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Verlag: S. Fischer
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 41/2003

In ihren Geschichtenband "Komm" versammelt die 22-jährige
Irina Denezkina eine Reihe von Jugendlichen, die im postkommunistischen Russland
eine unwirkliche und doch bedrückende Existenz führen.


Sie heißen Oleg, Mascha, Anton und Sergej, sie haben Handys und Internet, sind gepierct und machen Diäten (die Mädchen) oder Musik (die Burschen). Kurz, sie sind ganz normale Jugendliche zwischen zwölf und zwanzig, unfertig und verträumt, frei von materiellen Sorgen. Man kennt das Alter, man kennt die Generation, und dennoch ist einem diese Welt vollkommen neu. Irina Denezkina, selbst gerade einmal 22 Jahre alt, erzählt von Jugendlichen in Russland. Und mag es dabei auch hauptsächlich um den pubertären Alltag gehen, um Schule, ums Besaufen, um den ersten Sex – der Kurzgeschichtenband "Komm" weist weit über den Alltag hinaus. Illusionslos, manchmal fast abgebrüht, zeichnet diese junge Autorin das ernüchternde Bild einer postkommunistischen Gesellschaft.
Sie sollten eigentlich die Zukunft ihres Landes sein, diese Olegs, Maschas, Antons und Sergejs, doch eigentlich ist für sie alles gelaufen. Als es losging mit der Marktwirtschaft, als die Karten neu gemischt wurden in Russland, waren sie zu jung, um dabei zu sein. Inzwischen sind sie zu alt, um sich Kapitalismus und Globalisierung als Allheilmittel verkaufen zu lassen. Sie sind eine Generation des Überganges, mit Umbrüchen sind sie groß geworden, und doch können sie an den gesellschaftlichen Veränderungen nicht teilhaben.
Es ist bezeichnend, dass Irina Denezkina in ihren Geschichten nie das Wort "Generation" im Munde führt. Generation, das würde eine Art von Gemeinsamkeit suggerieren, die diese Jugendlichen nie erfahren haben. Denezkinas Kollege und Landsmann Viktor Pelewin konnte in den Neunzigerjahren noch von der "Generation P" reden, wobei P für Pepsi stand, jenes Symbol, mit dem sich die Teenies der Siebziger in den Goldenen Westen träumten. Denezkinas Altersgenossen kennen kein solches Wirgefühl, denn nicht einmal die Erinnerung schweißt sie zusammen. Sie hatten keine sozialistische Kindheit wie die Generation P; als sie geboren wurden, war das kommunistische Imperium schon nicht mehr ernst zu nehmen.
Das Einzige, was ihnen nun zu tun bleibt, ist, in der Gegenwart zu verharren. Ohne jeden Bezug zum Gestern und ohne gesteigerte Lust auf das Morgen kreisen diese großen Kinder um sich selbst, jeder Versuch zu leben wird dabei zum Spiel. In der Titelgeschichte geht es um die Ich-Erzählerin und ihren Mann Ljapa. Die beiden stehen in der Küche, schenken sich Kaffee ein und reden übers Kaffee-Einschenken wie ein altes Ehepaar, doch bald stellt sich heraus, dass sie nur "virtuell geheiratet" haben, im Internet, "er hat mich geheiratet, und ich habe einfach so auf ,Ja' gedrückt." Ihre beste Freundin muss indes mit reich gewordenen Männern schlafen, um sich Kleider und Kosmetika leisten zu können, doch auch dies ist für sie nur ein Spiel, ein Mädchenspiel, nicht viel anders als Verkleiden und Verstecken.
Sogar das soziale Elend, das den russischen Alltag bestimmt, wird von dieser kindlichen Fantasiewelt aufgesogen. So geht es in "Wasja" um die "grünen Würger", die den Menschen alles wegfressen. Am Ende fressen sie auch die Menschen auf, am schnellsten die, die es sich nicht richten können. Irina Denezkina nennt die Dinge nicht beim Namen, sie beschreibt nicht die Armut, die Korruption oder das marode System. Lieber führt sie einen zerlumpten und vernachlässigten Jungen ein, der die Würger schließlich besiegen kann. Das Groteske ist Denezkinas Versuch, eine groteske Welt zu ordnen. Wo es Monster gibt, kann es immerhin auch Helden geben.
Erwachsene kommen nur selten vor in diesem Kosmos, in dem jeder auf sich selbst angewiesen ist, sie sind höchstens als abstrakte Autoritäten präsent, als Professoren oder Polizisten. Man muss dabei unwillkürlich an die Peanuts denken, und auch die Personen aus Irina Denezkinas Spielzeugwelt könnten aus einer Cartoonserie stammen. Die Charaktere sind nur skizziert, ein Anton oder eine Mascha werden nie genauer beschrieben, immer aber hat man das Gefühl, dass es sich um früh vergreiste Kinder handelt: Sie wissen zwar über Korruption und Krieg Bescheid und weigern sich jedoch, erwachsen zu werden. Ihre Zeit schlagen sie auf Partys oder vor dem Computer tot, selbst Liebesgeschichten haben keinen Einfluss auf ihr Leben. "Auf dem Balkon vögelten Kostja Patruschew und Ljudka Kolossowa. Unbegreiflich, wieso. Aber sie waren auch hackedicht."
Die einzige Möglichkeit, sich noch zu spüren, ist Gewalt – gegen andere oder gegen sich selbst. Dauernd schlägt man sich die Nasen blutig oder wird jemand überfallen. Als Ljudka niemanden findet, der sie auf eine Silvesterparty mitnimmt, steigt sie aufs Fensterbrett, um sich in den Tod zu stürzen ("Ljocha-Rottweiler"). Und Denja, der Junge aus "Komm", der in Tschetschenien gekämpft hat und dort alle seine Freunde sterben sah, will wieder zurück zur Armee. "‚Sterben – aber für etwas Großes', setzte Denja seinen Gedanken fort, ,ohne diesen Dreck, für etwas Ganzes. Und wir kneten hier an irgendeinem Plastilinklumpen herum. Wozu? Ich will in den Krieg. Damit ich dort umkomme. Aber richtig.'"

Vergeblich suchen die Figuren ihren Platz in der Geschichte; sie werden ihn nicht finden: Geschichte ist bei Irina Denezkina nichts anderes als ein Unterrichtsfach, auf das man sich nicht vorbereitet hat. Das Einzige, woran sich die jeweilige Zeit ablesen lässt, sind die Namen von Markenartikeln oder Fernsehserien. Immer wieder durchbrechen Zeilen aus Liedtexten die Erzählungen oder werden Filme erwähnt – Denezkinas Wirklichkeit ist eine unzusammenhängende Abfolge von Reizen, die man nicht verarbeiten kann.
"So give me coffee and TV, be history" lautet eine Liedzeile aus "Songs for lovers", der dichtesten und formal besten Erzählung. Wieder geht es um flüchtige Liebesbeziehungen und um Wodka, um das Leben, vor dem man sich drückt und das einem doch zur ständigen Last geworden ist. Jeder Ablauf scheint sich unendlich in die Länge zu ziehen, wie in Zeitlupe erlebt man, wie sich ein Mädchen die Fingernägel lackiert oder auf einer Party Flaschendrehen gespielt wird. Und auch wenn die Jugendlichen permanent beisammenstecken, gemeinsam feiern oder sich ineinander verlieben – jeder ist allein mit sich, losgelöst von allen Wurzeln, gefangen im Hier und Jetzt. Keine Gefängnismauer könnte diesen Jugendlichen so im Weg stehen wie diese sich selbst.

Verena Mayer in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 15)


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