Die jungen Jahre

von J.M. Coetzee, Reinhild Böhnke

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: S. Fischer
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 10/2010

Porträt des Künstlers als kleiner Mann

Mit "Sommer des Lebens" setzt J.M. Coetzee die Reflexion über das Genre Biografie auf raffinierte Weise fort

Als erster Schriftsteller erhielt er zweimal den wohl wichtigsten britischen Literaturpreis, den Booker Prize. 2003 wurde ihm der Nobelpreis zugesprochen. Diesen nahm er – für ihn recht ungewöhnlich – persönlich entgegen, hielt aber keine klassische Dankesrede, sondern trug eine Kurzgeschichte vor.
J.M. Coetzee ist also der berühmteste südafrikanische Autor der Gegenwart, entzieht sich aber gern dem üblichen Rummel des Literaturbetriebs. Seltene Interviews geben spärliche Auskunft über biografische Details jenseits der bekannten äußeren Eckdaten.
Angesichts dieser Zurückgezogenheit ist es umso bemerkenswerter, dass der mittlerweile nach Australien emigrierte Coetzee zu seinem 70. Geburtstag bereits das dritte autobiografisch grundierte Buch vorlegt. "Der Junge" (1997) und "Die jungen Jahre" (2002) setzten sich mit seiner Kindheit beziehungsweise Adoleszenz auseinander, freilich in verfremdeter, Fakt und Fiktion verschränkender Weise.
Gleiches gilt für "Sommer des Lebens". Das Buch – vom Autor ausdrücklich als Roman bezeichnet – kreist um einen Schriftsteller namens John Coetzee, der eben verstorben ist und dessen Biograf sich nun auf Tagebuchnotizen, fragmentarische Texte und vor allem auf fünf Interviews stützt – mit Personen, die im Leben des Dichters eine Rolle gespielt haben.
Die kleine Verschiebung des Vornamens und natürlich der erfundene Tod der zentralen Figur verweisen bereits auf die Kernfrage des Buches: Wie verlässlich sind – insbesondere bei Künstlern – Informationen über ihr Leben, welchen Aufschluss können sie über deren Werk bieten?
Coetzees Antwort ist eine äußerst skeptische. So ist es auch kein Zufall, dass die Sichtweisen der fünf Interviewpartner wesentlich mehr Aufschluss über sie selbst geben als über den toten Autor, mit dem sie vor zwei, drei Jahrzehnten zu tun hatten. Im Fokus stehen nämlich die 70er-Jahre, als John Coetzee – so wie sein reales Pendant – am Höhepunkt der Apartheid von Studien- und Lehraufenthalten in Großbritannien und den USA nach Südafrika zurückkehrt und seinen Durchbruch als Schriftsteller erlebt. Dabei entsprechen die Buchtitel und andere Einzelheiten der Wirklichkeit, andererseits sind viele Figuren und Begebenheiten frei erfunden. Hier gelingen großartige Porträts von Existenzen in der Enge der Apartheid einerseits, des Kleinbürgerlichen andererseits.

Der fiktive Coetzee bleibt indes erstaunlich blass. Seine Umgebung ist eher verwundert, dass ein so unspektakulärer, ja täppischer Mann zum berühmten Schriftsteller werden konnte. Die Mutter einer seiner ­Schülerinnen charakterisiert ihn etwa so: "Ich sah sofort, dass er kein Gott war. Er musste Anfang 30 sein, schätzte ich, schlecht angezogen, mit unvorteilhafter Frisur und einem Bart, den er nicht hätte tragen sollen, sein Bart war zu dünn. Er machte auch sofort auf mich den Eindruck, ich weiß nicht, warum, als sei er célibataire. Damit meine ich nicht einfach unverheiratet, sondern auch zur Ehe ungeeignet, wie ein Mann, der sein Leben lang Priester gewesen ist und seine Männlichkeit verloren hat und für Frauen untauglich geworden ist."

Zwei Geliebte, eine Cousine und eben diese Befragte stellen Coetzee als "kalten Fisch", "lau", "sauertöpfisch" dar. Besonders in Liebesangelegenheiten stellen sie ihm alle ein schlechtes Zeugnis aus. Das großartig Sarkastische an dem Roman ist allerdings, dass sich eben diese Partnerinnen als ziemlich unsympathische, je nachdem zickige oder verständnislose Zeitgenossinnen decouvrieren.
Einmal legt Coetzee zum Liebesspiel den langsamen Satz aus Schuberts Streichquintett auf den Plattenteller – etwas prätentiös und sexualtechnisch eine nicht unbeträchtliche Herausforderung, gleichzeitig aber ein Versuch, an Innigstem teilhaben zu lassen. Die Freundin versteht – nichts, der Sex wird abgebrochen.
Wenn viele Rezensenten meinen, das Buch sei von Selbstironie, ja Selbstabwertung getragen, so irren sie. Der Coetzee des Romans ist zwar kein strahlender Held, aber im Vergleich zu seiner Umgebung kommt er ziemlich gut weg: verlässlich, wenn man ihn braucht, recht sensibel, vielleicht nicht sehr aktiv. Wenn schon ein Bezug zum Autor hergestellt werden soll, dann ist es paradoxerweise eine sympathisch eitle Selbstdarstellung.
Im Grunde aber geht es um etwas anderes. Hier ist ein Essay Coetzees über William Faulkner und dessen Biografen aus dem Jahr 2005 sehr erhellend. Er mokiert sich dort über dicke Bücher, die über ein verhältnismäßig ereignisarmes Leben verfasst werden und krudeste Psychologisierungen vornehmen. Die Existenz des Autors jenseits des Werks sei aber Nebensache: "Vielleicht war Faulkner (...) wirklich, was er selbst glaubte zu sein: ein Wesen negativer Fähigkeit, das verschwindet, das sich verliert in seinem profundesten Schaffen. Er schrieb: ‚Es ist mein Ziel (…), dass die Summe und die Geschichte meines Lebens sein soll: Er hat die Bücher gemacht und ist gestorben.'" (Übersetzung des Rezensenten)

Jenseits des Werks ist der Künstler uninteressant. Noch einmal eine Frau, die dem Biografen die falsche Frage stellt: "Vielleicht konnte er gut schreiben, vielleicht hatte er eine gewisse Begabung für Worte, ich weiß es nicht, ich habe seine Bücher nie gelesen, ich bin nie neugierig auf sie gewesen. Ich weiß, dass er später richtig berühmt geworden ist: aber war er wirklich ein großer Schriftsteller? Denn meiner Ansicht nach reicht eine Begabung für Worte nicht aus, um ein großer Schriftsteller zu sein. Man muss auch ein großer Mann sein. Und er war kein großer Mann. Er war ein kleiner Mann, ein unbedeutender kleiner Mann."

Karl A. Duffek in FALTER 10/2010 vom 12.03.2010 (S. 7)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Sommer des Lebens (J.M. Coetzee, Reinhild Böhnke)
Der Junge (J.M. Coetzee, Reinhild Böhnke)

Rezension aus FALTER 49/2002

In "Die jungen Jahre" wirft der südafrikanische Schriftsteller J.M. Coetzee einen distanzierten Blick auf die eigene freudlose Adoleszenz.

"Er": Dass der südafrikanische Autor J.M.Coetzee den Protagonisten seines autobiografischen Werks "Die jungen Jahre" in der dritten Person beschreibt, ist bezeichnend, wie auch die Wahl der Erzählzeit, das Präsens. Die Distanz, die Coetzee solcherart zu seinem literarischen Alter Ego schafft, findet ihre Entsprechung in der Distanz, die dieser gegenüber der eigenen Person empfindet. Nur zwei-, drei Mal erlaubt sich Coetzee die Erwähnung seines Namens: John. Die schlichte, gebrauchsorientierte Sprache, kombiniert mit der selten verwendeten Form des erzählenden Präsens, rückt den belletristischen Rückblick des 62-Jährigen in die Nähe eines nüchternen Erinnerungsprotokolls: "Er hat eine Einzimmerwohnung nicht weit vom Mowbray-Bahnhof und zahlt dafür elf Pfund im Monat", beginnt die literarische Eigenschau.

"Er" studiert zu dieser Zeit Mathematik und Literatur an der Universität von Kapstadt und verdient sich seinen Lebensunterhalt mit diversen Aushilfsjobs am Studieninstitut: "Auch wenn er erst neunzehn ist, steht er doch auf eigenen Füßen und ist von niemandem abhängig." Die "bedrückende familiäre Atmosphäre" - der Vater Alkoholiker, die Mutter eine zur Gluckenhaftigkeit neigende Hilfslehrerin - soll möglichst schnell vergessen werden: "Er ist dabei, etwas zu beweisen: dass jeder Mensch eine Insel ist, dass man keine Eltern braucht."

Der emotionalen Instabilität beider Elternteile setzt er eine Glorifizierung alles Sachlichen, Kontrollierbaren entgegen. An der Mathematik fasziniert ihn "ihre Reinheit", und auch im Bereich der Literatur verabscheut er alles Rauschhafte. Shakespeares Verse sind "zu vollgestopft mit Metaphern", dieser lege "zu viel Wert auf ungewöhnliche Wörter", müsse sich stets zu einer "deklamatorischen Tonlage" aufschwingen. Poesie sollte "hart und klar wie eine Flamme sein". Ezra Pound und T.S. Eliot schätzt der junge Coetzee deswegen, weil sie der angloamerikanischen Dichtkunst "die Strenge des Französischen" wiedergegeben haben.

Mit pedantischer Hingabe pflegt er klischierte Künstler-Bilder ("es ist das Los des Künstlers, missverstanden und verspottet zu sein"), verzweifelt ob der eigenen, ganz unkünstlerischen Hölzernheit und wartet mit quasi religiöser Demut auf "das Licht der Liebe, das Licht der Kunst", das auf sein stilles, schwermütiges Wesen fallen und das zur Kunstproduktion notwendige "Fieber" auslösen soll.

Doch damit will es nicht so recht klappen, nicht einmal, als Coetzee nach Abschluss des Studiums dem "Handycap" Südafrika den Rücken kehrt und in die "Weltstadt" London flieht. Er findet Arbeit als Programmierer bei IBM, erlebt eine überschaubare Zahl eher unfreiwilliger, eher demütigender, definitiv unbefriedigender Liebschaften. In der pulsierenden Großstadt der frühen Sechzigerjahre bleibt er, der "kein Talent für Vergnügungen und modische Sachen hat", ein Fremdkörper. Nichts will ihm gelingen, nicht die Arbeit, nicht die Liebe, die Kunst nicht und also auch nicht das Leben.

Wie der Hauptfigur seines Werks mutet der zweifache Booker-Preisträger Coetzee auch dem Leser einiges an Entbehrungen zu - vor allem im dramaturgischen Bereich. Bewundert man anfangs noch den wohltuend klaren, knappen Erzählstil des 62-Jährigen, den Verzicht auf jede Sentimentalität und Schönfärberei, die chirurgische Präzision bei dieser Obduktion der eigenen Geschichte, so dürstet man vor allem im letzten Drittel doch schon einigermaßen verzweifelt nach kleineren Spannungs- oder Überraschungsmomenten. Gibts nicht: Das mit calvinistischer Strenge gezeichnete "Portrait of an Artist as a Boring Young Man" geht sowohl mit dem Porträtierten als auch mit dem Betrachter einigermaßen mitleid- und schonungslos um.

Stefan Ender in FALTER 49/2002 vom 06.12.2002 (S. 66)


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