Liebeserklärung
Roman

von Michael Lentz

€ 17,40
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Verlag: S. FISCHER
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 192 Seiten
Erscheinungsdatum: 22.09.2003

Rezension aus FALTER 41/2003

In Michael Lentz' furiosem Romandebüt geht es nur um das eine. Und um
den Sound, der über alles entscheidet.

Das Verhältnis zwischen der Liebe und der Sprache kennt eigentlich nur zwei Extreme: das Stammeln am Rande des Verstummens, weil den Liebenden die Worte fehlen für das, was sie gerade durchmachen, oder der grenzenlose Redeschwall, in dem sich die überquellenden Gefühle Bahn brechen. Michael Lentz' "Liebeserklärung", der erste Roman des Bachmann-Preisträgers von 2001, gehört in die zweite Kategorie.
Die Handlung ist aufs Nötigste reduziert, auf einen Ich-Erzähler nämlich, der sich von seiner Ehefrau (sie heißt Z) getrennt und in eine andere Frau (sie heißt A) verliebt hat. Zwischen diesen beiden Frauen reist er mit der Bahn durch Deutschland. In seinem Kopf entsteht eine monströse Suada, die, als Liebeserklärung verstanden, manche Adressatin vermutlich verschrecken würde. Denn was sie beschwört, ist nicht die Liebe, sondern die Gier, die schiere Gier nach Sex und Sex und Sex und nach Gefühlen, die den Sex anheizen.
Lentz' Sprache vibriert in den exaltiertesten Registern, findet oft eindrucksvolle und zwingende Bilder, verheddert sich freilich manchmal auch in Kalauern und Peinlichkeiten – aber was wäre Sex ohne Peinlichkeit? Auch die gehört zur gnadenlosen Authentizität dieses Romans, dem ja schon der Ruf des pornographischen Opus vorauseilte. Vielleicht nicht ganz zu Unrecht, aber nicht etwa, weil er sehr viele und sehr unterschiedliche Wege, Körper wechselseitig in den Zustand des Orgasmus zu versetzen, mit nicht nachlassender Detailfreude schildert. Sondern eher, weil diese knapp 200 Seiten, die ja wenig erzählen, die nicht einmal eine erkennbare Figur aufbauen, einen Zustand emotionaler und körperlicher Dauererregung instrumentieren, der den wundersam ermüdungsfreien sexuellen Dauerexzessen des Pornos entspricht. Es dürfte mittlerweile klar geworden sein, dass dieser Roman nicht im Mainstream heutigen Erzählens schwimmt. Lentz, nicht nur Autor, sondern auch Musiker, hat sich ja schon immer auf die Avantgardisten der Vorkriegszeit und auf die experimentelle Literatur der Sechzigerjahre berufen, wenn er sich in eine literarische Tradition einordnen sollte. Die Sprache ist ihm Material, und schon deshalb ist es ziemlich absurd (und nicht nur indiskret), über ein etwaiges autobiografisches Substrat dieses Romans zu spekulieren. Vermutlich bringt es auch nicht viel, den überdeutlich platzierten Bezügen auf Kierkegaards ("der alte Däne") Philosophie der Verführung allzu viel Bedeutung beizumessen – und was sich an Verweisen sonst so findet: Über dieses Buch entscheiden allein der Sound und die Stimmung – feuilletonistische Hermeneutik und psychologische Plausibiliät haben da nichts auszurichten.
Das freilich erleichtert dem Rezensenten die Arbeit: Jetzt kann niemand mehr von ihm ein abschließendes Urteil erwarten, denn dieses Buch entzieht sich allen Kategorien, über die sich aussichtsreich streiten lässt. Entweder es spricht irgendeine Erfahrung an, im Guten wie im Schlimmen. Oder aber es bleibt in großer Distanz: als ein stellenweise geistvoll konstruiertes, dann wieder wohl spontan hingeworfenes Stück Prosa – das freilich einen langen Atem braucht, um allein als solches goutiert zu werden.

Eine Beobachtung freilich kann der Rezensent nicht für sich behalten: Dieses Buch riecht nach den Siebzigerjahren, nach Brinkmann, nach Selbstverständigungstexten, nach der damals noch schockierenden sexuellen Offenheit der Frauenliteratur. Das ist nun gar nicht abwertend gemeint, sondern nur als Hinweis darauf, dass dieser Roman ziemlich gut zur Retrobewegung dieser Jahre passt: zu glänzenden Adidas-Täschchen, zu Lounges und Friseursalons in Lindgrün und Orange. Aber dort wird ihn niemand lesen. Er bleibt ein bemerkenswerter Anachronismus, der nur äußerlich mit den heutigen Moden korrespondiert.

Tobias Heyl in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 14)


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