Wie wir begehren

von Carolin Emcke

€ 20,60
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Verlag: S. FISCHER
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Umfang: 256 Seiten
Erscheinungsdatum: 08.03.2012


Rezension aus FALTER 50/2014

Die Normierungen des Begehrens

Wie wir begehren" ist eine gleichermaßen persönliche wie politische Analyse der Frage, wie der Mensch zu seinem Begehren kommt, wie er lernt, seine Lust zu artikulieren, zu benennen und zu leben und vor allem, wie er das tut, wenn er wie Carolin Emcke allmählich der eigenen Homosexualität auf die Spur kommt. Bis heute erstaunt die deutsche Journalistin, Kriegsberichterstatterin und Philosophin nicht, dass sie homosexuell ist oder geworden ist, sondern vielmehr die Tatsache, dass sie es so spät bemerkt hat.
Sie war schon 25 und hatte eine weitgehend unhinterfragte, ziemlich selbstverständlich absolvierte heterosexuelle Sozialisierung hinter sich, als sie der ersten Frau begegnete, mit der sie schlafen würde.
Emckes Buch ist voll mit Beobachtungen, die beredt Auskunft darüber geben, wie wenig Erwachsenwerden eine individuelle Entwicklung ist und wie sehr unser Wollen von den sozialen, politischen und ästhetischen Grenzen um uns herum bestimmt wird.
Es erzählt davon, dass gesellschaftliche Normierungen so sehr verinnerlicht werden, dass man vielleicht nur dann so hellsichtig dahinterblicken kann, wenn man wie Emcke irgendwann mit zunehmender Dringlichkeit feststellt, dass das eigene Begehren der vorgesehenen Norm nicht entspricht. Ein aufregendes und kluges Buch.

Julia Kospach in FALTER 50/2014 vom 12.12.2014 (S. 58)



Rezension aus FALTER 11/2012

Der Rhythmus und die Lust

Soziologie: Carolin Emcke beschreibt hellsichtig die Entdeckung ihres eigenen – lesbischen – Begehrens

Ehe man sich's versieht, hat sich die Welt schon aufgespalten in zwei Geschlechter. Umkleidekabinen beim Schulsport sind solche frühen Normierungsstätten, Orte, die Eindeutigkeit verlangen und Zuordnung, "schon bevor die Körper sich dessen bewusst wurden, bevor sie eigentlich noch recht als Geschlechter entdeckt waren". Ein "Naturgesetz ohne jede Natürlichkeit" tritt da in Kraft, eine Einübung in eine Norm, die überhaupt nur als Norm auffällt, "wenn wir ihr nicht entsprechen", schreibt Carolin Emcke.
Emcke, Jahrgang 1967 und vielfach preisgekrönte Journalistin, die lange Jahre für den Spiegel als Auslandsredakteurin in den Krisengebieten dieser Welt unterwegs war, arbeitet seit 2007 als Reporterin für das Zeit-Magazin. Als Journalistin beschäftigt sich Emcke vor allem mit von Kriegen und Krisen versehrten Landschaften und Gesellschaften. Sie hat aus Afghanistan, Pakistan, aus dem Irak und dem Kosovo und immer wieder aus Gaza berichtet.

Über Umwege und Filter
Als studierte Philosophin hat sie sich mit Theorien von Gewalt und Krieg beschäftigt. Ihr neues Buch aber widmet sich einem anderen Thema. "Wie wir begehren" stellt eine gleichermaßen persönliche wie politische Analyse der Frage dar, wie der Mensch zu seinem Begehren kommt, wie er lernt, seine Lust zu artikulieren, zu benennen und zu leben, und vor allem, wie er das tut, wenn er wie Emcke allmählich der eigenen Homosexualität auf die Spur kommt.
Bis heute erstaunt Emcke nicht so sehr, dass sie homosexuell ist oder geworden ist, als die Tatsache, dass sie es erst so spät bemerkt hat. Sie war schon 25 und hatte eine weitgehend unhinterfragte, ziemlich selbstverständlich absolvierte heterosexuelle Sozialisierung hinter sich, als sie der ersten Frau begegnete, mit der sie schlafen würde.
Als sie diese das erste Mal sah, dachte Emcke: "Die Männer müssen wahnsinnig werden, so schön, wie sie ist." Noch in dieser Situation erkannte sie das eigene Begehren zuerst nur auf dem Umweg über einen heterosexuellen Filter.
Emckes Buch ist voll von Beobachtungen wie dieser, die beredt Auskunft darüber gibt, wie wenig Erwachsenwerden eine individuelle Entwicklung ist und wie sehr unser Wollen von den sozialen, politischen und ästhetischen Grenzen um uns herum bestimmt wird. Es erzählt davon, dass gesellschaftliche Normierungen so sehr verinnerlicht werden, dass man vielleicht nur dann so hellsichtig dahinterblicken kann, wenn man wie Emcke irgendwann mit zunehmender Dringlichkeit feststellt, dass das eigene Begehren der Norm nicht entspricht.

Kein Wort über Lust und Begehren
Kein Wunder, findet Emcke, wenn sie sich an ihre eigene Schulzeit und Jugend in den 70er-und 80er-Jahren erinnert. Trotz der sexuellen Revolution war Sexualität kein offensiv behandeltes Thema. Immer noch regierte die Verschämtheit. Der Sexualkundeunterricht war zwar kein religiös durchtränkter Verbotskanon mehr, aber auch nicht mehr als eine Gebrauchsanweisung für den Einsatz der Geschlechtsorgane unter Berücksichtigung der Schwangerschaftsvermeidung.
Kein Wort über Lust und Begehren, keine Anleitungen, die geholfen hätten, eigene Vorstellungen auszubilden. Niemand versicherte die Teenager der 1970er- und 1980er-Jahre, dass Sex weniger mit schematisch-grafischen Darstellungen des Geschlechtsakts in Biologiebüchern zu tun hat, als dass "es unsauber zugeht, dass alles nass wird, der Körper überzogen und durchtränkt wird von Schweiß und Blut und den Säften aus allen Öffnungen und Poren des Körpers und dass man sich auflöst darin".
Darüber sprach am ehesten noch Dr. Sommer in der Zeitschrift Bravo, dem berühmtesten Sexratgeber für Jugendliche. Zum Thema Homosexualität fiel aber auch ihm nicht sehr viel ein. Er dämonisierte sie zwar nicht mehr – wie es das Strafgesetzbuch bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein tat, auch das beschreibt Emcke –, sondern zog es stattdessen lieber vor, sie als Entwicklungsphase auf dem Weg zur Heterosexualität zu betrachten. Lesbische Liebe kam schon überhaupt einmal nicht vor. Weil nicht sein durfte, was sich sowieso niemand vorstellen konnte.

Der Rhythmus und das Begehren
Emcke erzählt aber auch von einem in falsch verstandener Toleranz zusammengestellten "Schwulen-Tisch", an dem sie sich auf der Hochzeit eines guten Freundes wiederfand. Damals schaffte sie es nicht, aufzustehen und das Hochzeitsfest zu verlassen. Sie berichtet von Gesprächen über ihre Sexualität in Ländern, in denen Homosexualität streng verboten ist, und von den Lügen, die sie – zum Schutz ihrer selbst und ihrer Kollegen und Helfer – auf ihren Reisen begleiten. Die vermeintlich einfache Frage "Bist du verheiratet?" kann unter solchen Umständen ziemlich knifflig sein.
Sehr viel ist in diesem aufregenden und klugen Buch auch von Musik die Rede. Denn vor allem die Musik mit ihren Rhythmen, ihren Themen und Motiven, ihrer Struktur hat Emcke "den Weg zu meinem Begehren gewiesen". Die Beschreibungen ihres so innigen Verhältnisses zur Musik gehören zu den schönsten Passagen dieses Buchs. Vor allem aber geht es darin um die Öffnung der eigenen Fantasie.
Unter diesen Vorzeichen einer rebellischen, kraftvollen und eigensinnigen sexuellen Selbstsuche wird das Schlafen mit einer Frau für Emcke auch deswegen so uferlos interessant und aufwühlend, "weil es keine Regeln gibt, weil es keine historisch tradierten Praktiken gibt, weil es nicht normiert ist, in Bildern und Erzählungen". Ob ihre Homosexualität genetische oder gesellschaftliche Gründe hat, interessiert sie demgegenüber herzlich wenig.

Julia Kospach in FALTER 11/2012 vom 16.03.2012 (S. 34)


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