Zugvögel
Mit einer CD

von Josef Haslinger

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Luchterhand
Erscheinungsdatum: 01.01.2006

Rezension aus FALTER 11/2006

Hey Tscho

In "Zugvögel" fährt Josef Haslinger nach Groß Gerungs, Frankfurt,Kroatien und rappt sich durch die USA.

Beginnen wir beim Offensichtlichen, nämlich der Kleinschreibung. Über die regte sich noch vor 25 Jahren manch einer groß auf. Die Kleinschreibung galt als Signum der Avantgarde und diente den Wächtern über die geistige Ordnung als Projektionsfläche. Diese Ordnung wird, wie Franz Schuh in einem Aufsatz zu Konrad Bayer schrieb, durch die Kleinschreibung allein schon deshalb denunziert, weil sich darin Literatur in kleine, auseinander strebende Partikel auflöst. Jenen, die über die Größe der anderen zu bestimmen trachten, wird Kleingeschriebenes stets verdächtig sein.

In Josef Haslingers Band "Zugvögel", zeigt sich, dass wir mittlerweile in einer anderen Zeit gelandet sind. Die darin enthaltenen Texte sind kleingeschrieben, aber ganz konventionelle Erzählungen. Was den Autor bewogen haben mag, sie in einem Gewand zu präsentieren, das ihnen so offenkundig nicht passt, bleibt ein Rätsel, das freilich mit den Reiz des Bandes ausmacht.

Kleingeschriebene Texte schärfen den Blick auf ihre sprachliche Verfasstheit; der Inhalt tritt zurück, das Material und die Form geraten ins Blickfeld. Eine Erzählung wie "fiona und ferdinand" braucht das freilich nicht zu fürchten. Eingeleitet wird sie von einer nicht eben unrhythmischen Passage: "als die angehörigen des verstorbenen bachmaier, eines frommen mannes, dessen hals bei lebendigem leib verfault war, die alten möbel durchstöberten, um ein hochgeschlossenes hemd für die leiche zu suchen, stießen sie auf eine versperrte truhe." In der Truhe finden sich Menschenknochen, die das ganze Dorf in Aufregung versetzen. Von seiner Mutter wird der Icherzähler daraufhin in seinen Heimatort zurückgeholt. Dass es sich dabei um ein unmittelbar autobiografisches Faktum handelt, wird aus einer Eintragung klar, die ganz nebenbei die Imponderabilien des heutigen Berufslebens zeigt: "ich konnte mir am nächsten tag vom unterricht in leipzig nicht frei nehmen und so fuhr ich erst am übernächsten tag ins waldviertel."

Exotisch wie Groß Gerungs und ebenso autobiografisch verankert sind auch die Schauplätze der anderen Erzählungen. In einem Text mit dem schönen Titel "ich hatte in frankfurt zu tun" trifft Haslinger ebendort mit ehemaligen Hausbesetzern zusammen. Als er damals mit 17 Jahren bei ihnen Unterschlupf fand und sich in eine der Frauen unsterblich verliebte, hatten sie ihn "joe" genannt. Mehrere Jahrzehnte später tönt das Wort durch eine Hotellobby und klingt genauso wie früher: "tscho".

So wirklich zu swingen fängt Haslingers Sprache in "amerika" an. Eingeleitet wird das "reiseepos" von dem knappen Satz "nach nashville stand mein sinn", und einen Teilabschnitt ("gutes altes bud") hat der Autor tatsächlich als einen "rap" bezeichnet. Bertl Mütter und Werner Puntigam liefern auf der beigelegten CD die passende Musik: "ich setzte mich ins auto und fuhr richtung osten / in die stadt der tunnelmenschen, in die stadt der luftbewohner, / in die stadt, in der alle träume etwas kosten. / eine gute tagesreise, weiter war es nicht, leider, / doch ich fühlte mich wie ein easy rider."

Eine ganz andere Dimension eröffnet sich in der Erzählung "die schlacht um wien". Hier werden einem alten Nazifeldwebel nach Art einer imaginären Anklage Bilder vorgehalten, die man in Wien zu Kriegsende sehen konnte und die in einem hochpathetischen Tonfall artikuliert werden. Immer wieder stößt der Feldwebel auf jene drei "offizierskörper" ein, die man in Floridsdorf öffentlich aufgehängt und mit dem berüchtigten Schild "Ich habe mit den Bolschewiken paktiert" versehen hat. Dabei bringt der Mann die heftigsten Flüche an: "hier du verräter, ja nick nur, du schweinehund, alle hätte man euch so behandeln müssen."

Die Titelgeschichte erzählt von einer Reise ins kroatische Rovijn; man trifft dort auf eine Gruppe von Menschen, die inmitten ihrer Heimat ganz ohne Heimat sind. Treffpunkt ist eine Imbissstätte, die die fünfzigjährige Janica von einem Campingbus aus betreibt. An einem der wackeligen Tische sitzt der Hobbyastronom Zlatko, der gerade damit beschäftigt ist, einen neu entdeckten Himmelskörper zu klassifizieren und für ihn - unter reger Beteiligung der anderen - einen Namen zu suchen; vorgeschlagen dafür ist unter anderem "erlöser". "1 zlatko", "67 zlatko" und "211 zlatko" gibt es schon.

Während der Schauspieler Igor und Janica sich über ihr Wiedersehen freuen, rattert auf einem alten Moped die Tochter der Budenbesitzerin heran. Diese Mirjana wird der Erzähler wenig später auf der Bühne eines Lokals als Glasmarimbaspielerin der Birds Of Balkan erleben, der noch ein mexikanischer Gitarrist angehört. Die Musik nimmt sich eher karibisch als balkanisch aus, aber als der Erzähler es bemerkt, ist er in Gedanken schon ganz woanders, nämlich im Wohnwagen bei Igor und Janica:

"ich konnte mirjana nicht länger anblicken, ohne an ihre fickende und weinende mutter zu denken, an igor, der sich von ihrem heulen nicht abhalten lässt, der immer fester zustößt, der nur umso tiefer in sie hineinbohrt, je mehr sie weint und schreit, hinein in janica, die bei jedem stoß aufheult, aber die sich nicht wehrt, in deren schreien und winseln zugleich eine unermessliche freude liegt, die igors lust nur umso mehr steigert, bis er in rage kommt und auf sie einhämmert, als könnte er diesen verdammten krieg endgültig aus ihr herausficken."

Klaus Kastberger in FALTER 11/2006 vom 17.03.2006 (S. 22)


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