Das Vaterspiel

von Josef Haslinger

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: S. Fischer
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 34/2000

Eines kann man Josef Haslinger gewiss nicht vorwerfen: dass ihm der Stoff ausginge. Ganz im Gegenteil. Sein 570 Seiten schwerer Roman "Das Vaterspiel", an dem er zwei Jahre lang geschrieben hat (siehe Interview), enthält so viel davon, dass sich damit leicht auch zwei Bücher hätten bestreiten lassen. Und tatsächlich hat man bei der Lektüre mitunter das Gefühl, dass die zwei Haupthandlungsstränge mehr zueinander gezwungen wurden als zwingend aufeinander zulaufen. Der Eindruck verdankt sich nicht zuletzt dem Umstand, dass die Figur, durch die die litauische Kriegsvergangenheit und die österreichische Gegenwart vermittelt werden, doch eher blass bleibt: Mimi, eine aus Litauen stammende Studienkollegin des Protagonisten Rupert "Ratz" Kramer, die dieser 14 Jahre lang nicht gesehen hat, bringt den Roman auf Touren, indem sie Ratz aus undurchsichtigen Gründen nach New York bestellt. Worauf sich der ins Auto setzt, um seinen "Auftrag" zu erfüllen, den nächsten Flug zu erwischen und tatsächlich über 400 Seiten später im Big Apple zu landen.
Dazwischen werden Ratz' Familienverhältnisse bis zur Generation der - politisch kontroversen - Großväter zurückverfolgt; wird die Geschichte des Holocaust in Litauen anhand eingeschobener pseudo-dokumentarischer Protokolle eines gewissen Jonas Shtrom umrissen, der das grausame Morden im Getto von Kowno und den umliegenden Forts (SS-Hauptsturmführer Karl Jäger ließ 200.000 Juden umbringen) überlebte. Die drei "Protokolle" aus dem Jahre 1959, die gemeinsam einen erschütternden Bericht von Shtroms Überlebenskampf liefern, und die Familiengeschichte der Kramers sind zweifellos die Höhepunkte des Buches. Der Großvater mütterlicherseits, ein zusehends unleidlich werdender und versoffener Scheibbser Hauptschuldirektor, und der aufrechte Sozialdemokrat, der die zusehende Korrumpierung seines zum Verkehrsminister aufgestiegenen Sohnes, dem Vater von Ratz, mit wachsendem Argwohn betrachtet, sind sehr schön und in wunderbaren Details gezeichnete Figuren einer geschichtsträchtigen Zeit, deren Tradition auf den Schultern der Söhne lastet.
Haslingers Stärke liegt, kinematographisch gesprochen, in den Close-ups und einzelnen, mitunter geradezu slapstickhaften Tableaus: Das Wüten des Scheibbser Großvaters, dessen Raserei vor dem eigenen Fischteich keinen Halt macht; das handwerkliche Ethos des Wiener Opas, der eine Lammfellwalze 20 Jahre in Benützung hat; die selbstmitleidige Larmoyanz Ratz', der in inzestuösem Begehren zu seiner Schwester und in einem schwer nachvollziehbaren Hass auf seinen, die Mutter betrügenden Vater entflammt ist, der sich als Joint rauchender Nerd in die virtuelle Fantasiewelt seiner computergenerierten Vatervernichtungsspiele einspinnt und der nach dem mindestens sechsten Initiations-Bier in der grotesk neureich designten Villa vom Innenbalkon kotzt - all das sind gelungene und im Gedächtnis haften bleibende Momente in einem Roman, dem es allerdings in der epischen Gesamtkonstruktion und im sprachlichen Detail an Stimmigkeit gebricht. Mit der gelungenen Darstellung der psychosomatischen Feinmotorik des Protagonisten können die wenigsten Passagen mithalten. Wenn - um nur zwei Beispiele zu zitieren - ein Haus "zu groß und gestelzt" ist oder eine Frau "schicksalsergeben durchs Leben geht, als wäre sie eine aufgefädelte Rosenkranzperle", dann hätte der Lektor einschreiten müssen. Und dass Shtrom in seinen Protokollen abgedroschene journalistische Phrasen wie "An diesem Tag glich unsere Zelle einem Hexenkessel" oder - wenig später - "Die nächsten Tage waren ein Tränenmeer" verwendet, trübt den Eindruck dieser ansonsten präzisen und unpathetisch gehaltenen Schilderungen doch etwas. Allen Einwänden und seinem Umfang zum Trotz ist "Das Vaterspiel" eine für den spät und umso heftiger einsetzenden Sommer überaus geeignete Lektüre, allemal so spannend, dass auch ein Wochenende genügen kann.

Klaus Nüchtern in FALTER 34/2000 vom 25.08.2000 (S. 18)


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