Muttersterben

von Michael Lentz

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Verlag: S. Fischer
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 12/2002

Michael Lentz legt seinen Siegertext vom Bachmann-Wettbewerb vor, der leer ausgegangene Heiner Link verhilft dem Stammtischgespräch zu literarischen Ehren.


München leuchtete, als es letztes Jahr die große Schlacht um den Bachmann-Wettbewerb geschlagen war. Heiner Link, ein echtes Kindl aus Oktoberfest-City, war gemeinsam mit dem aus Düren in Nordrhein- Westfalen zugezogenen Michael Lentz angereist. Heim fuhren sie getrennt. Link, berüchtigt für unflätige Ansichten in Sachen Bayerns Kapitale, hatte eine schlechte Figur gemacht – und also keinen antibajuwarischen Schaden anrichten können. Lentz dagegen wurde Lesekönig und hatte nach der Krönung noch ein paar Tage zu bleiben. Ob die Jury weise entschieden hat? Zwei neue Bücher geben die Möglichkeit zum Vergleich. "Muttersterben" heißt Michael Lentz' Erzählband, worin er ein ganzes Arsenal sprachlicher Feuerwerkskörper abbrennt. Einen Augenblick lang vermögen sie den Leser mit fantastischen Eindrücken aufzuhellen. Doch schon im Moment des Umblätterns ist alles vergessen. Umso unerträglicher wirkt die dunkle Leere danach. Worum geht es in "Die zigarette", "Herr B. isst gern eine schnitte brot", "Allóra"? Darum, einen fast schon mathematischen Daseinsbe-weis als Autor zu führen. Lentz' Schreibe funktioniert prächtig, wenn er sich – wie Heiner Link im weiter unten noch zu besprechenden "Album" – minderwertiges Sprachmaterial von der Straße holt und mit groben Werkzeugen bearbeitet. Lettrismus, Dada, Konkrete Poesie als Säge und Hobel. Dennoch: Bis man zu einem wirklich atemberaubenden Text kommt, muss man sich erst einmal durch 158 selbst-, sprach- und bildungsverliebte Seiten lesen. Dann aber kommt "Kein zusammenhang". Es ist die Fortsetzung der Titelgeschichte, mit der sich Lentz den Bachmann-Preis erlas. Verglichen mit "Kein zusammenhang" nimmt sich "Muttersterben" (das auch auf CD zu haben ist und zu enervierenden Toncollagen von Josef Anton Riedl gelesen wird) aber wie ein harmloses und überflüssiges Vorgeplänkel aus. Im zweiten Teil wird alles erneut erzählt, diesmal aber mit Vehemenz. Lentz lässt sein autobiografisch gefärbtes Ich mit kühler, vom Alltag zugedeckter Verzweiflung über das Leiden der Mutter assoziieren, die der Krebs nach zehn Jahren Kampf dahingerafft hat – in einer Prosa von seltener Konsequenz und Dringlichkeit, in der die unterdrückte Trauer ihr Ventil findet. Vom Mai 1999 bis zum Mai 2000 stellte Heiner Link jede Woche ein privates Kinderfoto oder ein Fundstück aus Presse und Werbung auf seine Homepage, begleitet von einem Text, der mit dem Bildmaterial spielt – mal als anarchische Schnurre im Geist eines Oskar Maria Graf, mal als Gedicht, mal als Geschichtchen. Dieses "Album", das den ersten Teil von Links jüngstem Buch "Mein Jahrtausend" ausmacht, ist eine trashige Sammlung von Bespiegelungen eines selbst ernannten ewigen Verlierers aus München-Pasing, eine gewitzte Vermüllung sprachlicher Schnipsel aus Alltags-, Hoch- und Kommerzkultur – und als Papierversion um nichts minder lustig als vormals als HTML-Text. Nachdem Christian Kracht, der Star der literarischen Pop-Elite, vor drei Jahren schnieke Kollegen zum Plausch ins Berliner Hotel Adlon geladen hatte und die Gespräche in dem Buch "Tristesse Royal" (1999) verarbeitete, lud nun Link im Gegenzug seine Münchner Kollegen Georg M. Oswald, Norbert Niemann und Helmut Krausser ein Jahr lang zum E-Mail-Tausch. Krachts Werk ist ein aufgeblasenes Buch um nichts, Links "Die Banalität des Prolligen", zweiter Teil des neuen Buches, leistet eine Zusammenfassung der elektronisch geführten Gespräche über Wirtshäuser, Münchner Stadtviertel, Internet und den Literaturbetrieb. Mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Normalsterblichkeit feixt die Münchner Crew am virtuellen Stammtisch, und es ist eine Wonne, wie sich die Beteiligten gegenseitig das Wort verdrehen, sich sufftrübe Wahrheiten über menschliche Paarungsbereitschaft, Goethe und die Boulevard-Journaille an den Kopf werfen. Hübsch auch, wenn Link beispielsweise bei Bier, Schnaps und Gedichten austestet, wie Mail-Empfänger Oswald auf haarsträubende Polit-Anekdoten und Welttheorien reagieren wird. "Die Banalität des Prolligen" ist allerdings mit Interna aus dem Literaturzirkus nur so gespickt, sodass Uneingeweihte mitunter nicht allzu viel verstehen werden.

Martin Droschke in FALTER 12/2002 vom 22.03.2002 (S. 8)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Mein Jahrtausend (Heiner Link)

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