Im Stein
Roman

von Clemens Meyer

€ 23,70
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Verlag: S. FISCHER
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 560 Seiten
Erscheinungsdatum: 22.08.2013


Rezension aus FALTER 47/2013

Mehr als nur eine Ahnung von Tuten und Blasen

In seinem Roman "Im Stein" erzählt Clemens Meyer von der Halbwelt zur Nachwendezeit, ohne das Milieu zu romantisieren

Beim Deutschen Buchpreis ging Clemens Meyer als Favorit leer aus, nun hat er den Bremer Literaturpreis bekommen – für sein gewaltiges Epos der Halbwelt zur Nachwendezeit. "Im Stein", das meint vielerlei: das Großstadtpflaster, die Geschäfte der Baulöwen, Bergwerk und bröckelnde DDR-Denkmäler, Gefängnis, Grab und Gruft und den Diamanten als Stein der Steine.
Das erste und das letzte Wort haben die Frauen, um die sich alles dreht. In fingierten Interviewsituationen und inneren Monologen kommen die Huren zu Wort, deren professioneller Blick eine eher abtörnende Wirkung hat. Die meisten sehen ihren Job als Möglichkeit, viel Geld in kurzer Zeit zu ­verdienen. "Ich küsse nicht", stellt eine "Old-School-Hure" klar. "Auch nicht ohne Zunge, jedenfalls nicht auf den Mund."

Von wegen Nachtarbeit: Die meisten arbeiten vor allem tagsüber, in Wohnungen, auf eigene Rechnung, gemietet vom Marktführer. Eine prekäre Normalität, die Freier heißen "Kunden" oder "Gäste", seit dem deutschen Prostitutionsgesetz von 2002 gilt Anschaffen nicht mehr als "sittenwidrig".
Das Epizentrum der horizontalen Erschütterungen liegt in einer ­namenlosen Stadt, die Leipzig sehr ähnlich sieht. Pro 1000 Einwohner, sagt die Faustregel, braucht eine Stadt ein Taxi und eine Hure. "Gebumst wird immer." Ein Puff-Panorama als Zeitbild und als ­Geschichte von ­unten: Alles wird anders, die Türken drängen in die Szene, die Engel, alias Hells Angels, sind schon da, die "ewig gleichen Sandkastenspiele".

Das Rotlichtmilieu erscheint als Vorposten des Kapitalismus; die Nachfrage regelt das Angebot, von HE (Handentspannung) bis FO (Französisch ohne). Meyer widmet sich nicht nur degoutanten Freierwünschen, Kniffen der Körperpflege und Steuerfragen, er nimmt die Lebensgeschichten der Frauen ernst, lässt sie draufloserzählen, huldigt ihrem schnoddrigen Notwehr-Witz und zeichnet das Bild einer theoretisch freien Berufswahl: noch ein paar Jahre Geld scheffeln und dann endlich das normale Leben, mit Mann und Kind oder wenigstens Pferd.
Clemens Meyer hat mehr als eine Ahnung von Tuten und Blasen, er kennt sich in der Szene aus, in der nach wie vor die Männer die Fäden ziehen. Sie wollen heute Unternehmer sein, nicht Zuhälter. Arnold "Arnie" Kraushaar zum Beispiel, "Vermieter der Liebe" en gros und studierter Ökonom, setzte nach der Wiedervereinigung auf die "Aktie Rot" und gewann. Meyer ­bescheinigt ihm und seinesgleichen einen eigenen Code der Anständigkeit, doch er blendet auch die schreckliche andere Seite nicht aus: die Geschichte des versklavten Mädchens und ­seines Vaters, eines Ex-Jockeys, der auf der Suche nach ihm jahrelang durch die Strichmeilen des Landes irrlichtert.
Das Flirren von Meyers Rotlichtorgel erinnert an die Großstadtdichtung der 1920er-Jahre, an Hans Henny Jahnn oder Alfred Döblin. Überblendungen, Satzfetzen, abrupte Perspektivwechsel spiegeln die tektonischen Verwerfungen des Bewusstseins in einer vorgeblichen Gleichzeitigkeit der Geschehnisse.
Gleich zu Beginn liegt Arnie angeschossen auf der Straße und bringt in seinem Selbstgespräch Wahrnehmung und Erinnerung durcheinander. Ist "Mister Orpheus" nun auf dem Pflaster verröchelt oder liegt er gerettet im Spitalsbett?

Freunde des kompakten Plots mag irritieren, dass angesichts der Fülle just die Leerstelle Programm ist. Sogar die veritable Krimihandlung, die der Fund dreier Moorleichen in Gang setzt, bleibt irgendwie im Sumpf des Abgelebten stecken. Als hätte der Autor die Flut an Information, an Einfällen und literarischen Verweisen nicht mehr zu bändigen gewusst: Das Wuchern mindert die Wucht.
Gleichwohl vermag man sich der glücklichen Verbindung von Kunst und Passion, von Mythos und Milieu nicht zu entziehen, dank einer Sprache von eindrucksvoller Dichte und Musikalität. Eine jede Stimme im Chor des Jargons hat ihren eigenen Ton. "Im Stein" ist keine Doku-Soap; eher ein gottloses Passionsspiel.

Daniela Strigl in FALTER 47/2013 vom 22.11.2013 (S. 25)


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