Das Provisorium
Roman

von Wolfgang Hilbig

€ 20,50
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Verlag: S. FISCHER
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 320 Seiten
Erscheinungsdatum: 21.02.2000

Rezension aus FALTER 12/2000

Wolfgang Hilbigs "Das Provisorium" ist ein sehr persönlicher Bericht von der Höllenfahrt eines Alkoholikers zwischen den Welten - und grandiose Literatur.
Manche Dinge müssen aufgeschrieben werden, weil es unmöglich ist, über sie zu sprechen. Das Schreiben fällt schwer genug. Wolfgang Hilbig hat fünf Jahre an seinem neuen Roman gearbeitet, der so eindeutig autobiografisch ist wie keines seiner Bücher zuvor. Mehrfach musste der Veröffentlichungstermin verschoben werden, und als im November endlich der erste Fahnensatz vorlag, schrieb er noch einmal alles um und trug sich mit dem Gedanken, das Buch endgültig zurückzuziehen. "Eigentlich habe ich es zweimal geschrieben", sagt er. "Als ich das erste Mal fertig war, habe ich gesehen, dass es so nicht geht, und gleich wieder von vorne begonnen."
Die erste Fassung hatte Hilbig in Ichform erzählt, aber da war ihm alles zu nah. Erst als er die Hauptfigur "C." nannte und von ihr in der dritten Person sprach, gelang es ihm, "diesen Typen von außen zu sehen", sich in die finstersten Tiefen des Alkoholismus dieser Person zu begeben, ihre Ratlosigkeit und bodenlose Verlorenheit auszuhalten. Jetzt ist das Buch als Roman erschienen und heißt "Das Provisorium". "Ich werde meine Schwierigkeiten damit haben", sagte Hilbig, als er das erste Mal öffentlich daraus vorlas, und das war ganz bestimmt keine Koketterie. Am Ende der Lesung sah er abgekämpft aus wie ein Boxer, der erschöpft in den Seilen hängt und noch nicht weiß, ob er nun gewonnen oder verloren hat.
Dabei hatte Hilbig nur das erste und mit Abstand harmloseste Kapitel vorgelesen. Vielleicht, weil es das einzige ist, das sich vorlesen lässt, ohne den Autor völlig zu entblößen. Da sitzt der Schriftsteller C. in einem Cafe in der Fußgängerzone Nürnbergs und betrachtet voller Verachtung die einkaufende Menschenmenge um ihn herum und die Leere, die nach Ladenschluss zurückbleibt. C. ist schlecht gelaunt und zunehmend durstig, und es ist klar, dass er zu dieser westlichen Konsumgesellschaft mit ihren seltsamen Bräuchen keinerlei Zugehörigkeit entwickeln kann. Das Einkaufsparadies ist ihm die Hölle, die Konsumentenmassen sind ein modernes, stumpfsinniges Proletariat, Betrogene in bunt bedruckten Hemden, Beleidigte, die sich lärmend rächen für ihre Überflüssigkeit.
Solche Beobachtungen wären nicht besonders originell, wenn es dabei bliebe. Doch C.s Verachtung ist vor allem Hass auf sich selbst, eine exzessive Selbstzerstörung, die im ewigen Kreislauf der Unzugehörigkeit keinen Ausweg findet. C. kam wie der Autor Hilbig Mitte der Achtzigerjahre aus der DDR in die Bundesrepublik. Auch die anderen biografischen Daten stimmen überein. 1941 in Meuselwitz bei Leipzig geboren, war Hilbig dort im Braunkohlerevier bei einem analphabetischen Großvater aufgewachsen. Er hatte nach der Volksschule eine Lehre als Dreher absolviert, als Hilfsschlosser und als Heizer gearbeitet und kurzzeitig an einem Zirkel schreibender Arbeiter teilgenommen. Hilbig führte in der DDR ein Leben buchstäblich im Untergrund, ein nächtliches Einzelgängerdasein zwischen Schlamm und Schlacke, das er in eine entsprechend düstere Literatur transformierte. Erinnerungen an die Zeit der "Arbeit an den Öfen" enthält auch der neue Roman reichlich. Sie machen deutlich, dass es völlig sinnlos wäre, sich nach dieser DDR zurückzusehnen.
C. ist im Besitz eines Visums, das ihm erlaubt, hin- und herzufahren und aus einem Land ins andere zu fliehen. So wird sein Leben zur Flucht vor sich selbst, vor der Angst und vor der Unfähigkeit zu schreiben. Keine Zeile bringt C. in diesem Roman zu Papier - das immerhin unterscheidet ihn vom Autor. Ständig ist er unterwegs zwischen Ost und West, zwischen Nürnberg und Leipzig, zwischen seiner gegenwärtigen, katastrophalen Liebe und seiner vergangenen, unbeendeten, nicht minder katastrophalen Liebe. Was Freiheit sein könnte, ist für ihn der Super-Gau, der ihm unentwegt Entscheidungen abverlangt. Züge und Bahnhöfe sind folglich sein natürlicher Aufenthaltsort. Unterwegs zu sein ist zwar nur mit sehr viel Alkohol zu ertragen, doch es ist immer noch besser, als irgendwo bleiben zu müssen. C. begreift sein Dasein als Provisorium in einem provisorischen Land. Er existiert im permanenten Übergang - oder im Untergang. Entschieden ist das bis zum Ende nicht. "Das Unaufgearbeitete", von dem im Text die Rede ist, auch als "Gegenwart eines Verlusts" bezeichnet, steht ihm andauernd im Weg, sodass er auf die existenzielle und sehr konkrete Frage "Wohin soll ich gehen?" niemals eine Antwort findet.
Hilbig nennt, was in seinem Roman geschieht, das "Unerklärliche". Mit großen Begriffen kann er nichts anfangen. Er zeigt den Menschen - sich selbst - als Kreatur: nackt und in unhaltbarer Lage. Wer das Kapitel über C.s Alkoholentzug im Münchner Klinikum Haar liest, die grandiose Beschreibung eines mehrtägigen Deliriums in einem großen Schlafsaal, in dem die Metallbetten unter den schwitzenden und schreienden Männerleibern erzittern, dem stockt der Atem. Wie Werkstücke in der Fabrik liegen die wehrlosen Körper und verkrallen sich in ihr zähes Leben. Eine andere, großartige Szene schildert, wie sich C. in der Einsamkeit des nächtlichen Hotelzimmers Hard-Core-Pornos anschaut und wie sich dabei Geilheit und Reflexionen über die abstoßende Mechanik der Darstellungen überlagern. Der Körper ist das Schlachtfeld für Hilbigs "Provisorium", eine Schlacht, die umso entsetzlicher ist, als sie keinen Gegner kennt als sich selbst.
Sicher geht es auch um "Deutschland", doch das geteilte Land dient eher als Metapher für C.s Zerrissenheit als umgekehrt. Von der Grenzöffnung 1989 bekommt er fast nichts mit, so sehr versinkt er im Suff und im Schmutz. Von der Zukunft hat er so oder so nichts zu erhoffen. Und wenn er sich aus dem Bett heraus erbricht, scharrt er die stinkende Masse mit einem Buch über den Holocaust, das "unaufgearbeitet" in seiner Wohnung herumliegt, in eine Plastiktüte.
"Das Provisorium" ist eine eruptive Katharsis. Selten hat sich jemand die Seele so drastisch aus dem Leib gekotzt. Selten hat sich ein Autor in seiner Verzweiflung und seinem körperlichen Elend so entblößt, wie es Hilbig in diesem Roman tut. Doch Schreiben heißt, das Leben von sich wegzurücken. Jetzt, da die Selbstvernichtung ausgestanden und in der Welt ist, gehört sie dem Autor schon nicht mehr an. Es ist ein merkwürdiges Paradox, dass man sich hinter der Radikalität des Veröffentlichten auch verstecken kann. Hilbig weiß das. Seine Schwierigkeiten beim Schreiben des Romans hatten auch damit zu tun, dass er seiner Rigorosität als Geste misstraute. An der elementaren Gewalt dieses Romans ändert das überhaupt nichts.

Jörg Magenau in FALTER 12/2000 vom 24.03.2000 (S. 16)


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