Ein Dinosaurier im Heuhaufen
Streifzüge durch die Naturgeschichte

von Stephen Jay Gould, Stefan Münker, Cornelia Holfelder von der Tann

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: S. Fischer
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 42/2000

Der kalifornischen Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy gelingt in ihrer groß angelegten Studie "Mutter Natur" das scheinbar Unmögliche: eine Aussöhnung der Soziobiologie mit dem Feminismus.
Goldhamster sind putzige Tierchen. Goldhamstermütter ganz besonders. Brav wie sie sind, bauen sie ein gemütliches Nest, lecken ihre Jungen sauber, beschützen und pflegen sie. Eine Goldhamstermutter scheint wahrlich die Inkarnation aller konservativen Vorstellungen von Mütterlichkeit zu sein: Den ganzen Tag umbalgt sie ein Haufen Junghamster - sie erduldet alles: "Die Mutterliebe stellt keine Bedingungen, sie ist allbeschützend und allumfassend" (Erich Fromm).
Werden jedoch die Nahrungsreserven knapper, wird die fürsorgende Goldhamstermutter ein paar ihrer Kinder auffressen und so ihre Wurfgröße an die Umweltbedingungen anpassen. Womit wir aus dem Bereich der Naturidylle bzw. konservativer Familienpolitik in die Soziobiologie überwechseln und hiermit ins Zentrum des Buches von Sarah Blaffer Hrdy.
Die kalifornische Biologin - emeritierte Professorin für Anthropologie an der University of California - hat sich ihr Leben lang mit Mutterschaft befasst. Ergebnis ihrer eingehenden Forschungen ist "Mutter Natur. Die weibliche Seite der Evolution", eine umfangreiche Studie, in der sie eine radikale Neuinterpretation mütterlicher Seinsweisen vornimmt.
Lange fungierte die treue, passive Mama (für viele: die "gesunde Frau") nicht nur als bürgerliches Ideal, sondern auch als naturgemäßer Prototyp im Denkhorizont der Biologie. Noch in den Sechzigerjahren schrieben Biologen Sätze wie "Ein normales Weibchen ist immer eine Mutter" oder "Weibchen, die die meisten Schwierigkeiten haben schwanger zu werden, haben generell auch schwer wiegende Probleme im sozialen Bereich". Dass solche Behauptungen dem Reich der Männerfantasien zuzurechnen sind, hatte bereits zu Darwins Zeiten die französische Feministin und Darwinistin Clemence Royer erkannt. "Bis heute betrachtet die Naturwissenschaft - eine auschließliche Domäne der Männer - die Frau zu häufig als absolut passives Wesen ohne Instinkte, Leidenschaften oder eigene Interessen . Die Frau ist aber nicht so beschaffen." Blaffer Hrdy greift diese frühen feministischen Bemühungen auf und entwirft Mutterschaft als einen komplexen Entscheidungsprozess.
Anhand einer Fülle von Beispielen zeigt sie, wie Tier- und Menschenmütter aktiv ihre Interessen umsetzen. Und eben diesen "mütterlichen Effekten" hat sie den Großteil ihres Buches gewidmet. Sie reichen von der Brutpflege, dem Fremdgehen, dem sozialen Status bis hin zur Kindstötung. So wird unter anderem auch das pseudowissenschaftliche Gerede vom "Mutterinstinkt" als solches entlarvt. Denn die Behauptung, dass die bei der Geburt produzierten Hormone bei Säugetierweibchen automatisch die Mutterliebe aktivieren, erweist sich als falsch.
Weibliche Goldhamster oder Präriehunde beispielsweise, die ihre Jungen fressen, leiden an keiner Instinktstörung. Sie handeln effektiv. Sie erhöhen so die Überlebenschancen der anderen Jungen beziehungsweise derer, die noch geboren werden. Auch das hat die Natur unter dem Begriff Mutter vorgesehen. Blaffer Hrdy versucht folglich, Mutterschaft entgegen der engen Konzeption von der "sich aufzehrenden Mutter" neu zu durchdenken. Natürlich nehmen wir uns Goldhamster nicht zum Vorbild, aber es werden mütterliche Verhaltenweisen verstehbar, die bislang generell als "unnatürlich" oder "pervers" galten.
Und wo bleiben die Väter? Für Väter und all die anderen an der Aufzucht Beteiligten hat Blaffer Hrdy das schöne Wort "Allomütter" geprägt. Aus darwinistischer Sicht wäre es für die Väter ja recht vorteilhaft, von einer Besamung zur nächsten zu flüchten - was nicht selten vorkommt. Doch Blaffer Hrdy zeigt auch, wie Väter in die stabile Fürsorge um die Kinder eingebunden werden können und welche Tricks Mütter hierbei anwenden. Dass "Allomütter" Verantwortung übernehmen und dies im gesamten Tier- und Menschenreich auch immer wieder getan haben, ist von entscheidender Bedeutung. Nur so gelingt es auch Müttern, ein eigenbestimmtes Dasein zu führen.
Vor dem Hintergrund der Soziobiologie wird schließlich auch das Mutter-Kind-Verhältnis neu beleuchtet. Dabei hinterfragt die Biologin sämtliche Klischees von der uterinen Geborgenheit bis hin zum "Hotel Mama". Denn konkurrierende Interessen und ihre genetischen Ursachen beginnen mit dem Zeitpunkt der Zeugung und wirken über die Geburt hinaus. Das evolutionäre Echo unserer stammesgeschichtlichen Vorzeit reicht von Hormonschlachten im Mutterleib bis hin zum biologischen Sinn kindlicher Wutausbrüche. Mit "Mutter Natur" hat Sarah Blaffer Hrdy eine faszinierende Naturgeschichte der Mutterschaft geschrieben. Ihr gelingt nicht nur eine Korrektur maskuliner Biologismen, sondern auch eine überfällige Annäherung von Soziobiologie und Feminismus. Von Anfang an stand die Soziobiologie im Brennpunkt gesellschaftspolitischer Debatten. Mit ihren metaphorischen Leitbegriffen ("das egoistische Gen", "am Gängelband der Gene", "Gendeterminismus") provozierte sie Gegenreden quer durch das politische Meinungsspektrum. Vermeintliche Unverträglichkeit bestand aber vor allem mit dem politischen Feminismus. Die gegenseitig forcierte Nichtbeachtung hat Blaffer Hrdy in ihrem Buch überwunden. Sie zeigt, dass soziobiologische Erkenntnisse und feministische Forderungen vereinbar sind.
Den konservativen Stimmen um die "natürliche Bestimmung der Frau" wird dadurch ein gewichtiges Argument genommen: jenes nämlich, im Einklang mit moderner Wissenschaft zu stehen. Womit wir aus der Biologie wieder ins Zentrum einer "Born to be wife"-Politik geraten sind. Aber das ist eine andere Geschichte.Der Mann ist ein Essayautomat. "Mach eine allgemeine Aussage, und ich gebe dir sechs Kleinigkeiten, die sie verdeutlichen", meint Stephen Jay Gould, und wir glauben ihm. Neben seiner Professur und wissenschaftlichen Karriere und dem Verfassen von voluminösen Sachbüchern schreibt der Zoologe und Geologe Gould seit 1974 für die Zeitschrift Natural History Essays. Ihre grundsätzliche Ausrichtung ist von Anfang an dieselbe: Die großen Themen Evolution, Geschichte und Wissenschaft werden an scheinbar nebensächlichen und ungewöhnlichen Beispielen illustriert. Ob über Chaostheorie und den Film Jurassic Park oder über Edgar Allan Poe und Schnecken - Gould erweist sich als ein Meister im Auffinden von Gemeinsamkeiten. Die Natur ist für ihn voller bestaunenswerter Tatsachen - diesen mit viel Einsicht, Witz und Liebe zum Detail nachzuspüren seine eigentliche Profession. Gemeinsam mit seinem britischen Kollegen Richard Dawkins ist Gould der Popularisierer der Biologie. Während der eine als kompromissloser Reduktionist gilt, ist Gould ein geradezu barocker Typ, der immer weit ausholt und alles zu berücksichtigen versucht. Außerdem formuliert Gould nicht so scharf wie Dawkins - wohl aus einem sicheren Gefühl für die offenen Fragen und die unbestimmten Wendungen wissenschaftlichen Fortschritts. Und schließlich ist Dawkins radikaler Atheist, während Gould die Bibel und den Talmud zitiert.
Dessen nun bereits siebenter Essayband trägt den saloppen Titel "Ein Dinosaurier im Heuhaufen" ("Dinosaur in a Haystack"). Bei uns hießen Bücher mit einer ähnlichen Bandbreite und Tiefe "Naturphilosophie und Geschichte" oder "Natur und Geschichte" oder dick aufgetragen einfach bloß "Die Natur". So flott der Titel, so brillant und meisterlich der Inhalt. Es gibt Bücher von Vielschreibern, die lesen sich wie ein Deja-vu. Bei Gould ist das nie der Fall. Das Buch hat über sechshundert Seiten, folglich ist eine kurze Rezension angebracht. Von Karl Marx wird behauptet, er las die gesamte Fachliteratur, war aber immer ein aktuelles Buch hinten nach. Heute geht es vielen so mit den Büchern von Gould - den Rest der Literatur nicht eingerechnet. Also seien Sie schnell: Der achte Band kommt bestimmt. Und dann wäre der Rückstand eigentlich nicht mehr aufzuholen.

Franz Gutsch in FALTER 42/2000 vom 20.10.2000 (S. 26)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Mutter Natur (Sarah Blaffer Hrdy, Andreas Paul, Ellen Vogel, Karin Hasselblatt, Matthias Reiss, Monika Schmalz)

Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb