Deutsche Medizin im Dritten Reich
Karrieren vor und nach 1945

von Ernst Klee

€ 25,70
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Verlag: S. FISCHER
Format: Hardcover
Genre: Medizin/Allgemeines
Umfang: 416 Seiten
Erscheinungsdatum: 19.09.2001

Rezension aus FALTER 5/2002

Das neue Buch des Frankfurter Publizisten Ernst Klee gibt einen erschütternden Einblick in die zynische Welt der Medizin: wie deutsche und österreichische Ärzte vor und nach 1945 Karriere machten.

Nirgendwo würden die medizinischen Verbrechen des Nationalsozialismus so verdrängt wie in Österreich. Das behauptete der Schriftsteller Robert Menasse vergangenen Juni, als ein Buch über den NS-Arzt Heinrich Gross vorgestellt wurde. Wenn Ernst Klee nun sein neuestes Buch im Wiener Rathaus präsentiert, dann wird auch diese verquere österreichische Hoffnung - nämlich über den Umweg brauner Vergangenheit etwas ganz Besonderes zu verkörpern - geplatzt sein.

Denn Österreich stellte im Nazireich nämlich allenfalls eine Provinz mit einigen Sonderentwicklungen dar, die sich aus seiner abweichenden Geschichte ergaben. Das Vergessen nach 1945 funktionierte nämlich auch beim großen Nachbarn und der DDR. Allenfalls das Verschwinden der historischen Amnesie dauerte in Österreich etwas länger - ähnlich wie im "neutralen" Schweden oder in der Schweiz, wo die Presse erst 1996 bzw. 1997 ansatzweise wahrnahm, wie sehr auch dort Mediziner mit den NS-Kollegen aus Deutschland zusammengearbeitet hatten.

In seinem jüngsten Buch "Deutsche Medizin im Dritten Reich" liefert der Frankfurter Publizist und Dokumentarfilmer Ernst Klee einen Überblick über Karrieren deutscher Mediziner vor und nach 1945. Hatte sich der exzellente Rechercheur in seiner Studie "Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer" (1997) mit der nationalsozialistischen Medizinforschung für SS, Wehrmacht und Pharmaindustrie in den deutschen Konzentrationslagern beschäftigt, so folgt er diesmal den Karrieren jener Mediziner über 1945 hinaus. Dabei stellt er ihre Machtpositionen und Untaten im NS-Staat den lügenhaften Entnazifizierungs-Ausreden nach Kriegsende wie auch ihrem Wiederaufstieg in den Nachkriegsjahrzehnten gegenüber.



Bereits vor mehr als 15 Jahren hat Klee mit ",Euthanasie' im NS-Staat" (1983) und "Was sie taten - Was sie wurden" (1986) dieselbe Doppelstrategie zur Darstellung des NS-Patientenmordes in der Psychiatrie benutzt. Nun weitet er sie praktisch auf das Feld der gesamten Medizin aus. Das neue Buch umfasst nach einer kurzen Einleitung über das "Ernährungsparadies" Auschwitz vierzehn Kapitel; die längsten Abschnitte sind nicht zufällig der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) bzw. deren organisatorischer Nachfolgerin, der Max-Planck-Gesellschaft (MPG), gewidmet: Klee war seit langem der entscheidende Protagonist in einer Debatte um die Vergangenheitsaufarbeitung der KWG/MPG und hatte von deren Präsidenten eine klare Entschuldigung der Wissenschaftler gegenüber den überlebenden Opfern verlangt.

Die eindeutige Schwäche des Buches liegt an seinem Beginn: Die einleitenden Kapitel zur Rassenhygiene bzw. zur politischen Prägung von Ärzteschaft, Krankenpflege und Naturheilkunde geben eine allzu knappe historische Übersicht über die Zeit vor 1933. Diesbezüglich kann man sich zum Beispiel im Band "Rasse, Blut und Gene" von Peter Weingart et al. besser informieren. Die nächsten Abschnitte des Buchs, die jeweils mit der NS-Zeit beginnen, jedoch zeitlich weit darüber hinausreichen, handeln unter anderem von Kriminalbiologie und Zwangssterilisation, Psychiatrie, Kinder-"Euthanasie", die Kaiser-Wilhelm-Institute für Anthropologie bzw. Hirnforschung, die Deutsche Forschungsgemeinschaft, Psychotherapie und Österreich. Abschließend geht es um die Nachkriegszeit: um Rassenhygiene, Vaterschaftsgutachten und die Deutsche Atomkommission nach 1945 oder die Mutation von NS-Tätern zu "Widerständlern".

Mit dieser Breite der Darstellung liefert Klee einen Überblick über Nachkriegskarrieren deutscher (und österreichischer) Mediziner, wie er sonst bislang nirgends vorliegt. Und wieder ist er der historischen Forschung an vielen Stellen um einiges voraus. Die Knappheit der Darstellung, um diese Fülle an Kenntnissen zwischen zwei Buchdeckel zu packen, zwingt bisweilen allerdings zu äußerster Verkürzung. Manche Interpretation wird daher nur geteilte Zustimmung finden. Sein Seitenblick auf die Wiener Gerichtsmedizin dürfte hierzulande indes wohl noch für einige Debatten sorgen.

Insgesamt bietet Klees neues Buch einen erschütternden Einblick in den Zynismus institutioneller und medizinischer Macht: Selbst die eklatantesten Mordtaten wurden zu Zwecken ungebrochener Karriereverfolgung dem gnädigen Vergessen überantwortet. Klees Konsequenz daraus ist ein bedenkenswerter Merksatz: "Wer Tätern nach dem Munde redet, hat kein Ohr für die Opfer."

Michael Hubenstorf in FALTER 5/2002 vom 01.02.2002 (S. 15)


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