auge der jungen "Barbarin" hinterlässt. "Sieh mich an", sagt er zu ihr, die ihn aber ihrer Verletzung wegen nur aus den Augenwinkeln betrachten kann. "Das mache ich ja. So sehe ich eben", antwortet die Angesprochene. Die Geschichte hat sozusagen einen schiefen Blick über die beiden verhängt.

Coetzee, der als einziger Schriftsteller zweimal mit dem Booker Prize bedacht wurde - 1983 für "Leben und Zeit des Michael K.", 1999 für "Schande" - hat in "Warten auf die Barbaren" einiges von dem vorweggenommen, was er auch in "Schande" thematisiert hat. Es ist freilich nicht einfach die Auseinandersetzung mit kolonialer Unterdrückung oder der Sexualität eines alternden Mannes, die die Qualität des Buches ausmachen, sondern dessen Haltung. Andreas Isenschmidt lobte im Tagesanzeiger die Zwanglosigkeit, mit der sich bei Coetzee "Ethik und Ästhetik die Hände reichen". Dem wäre in Hinblick auf den besprochenen Roman allenfalls hinzuzufügen, dass sich diese Verschränkung von erzählerischer und moralischer "Haltung" einer Anstrengung verdankt, die auf diskrete Weise verborgen bleibt. "Warten auf die Barbaren" verzichtet weitgehend auf geographische, historische, soziale und biografische Details, verkommt aber nie zur platten Polit-Parabel.

Der Magistrat ist ein alter, gefasster, in seiner humanistischen Gesinnung gefestiger Mann, der vom Leben nicht mehr allzu viel zu erwarten hat. Aber trotz des ruhigen, melancholisch-abgeklärten Tonfalls ist er ein alerter, hochreflektierter Beobachter, der weiß, wie unredlich es wäre, sich mit der Aufteilung der Welt in Opfer und Täter zu bescheiden.

Nutznießer dieser Erzählhaltung ist der Leser, der dem Magistrat in unwirtliche, öde und grandios beschriebene Landschaften ebenso folgt wie in das Gefängnis, in das dieser nach seinem "landesverräterischen Feindkontakt" geworfen wird; und wo er erleben muss, dass die Grenze zwischen Zivilisation und Barbarei mitunter durch den eigenen Körper verläuft: "Der Gang der Ereignisse draußen in der Welt, die moralische Dimension meiner Notlage (...) - für all das habe ich jegliches Interesse verloren, weil der Druck des Hungers und der Körperfunktionen und der Langeweile eines Lebens von Stunde zu Stunde so groß ist. Ich habe mich erkältet; mein ganzes Wesen ist beschäftigt mit Schnüffeln und Niesen, mit dem Elend, bloß ein Körper zu sein, der sich krank fühlt und gesund sein will."

Klaus Nüchtern in FALTER 28/2001 vom 13.07.2001 (S. 55)


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