Schiffbruch mit Tiger
Roman

von Manfred Allié

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: S. FISCHER
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Erscheinungsdatum: 07.02.2003

Rezension aus FALTER 12/2003

Yann Martels "Schiffbruch mit Tiger" wird in zwei, drei Jahren wahrscheinlich zeichentrickverfilmt werden. Es geht um Gottsuche und Tiere.

Der erste Teil des Buches ist bedingt schrecklich, der dritte, letzte, unbedingt. Der Schiffbrüchige liegt hier rekonvaleszierend in einem mexikanischen Krankenhaus, zwei Angestellte einer japanischen Versicherungsgesellschaft befragen ihn nach dem Unglückshergang. Autor Yann Martel bastelt hier eine Unterhaltung von boulevardkomödiantischer, linkischer Lustigkeit, die eine Verfilmung von Otto W. Retzer fast zwingend nahe legen würde. Schlussendlich soll auch noch das große Versprechen des Buchs - eine Geschichte zu erzählen, die "den Glauben an Gott geben wird" - eingelöst werden: Statt Erleuchtung stellt sich beim Leser jedoch lediglich matte Enttäuschung ein.

Im ersten Teil seines hochgelobten und letztes Jahr mit dem Booker Prize ausgezeichneten Romans berichtet Martel von Kindheit und Jugend seines Helden, des Zoodirektorssohnes Pi. Piscine Molitor Patel, von seinem Vater sympathischerweise nach einem Pariser Schwimmbad benannt, entwickelt zum Schrecken seines fortschrittsgläubigen Erzeugers mit einsetzender Pubertät ein überdurchschnittliches Bedürfnis nicht - wie altersadäquat zu erwarten wäre - nach Gesichts-, sondern nach spiritueller Reinigung. Der 14-jährige Hindu entdeckt die Faszination der christlichen Glaubenswelt und kaum ein Jahr darauf jene der islamischen. Ein hölzern herbeigeschriebenes Zusammentreffen seiner drei Glaubenslehrer mündet in deren Aufforderung an Pi, sich für eine Religion zu entscheiden. Der aber will und kann nicht, weil ihn alle drei Religionen gleichermaßen ansprechen und bereichern und so weiter.

Spätestens hier fragt man sich natürlich: Oh mein Gott, ein in nett-naiv-süßem Erzählton gehaltenes, sonnig-quietschbuntes "Alle Religionen sind super"-Buch also, beschwingt tändelnd mit Michael Ende'scher Philosophiemärchenbedeutungsschwangerschaft und leicht regressiver Winnie-the-Pooh-Idyllik - muss das wirklich sein? Wäre Meg Ryan 16, männlich, indischer Herkunft und eine Zeichentrickfigur, man sähe sie wohl in approximativ zwei Jahren in einer Disney-Adaption von Martels Buch staunäugig durch Zoos, Kirchen, Tempel und Moscheen gehen und Gottes Größe und Vielfalt schauen.

Aber das Buch ist eben auch gut, überdurchschnittlich gut, und zwar vor allem in der Schilderung alles Zoologischen. Schon bei der Beschreibung des heldenväterlichen Tierparks punktet der 1963 in Spanien geborene, in diversen Ländern dieser Welt groß gewordene Martel mit detailliertem Fachwissen, Anschaulichkeit und überraschenden Erkenntnissen (Tiere sind reaktionär, Zoos sind für Tiere das Paradies schlechthin); im zweiten, zentralen, im Schiffbruchteil des Buches führt er dem Leser das Wunder Tier derart eindrücklich und leidenschaftlich vor Augen, dass es ihm doch fast gelingt, in der Beschreibung der Vielfalt und der Perfektion des Animalischen die Göttlichkeit der Schöpfung anschaulich zu machen.

Worum geht es in diesem Kapitel? Nun: Das Schiff, mit dem die Zoodirektorsfamilie samt Zoorestbeständen nach Kanada auswandern wollte, sinkt im Sturm, und Pi findet sich als einziger humaner Überlebender auf einem Rettungsboot wieder, zusammen mit einem lädierten Zebra, einer Tüpfelhyäne, einem Orang-Utan-Weibchen und dem bengalischen Tiger Richard Parker. Die Hyäne frisst erst das halb rote Streifentier, dann das Orang-Utan-Weibchen, um anschließend vom Tiger gefressen zu werden. Pi erkennt, dass er den Tiger dressieren muss, um überleben zu können, was ihm dank seines zoologischen Fachwissens und enorm viel Geduld auch gelingt.

Dieses Kapitel hat alles, was ein Buch lesenswert macht: Spannung, starke Bilder, ein fesselndes Thema. Ein 16-jähriger Junge kämpft (227 Tage lang!) um sein Leben, er kämpft gegen die Elemente, also die Pazifische See, und gegen das Animalische, also den Tiger. Seine Intelligenz ist ihm das Mittel, sein Überlebenswille der Motor für diesen Kampf, er hat eigentlich keine Chance, ihn zu gewinnen, aber er gewinnt ihn.

Gut möglich, dass in den nächsten Jahren und Jahrzehnten Abertausende von engagierten Religionslehrern ihre Schüler mit diesem Werk beglücken werden, obwohl, wie gesagt, Biolehrer damit eigentlich fast noch besser führen. Aber gibt es literarisch interessierte Biolehrer? Man weiß es nicht.

Stefan Ender in FALTER 12/2003 vom 21.03.2003 (S. 6)


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