Kunst des Reisens
Mit zahlreichen Abbildungen

von Alain de Botton, Silvia Morawetz

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: S. Fischer
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 12/2002

Anhand von Gustave Flaubert und der Landschaft der Provence gibt der schweizerisch-britische Publizist Alain de Botton Unterweisungen in der "Kunst des Reisens".

Es gibt eine Vielzahl an Gründen, weshalb wir gerne in fremde Regionen aufbrechen. Neben der Suche nach einem Paradies der Faulheit wäre die Sehnsucht nach etwas Neuem zu nennen, nach Eindrücken, Herausforderungen, nach geistigem Input. Diese Form des Reisens ist nicht einfach. Allzu leicht endet der hehre Anspruch in einer strapaziösen Enttäuschung. Doch keine Angst: Die hohe "Kunst des Reisens" ist erlernbar. Der so betitelte Essayband des schweizerisch-britischen Philosophen und Schriftstellers Alain de Botton über "Erwartungen", "Wissbegierde" und "die Erlangung des Schönen" liefert alles, was an Theorie und Wissen notwendig ist.
Das Material, mit dem de Botton die Psychologie des Aufbruchs aus dem Alltag, der Erschließung des Fremden und der privaten Erfüllung analysiert, führt zu Zielen, die so fern und exotisch sein können wie die Halbinsel Sinai, aber auch so nah und gewöhnlich wie das eigene Schlafzimmer. An ihnen liegt es nicht, dass manch eine Reise glücklich macht und eine andere nicht.
Für letztere dient Gustave Flaubert als abschreckendes Exempel. Der französische Schriftsteller stilisierte seine Vorstellung von Ägypten zum utopischen Ideal, in dem alles, was er an seiner Heimat hasste, in Wohlgefallen aufgelöst war. Eine Reise zum Nil konnte die Projektion nur zum Einsturz bringen. Flaubert verlor seinen Traum. Gleichzeitig war er nicht fähig, das reale Ägypten schätzen zu lernen. Er verfehlte sein Ziel gleich in zweifacher Hinsicht. Konsequent rät de Botton, auf instruierende Reiseführer zu verzichten, denn sie würden gleich den Träumen Flauberts Erwartungshaltungen programmieren, die den Blick auf die wirklich entdeckenswerten Dinge verstellen.

Literatur und Kunst hingegen preist er als Appetitmacher und exerziert am eigenen Beispiel, wie sie aus einer Landschaft ein Erlebnis machen. Zum Beispiel die Provence, wie de Botton sie sieht: Ohne Vincent van Gogh und seine existenzialistisch-vitalen Gemälde wäre sie ein von verkrüppelten Olivenbäumen und hässlichen Zypressen geprägter, sinnesfeidlicher Landstrich. Erst der Maler verlieh ihr jene Tiefe, die wir heute mit ihr verbinden und die bis in unser Innerstes reicht und es in Schwingungen versetzt. De Botton nennt van Gogh den eigentlichen Schöpfer des Erlebnisses Provence, denn er hat die Landschaft mit Assoziationen und Inhalten angereichert, sie um eine Interpretation ihrer selbst erweitert. Es entstand ein mehrdimensionaler Raum, und nur an einem solchen können Reiseort und Ich zur Einheit werden.
Kunst "schult uns darin, Gefühle bewusster wahrzunehmen, die wir uns vorher vielleicht nur zaghaft oder flüchtig gestattet haben", schreibt de Botton. Kunst ist also dasselbe wie Reisen. Ohne sie wäre das Glück des Umherstreifens nicht möglich. Und ohne das Reisen wiederum, ohne das Umherschweifen, könnte die Kunst als solche nicht existieren.

Martin Droschke in FALTER 12/2002 vom 22.03.2002 (S. 28)


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