Unser allerbestes Jahr

von David Gilmour, Adelheid Zöfel

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: S. Fischer
Erscheinungsdatum: 01.02.2009

Rezension aus FALTER 11/2009

Wenn der Vater mit dem Sohne ins Kino geht

Noch den Erwachsenen plagt dieser Albtraum: Er lernt für eine Physikarbeit, aber Parabeln und Vektoren sagen ihm nichts. Und schon als Kind stellte er sich einen Ort vor, auf dem die bösen Buben enden, die die Schule schmeißen – eine Art Elefantenfriedhof, nur eben "voll mit weißen Knöchelchen von kleinen Jungs".
Jetzt sitzt sein eigener, 15-jähriger Sohn Jesse vor ihm – ohne einen blassen Schimmer und ohne jedes Selbstbewusstein. Da trifft dieser Vater eine folgenschwere Entscheidung: Jesse soll die Schule schmeißen – unter der Bedingung, dass er bereit ist, drogenfrei zu bleiben und mit ihm wöchentlich drei Filme anzuschauen.
"Unser allerbestes Jahr" ist ein Roman für Cineasten und Väter; ein autobiografischer Bericht, in dem der Horror Stephen Kings und die Bilder der Nouvelle Vague wunderbar verschmelzen mit der Hilflosigkeit, die Eltern bisweilen überfällt, wenn sie ihre Kinder heranwachsen sehen. Im geheimen Zentrum steht die Kunst der Zuwendung und deren richtige Dosierung: Gerade so viel und so wenig muss es sein, dass nichts die eigene Entwicklung des Kindes bremst.
Nun ist David Gilmour nicht nur Autor, sondern auch ein enthusiastischer Filmkritiker. Dieses Wissen als Lebensschule für den Sohn zu nutzen, birgt freilich das Risiko, ihn zum Übervater anwachsen zu lassen. Von eben diesem Risiko erzählt der 1946 geborene Kanadier offen, ehrlich und ohne Pathos. Denn wie schnell hätte dieses Projekt hollywoodreif bis zum glücklichen Ende durchexerziert werden können.

Tatsächlich kommt Gilmour diesen Kitschklippen manchmal gefährlich nah (etwa wenn der allzu verständige Vater den verwirrten Sohn zur Entspannungszigarette auf die Terrasse schickt oder ihm Tipps bei Liebesschmerz gibt), aber er konterkariert diese Überdosis Nähe zwischen kumpelhaftem Vater und Sohn durch schonungslose Selbstbetrachtung: Ihm ist klar, dass dem sorgenvollen Nachspionieren des Vaters bis in dunkle Clubs auch eine gewisse Komik innewohnt; er weiß, wie schnell er sein Vertrauen verspielt, wenn er schulmeisterlich sein Filmwissen ausbreitet. Eben deshalb erwähnt er in seinen Kurzvorträgen auch, dass Hitchcock eine ungesunde Vorliebe für blonde Hauptdarstellerinnen hatte. Ganz nebenbei lernt Jesse etwas über Suspense, und der Vater lernt, seinen Sohn ziehen zu lassen, ganz so, wie er ist.

Einfühlsam und berührend erzählt Gilmour von einem pädagogischen Wagnis, von Angst und Konkurrenz, vom Anschieben und Loslassen, so lebensecht, dass man gestärkt daraus auftaucht und nebenbei wieder Lust auf längst vergessene Filme bekommt. Wer Zuhören liebt, ist auch mit dem Audiobook, das sogar eine Bibliografie der erwähnten Filmtitel enthält, gut beraten – Reiner Schöne spricht mit sonorer, rauer Stimme wie direkt aus der Traumfabrik.

Anja Hirsch in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 12)


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