Das Zeitalter des Doktor Arthur Schnitzler
Innenansichten des 19. Jahrhunderts

von Peter Gay, Ulrich Enderwitz, Monika Noll

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: S. Fischer
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 41/2002

Der US-Historiker Peter Gay bietet ein weiteres Mal Innenansichten des 19. Jahrhunderts. Doch sein neues Buch ist nur ein schaler Aufguss seiner bisherigen Arbeiten zum goldenen Zeitalter des Bürgertums.

Am Schluss kommt es knüppeldick. Peter Gay, US-amerikanischer Kulturhistoriker und Psychoanalytiker mit deutschen Wurzeln, ergeht sich in einer Predigt über und für das menschliche Dasein. Und er verkündet emphatisch, wie die Bürger zwischen 1814 und 1914 mit ihrem Leben und ihren vielfältigen Anstrengungen dieses Amt des Menschseins aufs Schönste erfüllt hätten: Das 19. Jahrhundert sei bewundernswert, die viktorianische Ära ein leuchtendes Vorbild, das Bürgertum trotz kleiner Unzulänglichkeiten eine strahlende Erfüllerin humanistischer Aufklärung.

Eine Klasse also, an der die Leute von heute Maß nehmen könnten. Denn ihre Einstellungen zur Arbeit, zur Liebe, zur Wissenschaft, zur Kultur, zur Aggression, zur Schönheit, zur Kleidung, zur Sprache, zur Lektüre waren, so sein Befund - "abgesehen vielleicht von Augenblicken chauvinistischer Aufwallung" -, im Großen und Ganzen stets mustergültig und mit dem, was die Aristokratie und unteren Klassen als Lebensmodell entwickelt hatten, nicht zu vergleichen. Hätte die bürgerliche Gesellschaft nur weiterhin so werkeln können, wie sie es getan hat, und wäre der Erste Weltkrieg nicht dazwischengekommen ("Und dann kam der 4. August 1914"), dann wären der Menschheit die Schrecknisse des 20. Jahrhunderts erspart geblieben.

Unter dieser geschichtsphilosophischen Kanzel kniend, bekommt schlussendlich auch Arthur Schnitzler die Leviten gelesen. Der Schriftsteller hat vom Bürgertum herablassend und denunzierend geschrieben, nun gibt es hundert Jahre später von Peter Gay die Retourkutsche. Lebensführung: nicht genügend. Selbsterkenntnis: bescheiden. Latente Homosexualität: verleugnet. Sexualität mit Frauen: missbraucht. Vor dem hellen Urbild des sich seiner Ambivalenz bewussten Bürgers, der seine Triebe im Zaum hat, fällt Schnitzler wie ein Dauerpubertierer ab, der sich in eine Sünderreihe mit Trinkern und korrupten Politikern stellen muss und sich mit den vorzüglichen Exemplaren des Bürgertums nicht messen kann:

Peter Gay, dessen zuletzt erschienene Autobiografie ("Meine deutsche Frage") begeisterte Aufnahme im deutschsprachigen Raum fand, hat in fünf Bänden eine voluminöse, materialreiche, imposante Untersuchung über das 19. Jahrhundert vorgelegt, die viel Beachtung fand. Die jetzt erschienene Studie ist, inhaltlich gesehen, eine knapp gehaltene Variante der jahrzehntelangen Bemühung, eine Kultur- und Sittengeschichte des Bürgertums zu schreiben. Die einzelnen Kapitel sind annähernd Rekapitulationen der ausführlichen Bände. So widmet Gay je einen eigenen Abschnitt der Häuslichkeit, der Sexualität, der Aggressivität, der Angstabwehr, den religiösen Strömungen, der Arbeitsgesinnung, der kulturellen Geschäftigkeit und der Selbstfindung im bürgerlichen Zeitalter. Die Quellen, die er dabei einsetzt, sind Tagebücher, autobiografische Schriften und Romane.

Schon mit Fortlaufen des Projekts haben sich die kritischen Stimmen vermehrt. Die Bewunderung für die Materialfülle und den psychoanalytischen Ansatz schmolz dahin, die Einwände wurden lauter, die gestandenen Historiker nahmen den Einsatz und die Interpretation der Quellen (vor allem Tagebücher, Romane) genauer unter die Lupe und formulierten ihre Einwände. Besonders gewagt fanden sie Gays Methode, von lokalen Umständen und historischem Kontext allzu oft zu abstrahieren und den Einzelfall als Generalschlüssel zu verwenden. Als besonders bedenklich orteten sie Gays kühnes Verfahren, den Ausbruch des Ersten Weltkriegs und die Verwandlung von Bürgersöhnen in Massenmörder vor Ort zu lassen, weil dies nicht in seine Theorie des bürgerlichen Fortschritts passt.

"Das Zeitalter des Doktor Arthur Schnitzler" enthüllt erst recht die Schwächen seiner Methode und seiner Thesen: Ein weiteres Mal generalisiert Gay, ein weiteres Mal ebnet er die historischen Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen und Ländern ein, springt allzu schnell zwischen Österreich-Ungarn, Frankreich und den USA. Und er kennt diesmal kein Pardon, wenn es um Differenzierungen geht - der Rest sei bloß Lokalgeschichte.

Armer Arthur Schnitzler. Auch dieser ist wohl nur Lokalgeschichte und kommt nur sehr schemenhaft vor. Die Wiener Besonderheiten der Jahrhundertwende werden weggeblendet. Die Tatsache, dass Schnitzler bis 1931 gelebt hat und sein Schaffen vom Ersten Weltkrieg tief geprägt worden ist, fällt unter den Tisch. Gays Zeitalter Arthur Schnitzlers erstreckt sich über die ganze westliche Zivilisation und hört 1914 auf. Von seinen Romanen, Erzählungen und Dramen ist nur ein Bruchteil berücksichtigt. Am meisten interessieren ihn noch die Amouren seines Helden. Therapeut Gay ist da ganz fixiert darauf, dass sich Schnitzler nie zur Homosexualität geäußert hätte, diese verdrängt hat und deshalb immer unglücklich suchend bleiben musste.

Erstaunlich insgesamt ebenso, dass Gay Arthur Schnitzler zur Titelfigur macht, weil er dessen schriftliche Zeugnisse und Produktionen nur äußerst eklektizistisch verwendet, ja diese gar nicht im Detail zu kennen scheint. Da schreibt der Historiker über Hausmädchen und Gouvernanten und findet es dabei nicht der Mühe wert, Schnitzlers letzten Roman zu erwähnen und einzubringen. Dabei hätte dieser Gays Ansichten wahrlich bereichert, ihnen freilich auch widersprochen. Denn Schnitzler hält nicht nur Geschichten vom glücklichen, vorbildhaften Bürgertum bereit.

Schnitzlers fast katastrophische Theorie des bürgerlichen Zeitalters ("Der Weg ins Freie"), sein Argwohn gegen Populismus, Verantwortungslosigkeit und Feigheit, seine abgrundtiefe Skepsis gegen den Gang der Geschichte, seine alarmierenden Botschaften bezüglich des wachsenden Antisemitismus und seine Melancholie über das menschliche Dasein hätten ein interessantes Irritationspotenzial für Gays Befunde darstellen können. Das hätte das Buch spannend gemacht. Aber zu dieser Reibung kommt es nicht. Ein Buch ohne Funken.

Alfred Pfoser in FALTER 41/2002 vom 11.10.2002 (S. 31)


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