Aufzeichnungen aus Georgien

von Clemens Eich

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Verlag: S. Fischer
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 7/1999

Land des Stromausfalls

Ein posthumes Fragment und zwei Lesungen erinnern an den vor einem Jahr verunglückten Schriftsteller Clemens Eich.

Der Osten, der in Wien beginnt, endet in allen seinen Ausuferungen, Verkommenheiten und Extremitäten in Tblissi. Danach beginnt noch einmal etwas anderes." Im Sommer 1995 fuhr der Schriftsteller Clemens Eich zum ersten Mal nach Georgien, um einen internationalen Kulturkongreß zu besuchen. Seitdem ließ ihn das Land nicht mehr los. Er kam wieder, begann ein Buch zu schreiben: über ein Land der Grenze, Schnittstelle zwischen Orient und Okzident. Mitten in der Arbeit an seinen "Aufzeichnungen aus Georgien" starb Eich am 22. Februar 1998 an den Folgen eines Treppensturzes in der Wiener U-Bahn.

"Eich war auf dem Weg in die erste Reihe der deutschen Autoren", schrieb Ulrich Greiner in seinem Nachruf in der Zeit, eine "Figur auf der Grenze und zwischen den Zeiten": "Geboren 1954, war er kein Achtundsechziger mehr, aber noch keiner von den neuen Tüchtigen und Unbedenklichen. Er war Deutscher und Österreicher und Jude."

Mit dem Gedichtband "Aufstehn und gehn" hatte Eich im Jahre 1980 sein literarisches Debüt gegeben und gleichzeitig den Schauspielerberuf an den Nagel gehängt. 1987 folgte der Prosaband "Zwanzig nach drei", 1995 der erste Roman, "Das steinerne Meer". Er spielt an der Grenze zwischen Deutschland und Österreich, wo der Sohn von Ilse Aichinger und Günter Eich aufgewachsen ist. Die Grenze, der Tod und die Suche nach dem Ich waren Grundthemen seines Schaffens.

Mit ein Grund für Eichs Aufbruch ins ferne Gebirge am Rande Asiens mag das Raunen vom kaukasischen Urgroßvater gewesen sein. Lermontow und Mandelstam im Kopf und "Handymen" und "Laptopköfferchen" glücklich hinter sich, landet der Reisende in einem Nachkriegsland.

Er wolle seine Erfahrungen dergestalt in Sprache setzen, hatte Eich in einem Abstract für den Verlag formuliert, "daß dem Leser das Buch so fremd wie dem Besucher das Land entgegentritt". Kein Reisebuch im klassischen Sinne also.

Eich erlebt die Kaukasusrepublik als schwarz, düster, kalt und dreckig, als Land des Stromausfalls, der Schlaglöcher, der mangelnden medizinischen Versorgung, von Verschleppung, Raub und Mord. Die sprichwörtliche georgische Gastfreundschaft - "ein überkommenes Ritual mit despotischen Zügen". Unterwegs mit Dolmetscher und Fahrer, versucht Eich Einladungen zunehmend zu meiden, sieht überall Geheimdienst und Mafiosi. Ein Reisender, der weder dem anderen noch sich selbst wirklich begegnet. "Sie haben mit allem in Georgien gerechnet, nur nicht mit sich selbst." Der Satz einer Unbekannten ist hängengeblieben.

Nicht immer tun Verlage ihren Autoren mit der Veröffentlichung von unvollendeten Werken einen Gefallen. Der Umstand, daß wichtige Kapitel ungeschrieben blieben - etwa das über den berühmtesten Georgier Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili alias Stalin -, dürfte mit ein Grund dafür sein, daß nicht ganz nachvollziehbar ist, was genau Eich an diesem Land so fasziniert hat.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 7/1999 vom 19.02.1999 (S. 60)


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