Schande

von J.M. Coetzee

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Verlag: S. Fischer
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 12/2000

In "Schande" erzählt der zweifache Booker-Preisträger J.M.Coetzee von den Problemen Südafrikas und den Grausamkeiten des Alterns. Unser aller Kategorischster, der etwas zu Laute, verwendete die beiden Adjektiva "fabelhaft" und "hochdramatisch". Die Frau aus Wien meinte "einen der bestürzendsten Romane" ever gelesen zu haben. Und auch der dicke Mann ganz rechts lobpries. Soll, muss also heißen: Das Buch ist gut.
Und das Buch ist gut. Einnehmend klar in der Sprache, packend in der Dramaturgie und um rationales wie auch emotionales Verständnis bemüht, zeichnet der 60-jährige Südafrikaner Coetzee in "Schande" ein erschütterndes Bild von den fast unlösbar scheinenden Problemen des ehemaligen Apartheid-Staates. Doch nicht nur das: Es gelingt ihm gleichzeitig, gelingt ihm eine in ihrer schonungslosen Konsequenz fast schon schmerzhaft zu nennende Erzählung über die Unerbittlichkeit des Alterns.
David Lurie nennt Coetzee seinen tragischen Helden, und es darf als nicht unmutig bezeichnet werden, dass der Autor die glücklose Hauptfigur von "Schande" derselben Berufsgruppe zuordnet, der auch er selbst angehört: Lurie ist Professor an der Universität von Kapstadt. Mit mäßiger Begeisterung lehrt der Zweiundfünfzigjährige dort Kommunikationswissenschaften; einziger Lichtblick in der Ödnis einer Arbeitswoche im Dienst der wissenschaftlichen Lehre ist dem zweifach Geschiedenen der donnerstagnachmittägliche Fixtermin bei einer Prostituierten. Lurie begeht den fatalen Fehler, sich auch privat für seine professionelle Wohltäterin zu interessieren, woraufhin diese den Kontakt zu ihm abbricht. Derart triebgestaut steigt der selbst ernannte "Diener des Eros" nun mit einer Universitätssekretärin ins Bett und beginnt dann auch noch eine eher einseitig befriedigende Affäre mit einer seiner Studentinnen. Als diese ihn anzeigt, muss sich Lurie vor einer Untersuchungskommission der Universität verantworten. Er bekennt sich zwar schuldig, verweigert aber sowohl Reuebekundungen als auch Therapiemaßnahmen und fliegt von der Uni. Schande!
Um Abstand zu gewinnen, fährt Lurie zu seiner Tochter, die auf dem Land Gemüse anbaut und eine Hundepension betreibt. Nach ein paar Tagen jedoch wird die Vater-Tochter-Idylle jäh zerstört: Drei Schwarze überfallen die Farm, töten die Hunde, zünden den mit Brennspiritus übergossenen Lurie an und vergewaltigen seine Tochter.
Lucy berichtet der Polizei zwar vom Überfall, nicht aber von ihrer eigenen Schändung. Als der jüngste der drei Verbrecher bei einem Fest ihres schwarzen Nachbarn und Hilfsarbeiters Petrus auftaucht, verbietet sie ihrem Vater, die Polizei zu benachrichtigen. Als sie bemerkt, dass sie schwanger ist, bietet sie Petrus an, ihn als dritte Frau zu heiraten und ihm ihr Land zu überschreiben. Nur unter seinem Schutz, weiß sie, kann sie auf dem Land überleben.
Der gedemütigte und gebrochene Lurie arbeitet am Ende des Buches als freiwilliger Helfer in einem Tierheim für kranke, herumstreunende Hunde. Die Republik Südafrika leidet seit dem Ende des Apartheid-Regimes unter einer enorm hohen Zahl von Gewaltverbrechen: Laut Interpol-Statistik ist es das Land mit der höchsten Rate an Vergewaltigungen weltweit. Coetzee begründet in "Schande" diese Welle der Gewalt als Reaktion auf die historischen Gewaltverbrechen dieses Staates, ja entschuldigt sie fast damit: "Wenn das nun der Preis ist, den man dafür zahlen muss, bleiben zu dürfen?", fragt Lucie ihren Vater. Um ihm ihre Entscheidung zu erklären, die eigene Vergewaltigung unverfolgt zu lassen. Während der Kopfmensch Lurie auf Rechtsansprüchen beharrt, sieht die erdverbundene, einfache Lucy das an ihrem Körper verübte Verbrechen als Sühne für die jahrhundertelange Vergewaltigung des afrikanischen Volks(körpers); als Preis dafür, als Weiße überhaupt noch in diesem Land leben zu dürfen.
Neben diesem zentralen, politisch-aktuellen Hauptthema ist es aber ein anderes, zeitloses Nebenthema, das nach der Lektüre von "Schande" am eindringlichsten in Erinnerung bleibt: das von den Leiden und Demütigungen des Alterns. Das "Recht zu begehren", fordert der einstige Frauenheld Lurie am Anfang des Romans ein, auch wenn er merkt, dass sich die Begehrten immer abweisender verhalten: "Wenn er eine Frau haben wollte, musste er sie verfolgen lernen; oft musste er sie auf die eine oder andere Art kaufen. (...) Das Altern ist keine elegante Angelegenheit." In der Mitte des Buches verteidigt der abgestrafte Erotomane noch verzweifelt die Triebgelenktheit aller Lebewesen am Beispiel eines läufigen Nachbarshundes. Enden lässt Coetzee das Buch dann mit einer Szene, in der der gebrochene Herzensbrecher einen verkrüppelten Kläffer, der ihm ans Herz gewachsen ist, einzuschläfern hilft. "Gibst du ihn auf?", fragt ihn die Tierpflegerin. "Ja, ich gebe ihn auf."

Stefan Ender in FALTER 12/2000 vom 24.03.2000 (S. 15)


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