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Verlag: S. Fischer
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 7/2001

Es ist immer wieder schön, bekannten Persönlichkeiten beim Älterwerden zuzusehen. Nicht nur die wichtigsten Haarschnitt - Epochen Robert Menasses werden festgehalten, man kann auch mit der Gruppe 47 auf Ausflug gehen, die theatralische Gestik Heimito von Doderers studieren, Oswald Wiener beim Kornett-Blasen zusehen, die legendären kurzen Lederhosen Friedrich Achleitners bewundern oder Peter Wittmann dabei beobachten, wie er Andreas Openko den Staatspreis für Literatur überreicht. Kurz und gut, anhand von über 800 Bildern (großteils etwas schleißig reproduzierten) blättert es sich recht kurzweilig und vergnüglich durch die österreichische Nachkriegsliteraturgeschichte.Männer von Natur aus aggressiver." "Intelligenzgen gefunden."
Angesichts solcher Schlagzeilen gerät die seriöse Biologie in Nöte, und die Kulturwissenschaften stellen einmütig fest: Biologismus. Das alles ist sehr schade, denn Verhaltensgenetik und die Konstruktion eines zeitgemäßen Menschenbildes sind zu spannend, um sie der Sensationsgier zu opfern oder zwischen Ignoranz und leichtfertiger Zurückweisung verkommen zu lassen. Die vermutlich beste Darstellung dieses Forschungsfeldes, die zurzeit am deutschen Sachbuchmarkt zu haben ist, stammt vom US-amerikanischen Wissenschaftsautor Jonathan Weiner. Auch wenn er sich in "Zeit, Liebe, Erinnerung. Auf der Suche nach den Ursprüngen des Verhaltens" hauptsächlich mit Fliegen beschäftigt. Das aber mit gutem Grund: Ihr genetischer Code und viele Regulationsstrukturen sind denen des Menschen nicht unähnlich.Als die so genannte Sloterdijk-Debatte durch die Feuilletons geisterte, hielten sich die Biologen eher bedeckt. Zu nah war anscheinend die Erinnerung an die Allianz ihres Faches mit dem Nationalsozialismus. Wie Thomas P. Weber zeigt, ist die moderne Biologie seit ihren Anfängen im 19. Jahrhundert in gesellschaftliche Zusammenhänge eingebettet und muss sich dieser Geschichte auch stellen. In "Darwin und die Anstifter. Die neuen Biowissenschaften" geht er zurück in die Zeit vor Darwin, um das kulturelle Umfeld zu rekonstruieren, aus dem der Darwinismus entstanden ist. Weber erschließt die historische Dimension der Gegensätze Natur/Kultur oder Erziehung/Zucht und zeigt, dass die damals formulierten Fragen an die gesellschaftliche Bedeutung der Biologie bis heute virulent geblieben sind.In seinem jüngsten Roman "Sutters Glück" schickt Adolf Muschg einen verwitweten Journalisten in die Berge und den Tod.

Acht Jahre nach seinem Opus magnum, der Parzival-Neudichtung "Der rote Ritter", hat Adolf Muschg wieder einen Roman vorgelegt. Er ist ziemlich genau um zwei Drittel kürzer als sein 1000-seitiger Vorgänger und handelt von so ziemlich den gleichen Dingen: dem Leben, der Liebe, dem Tod. Gewiss, das sind Themen, an denen Romane generell schwer vorbeikommen. Die Dringlichkeit, mit der die Frage nach dem richtigen, nach dem geglückten Leben, Lieben und Sterben bei Muschg gestellt wird, sucht allerdings ihresgleichen. "Lies dich doch wieder einmal selbst, Sutter", lässt er seinem Helden ausrichten. "Lies dich, Sutter, als ginge es um dein Leben, denn darum geht es, mit oder ohne Knall - genau darum."

Es geht um die Existenz, also "das, was einer aushalten muss, gefragt oder ungefragt", wie ein seltsam unchristlicher Seelsorger dem mit Lungendurchschuss darnieder liegenden Sutter erklärt. "Kommt vom Herausstehen. Wir stehen ins Leere wie ein blutiger Daumen, und solange er steht, kriegt er immer noch mehr ab.

Apropos "solange er steht". Auch das Lieben und Liebemachen sind existenzielle Angelegenheiten. Von Sutter - im Übrigen ein halbes Jahr jünger als sein Erfinder - verlangt dessen todgeweihte Frau Ruth, er möge "Tier genug bleiben, nicht nur seine Scham, sondern auch seine Angst, Scheu und Abscheu zu vergessen". Und wenn Sutter mit Leonore schläft, die ihm gerade noch den Schmerz aus den Bandscheiben gestreichelt und ihm eine Zweiterektion buchstäblich abgepresst hat, dann macht die Wahl des sprachlichen Registers unmissverständlich klar, dass es hier nicht einfach um ein bisschen außerehelichen Spaß geht: Da fließt das "mitgeteilte Leben zu seiner Quelle zurück", vereinigt sich "zu einem Bogen" und schließt "mit einem lauten Schrei, der alle verdrückten Wehlaute mit sich riss und aus Leib und Seele schleuderte, hinein in eine neue Welt".

Und dabei sind damit die höchsten Höhenlagen noch gar nicht erklommen. Erst "Im Hochtal", wie das dritte und letzte Buch des Romans heißt, erst im Sterben ereignet sich "Sutters Glück", von dem der Titel spricht. Das 44. Kapitel als "Gratwanderung" zu bezeichnen, wäre eine echte Untertreibung; anlassgemäß sollte man es eher als eine Fahrt über Stromschnellen umschreiben, denn vom Strom des Lebens, der als "fließende Werkstatt" den Kiesel Mensch schleift, höhlt, bügelt und schwemmt, ist viel die Rede. Dass diese prekär ist, versteht sich von selbst: Der höchste Einsatz ist der einzige, der lohnt, das Scheitern vorgezeichnet: "Alles, was ist, ist Strom", raunt da der Erzähler seinem ertrinkenden Helden philosophische Sterbehilfe ins Ohr, die verdächtig nach einer Überdosis "Siddhartha" klingt.

Leichter ist es dem Leser, wenn er ein bisschen verweilen darf. Viel Gelegenheit dazu gibt es nicht, denn auch der Handlungsbogen ist bis zum Brechen gespannt: Unter anderem geht es um eine Kalmückin namens Yalukha, die dem Gatten mit der Axt den Schädel einschlägt, nachdem sie sich dem mit Sutter befreundeten Maler Jörg von Ballmoos hingegeben hat; es geht um Ballmoos' Frau Leonore, die den geschiedenen Gatten zur Ehe mit Yalukha veranlasst und sich um deren Tochter Siggi kümmert; jene Siggi, die eine parainzestuöse Beziehung zu Stiefvater Jörg unterhält (der wiederum mit Sutters Frau schläft) und sich später auf Geige und Extremsportarten verlegt.

Eine komprimierte Inhaltsangabe von "Sutters Glück" endet fast notwendig in einer Parodie des Romans. Vor allem, weil sie all die Nebenpfade und -figuren weglässt, die ganz entscheidend zum Reiz des Buches beitragen. Wie Emil Gygax, der von seiner Frau freundlicherweise in "Sutter" umbenannt wurde, mit seiner Trauer, seinen Erinnerungen und der Katze seiner Frau zurande zu kommen versucht, das ist im Detail großartig erzählt. Witzig die Wortgefechte unter Freunden (vor allem mit dem pastoralen OFritz, der seinem Namen dem habituellen Gebrauch der Anrede "Oh, " verdankt); packend, wie Sutters breit zitierte und ziemlich pathetische Gerichtssaalreportagen oder ein sarkastischer Brief an Jörg enthüllen, dass sich da einer immer auch "verkappte Selbstbilder" erschreibt; schlicht grandios schließlich die unaufdringliche Beschreibungskunst des Autors: Ob es sich dabei um Sutters Erwachen aus dem Narkoseschlaf handelt, um Berglandschaften oder das Arschloch einer Kuh.

"Für den entschlossenen Blick ist so gut wie alles entbehrlich, für den melancholischen so gut wie nichts", kann man in Kapitel 26 und auf dem Umschlag lesen. Muschg ist kein melancholischer Autor. Aber wenn er in Höchstform ist, dann ist so gut wie kein Wort entbehrlich."Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, wie sich ein Mann anzieht? Total irrational!" Dem großen Mailänder Modeschöpfer Giorgio Armani ist derzeit eine Guggenheim-Ausstellung gewidmet. Das tonnenschwere Katalogbuch enthält neben zahlreichen Modefotos unter anderem auch das Drehbuch zu dem Werbefilm "Made in Milan" von Martin Scorsese, in dem sich Maestro Armani grundsätzliche Gedanken zur Männermode macht: "Wie kann man zum Beispiel Krawatten ernst nehmen? Ein Stoffband, das auf deiner Brust wackelt es ist einfach lächerlich. Trotzdem nehmen wir Krawatten ernst. Warum? Wahrscheinlich, weil sie schön sind."Als der berühmte Magnum-Fotograf Erich Hartmann Anfang 1999 verstarb, hinterließ er unter anderem die Idee zu einer Ausstellung, die posthum in der Salzburger Galerie Fotohof stattfand. Der dazu erschiene Band "Where I Was" versammelt eine Auswahl "persönlicher" Aufnahmen, die Hartmann während seiner rund 50 Jahre langen Karriere als Porträt- und Reportagenfotograf "nebenbei" gemacht hat. Dass auch diese "Schnappschüsse" höchsten formalen Ansprüchen genügen, ist leicht zu erklären: Erich Hartmann konnte gar nicht anders.Die amerikanische Erfolgsautorin Joyce Carol Oates schaut mit ihrem Roman "Blond" der Monroe unter den Rock.

Jeder von uns kennt das Phänomen: Es braucht nur jemand nachdrücklich zu fordern, jetzt auf keinen Fall an einen Elefanten zu denken, schon steht uns der Dickhäuter vor dem geistigen Auge. Die amerikanische Erfolgsautorin Joyce Carol Oates greift in ihrem neuen Buch diesen alten Trick auf, auch wenn "Blond" von einem eher dünnhäutigen, von der Autorin auch "Kolibri" genannte Wesen handelt. Ein kurzer Text, der dem Buch vorangestellt ist - in der Art eines Beipackzettels, der zum richtigen Gebrauch eines Medikaments rät -, klärt den Leser darüber auf, dass der Roman "Blond" unbedingt als Roman und keinesfalls als Biografie der Monroe zu lesen sei.

Am Cover ist dann freilich just jene Person zu sehen, an die ich, wenn ich den Beitext von "Blond" ernst nehme, nicht denken soll: Das Gesicht hat die Monroe auf die Hand gestützt, ihr Zeigefinger schiebt die rechte Braue nach oben, ganz so als wäre die Frau ohne dieses kleine Hilfsmittel niemals in eine nachdenkliche Pose gekommen.

Wenn es um die Monroe geht, hat man es mit starken Bildern zu tun: Von unten hebt ein Luftstoß den weißen Plisserock in die Höhe, ein Paar Beine in hohen Sandalen streckt sich nach hinten gewaltig durch. Bei Joyce Carol Oates ist das diesbezügliche Kapitel schnell gefunden. Mit ihm, das die Autorin in fast enzyklopädischem Eifer "Die amerikanische Göttin der Liebe über dem U-Bahn-Schacht New York 1954" nennt, beginnt das letzte Drittel des 900-Seitenbuches; eines Buches im Übrigen, das ab dem Zeitpunkt interessant wird, da der erste Mann auftaucht. Über dem U-Bahn-Schacht ist nicht nur Marilyn, sondern auch Joyce Carol at her best. Beispielsweise wenn sie davon spricht, wie sich die Monroe - gespiegelt in den Fantasien der Männer - selber als so "kerngesund und hygienisch wie ein Heftpflaster" sieht. In Oates unübertreffbaren Worten: als "ein sauberer amerikanischer Schlitz".

"Blond" erkundet den Unterschied zwischen dem, was die Monroe denkt, und dem, was von anderen über sie gedacht wird. Hinter der glamourösen Fassade der Monroe gibt es die unglückliche "blonde Darstellerin" zu entdecken, als die die Hauptfigur über weite Strecken bezeichnet wird. Und hinter der "blonden Darstellerin" wiederum steckt die authentische Norma Jean Baker; ein Mädchen, das ihre Jugend in einem Waisenhaus verbringt, nachdem ihre Mutter in die Psychiatrie gesteckt worden ist. Zeitlebens wird Norma auf ein Lebenszeichen des Vaters warten, den sie niemals gesehen hat. Viele ihrer Liebhaber nennt sie später einfach nur "Daddy".

Joyce Carol Oates lässt den echten und somit echt erfundenen Vater reuige Briefe an die Tochter schreiben. Diese Schreiben gehen der Monroe genauso ans Herz wie jene Autoren, die sie liest und die - man höre und staune - von Schopenhauer bis Darwin reichen. Aber nicht nur als eine exemplarisch Lesende glänzt die Monroe bei Oates, sondern auch als eine passioniert Schreibende, wobei auch dieser Teil von Monroes Nichtbiografie eine tragische Komponente hat: Die Gedichte der Frau sind schlechter Durchschnitt, wie beispielsweise jenes über das "Begehren", in dem freilich der nicht unphilosophische Satz zu lesen ist: "du begehrst mich / also / bin ich nicht".

Gerade mit solch fiktionalen Materialien, die in manchen Fällen nur um Haaresbreite neben den Originalen zu liegen scheinen, versteht es Oates, den inneren Raum der Monroe zu öffnen. Das Buch "Blond" behält also nicht nur bei der Haarfarbe Recht, es ist als Ganzes gut recherchiert, und es ist dort, wo es absichtsvoll von den verbürgten Fakten abweicht, fast noch besser erfunden.

Atmosphärisch dicht wird es, wenn von Hollywood während der McCarthy-Ära ebenso zu lesen ist wie von den Begegnungen mit einem Mr. Brando, Mr. Gable oder einem Mr. President, dem die Monroe knapp vor ihrem Tod ein unvergessenes "Happy Birthday" zuhaucht. Dicht und gedrängt geht es in dem Buch aber auch dort zu, wo die Autorin auf konsistenten Stil verzichtet und wild zu zitieren und montieren beginnt: In Teilabschnitten kommt es zu rohen Gedankenprotokollen, an einer anderen Stelle werden (und zwar aus einem FBI-Akt heraus) die Liebhaber und Liebhaberinnen der Monroe namentlich aufgelistet.

Dort, wo es exemplarisch wird, wird es meist auch explizit. Die auf Seite 545 fallende Äußerung, die Monroe habe nunmehr "ihren letzten Schwanz gelutscht", lässt sich freilich nicht wirklich aufrecht erhalten. Einige hundert Seiten später wird über den Geschmack des Präsidentenspermas befunden, über den sich letztlich nicht streiten lässt. Mit dem Buch "Blond" beweist Joyce Carol Oates eindrucksvoll, dass sie mit ihrem Schreiben nicht nur im Haupthaar-, sondern auch im Schamhaarbereich zu Hause ist. Dort lässt die Autorin die Dinge so mächtig anschwellen, dass sie nicht einmal mehr für die frommste Seele zu übersehen sind.Lesen wir Wittgenstein, so werden wir mitunter an einen Ausspruch erinnert, den der Meister selbst gerne verwendet hat: "Ich kenne mich nicht aus." Zwar wollte Wittgenstein mit diesem Satz eine bestimmte philosophische Situation zum Ausdruck bringen. Für uns kann er jedoch eine viel trivialere Bedeutung haben: Oft verstehen wir schlichtweg nicht, was Wittgenstein mit seinen Sätzen gemeint hat. Dieser Missstand kann nun behoben werden: Das "Wittgenstein-Lexikon" von Hans-Joachim Glock bringt Licht ins aphoristische Dunkel. Die zentralen Begriffe und Themen von Wittgensteins Philosophie werden erklärt und interpretiert. Zusätzlich bietet der Band eine kurze Einführung in die Werkgeschichte. Allerdings: Das Buch richtet sich vor allem an Leser mit gewissen Vorkenntnissen in analytischer Philosophie und formaler Logik.Als verdaulicher erweist sich der von Martin Alber herausgegebene Band "Wittgenstein und die Musik". Hierin ist neben zwei Essays des Herausgebers der Briefwechsel mit Rudolf Konter, Musikliebhaber und Volksschullehrerkollege in Puchberg/NÖ, abgedruckt. Wenngleich die Wittgenstein-Exegese dadurch nicht fundamental neue Wendungen erfahren wird, lesen wir eine Menge Interessantes - und zwar über den Menschen Wittgenstein: "Leider spielt zwei Stockwerke unter meinem Zimmer jemand Klavier und ich werde von dem elenden Geklimper (meist Beethoven) sehr gestört. Seltsamerweise hindert es mich geradezu am Atmen; es ist ein abscheuliches Gefühl. ,Es stinkt Musik herauf.'" Wittgenstein war ein unglücklicher, sensibler und perfektionistischer Mensch. Wir finden diesen Charakterzug auch in seinen philosophischen Bemühungen. Wodurch wieder bewiesen wäre, dass die Kenntnis der Lebensgeschichte zum Verständnis des Werks beiträgt - und umgekehrt." Dein Wahnsinn und deine Einsamkeit werden auf seinen Fotos gleichzeitig beschützt und enthüllt", sagt Herbert Grönemeyer, dem der holländische Fotograf Anton Corbijn ebenso zu einer Gesichtslüftung verhalf wie einer Reihe anderer Popstars, denen die Luft auf den Gipfeln der Musikindustrie dünn vorkommt. Michael Stipe schließt vor Corbijn die Augen in den Fluten von Miami. Kurt Cobain zeigt ihm seinen zerschnittenen Rücken. Johnny Cash, Nick Cave, Tricky und P.J. Harvey vervollständigen das melancholische Kabinett. Ein eigenes Kapitel dokumentiert die schwarze Farbe in U2-Bonos Seelengrund. Auch einige Hollywood-Recken ließ Corbijn, Jahrgang 1955, durch seinen düsteren Filter blinzeln."Standard"-Journalist Michael Fleischhacker versucht sich mit seinem Essay "Wien, 4.Februar 2000 oder Die Wende zur Hysterie" unter die "coolen Wendephilosophen" zu schreiben.

Umfrage bei der Falter-Redaktionssitzung: Wer war bei der Kundgebung gegen Schwarz-Blau im Februar 2000? Alle bis auf zwei waren dort. Und wer demonstrierte zum Jahrestag der Wende? Nur zwei Hände heben sich. Da haben wir es. Wir waren hysterisch.

Der Standard-Journalist Michael Fleischhacker erklärt in seinem Buch "Wien, 4. Februar 2000 oder Die Wende zur Hysterie" ganz Österreich für hysterisch, weil "ein Regierungswechsel, der in jeder Demokratie selbstverständliche Normalität sein sollte, ein Land beinahe aus den Fugen geraten ließ". Der Autor legt das Land auf die Couch und analysiert es nach den Maßstäben Stavros Mentzos, wonach die Hysterie als Instrumentarium gilt, "mit dessen Hilfe die vielen - häufig unbewußten - Inszenierungen aller Seiten nicht als krankhafte Äußerungen, sondern als Erscheinungen eines gängigen, sehr oft in die Normalpsychologie hineinreichenden Modus der Konfliktverarbeitung verstanden werden können". Diese Inszenierungen könne man auch als "unecht wirkende Reaktionen auf eine echte Not" beschreiben.

Jeder kommt bei Fleischhacker auf die Couch: Präsident, Kanzler, Opposition, Demonstranten und Journalisten. (Letztere in Gestalt von Fleischhackers Redaktionskollegen Hans Rauscher, den er in einer für Medienleute unüblichen, weil offenen Art kritisiert. Durchaus mutig, weil er damit ja auch der eigenen Zeitung hysterische Tendenzen nachsagt.)

Aber eigentlich, so scheint es, geht es doch viel eher darum, noch einmal die "coolen Wendephilosophen" (Rauscher) - Burger bis Menasse - von den uncoolen - Charim bis Rabinovici - zu unterscheiden. Den uncoolen, den hysterischen eben, wirft Fleischhacker "überraschende Übereistimmungen mit dem Agieren des so bekämpften Rechtspopulisten Jörg Haider" vor. Dass sie im Erklärungs-Notfall einfach auf neue Regeln und Definitionen zurückgreifen würden. Und dass sie nur das sehen wollen, was der eigenen Argumentation nützt. Dabei ignoriert aber auch der Autor in seinem Befund Philosophen, die eben nicht in das Bild des verhuschten Hysterikers passen wollen, wie Franz Schuh etwa.

Fast hat man den Eindruck, der Autor wäre nur zu gerne selber einer von den coolen Wendeburschen und will sich in ihre Reihen schreiben. Und obercool gibt er dann gleich auch noch - mehrmals - zu, dass "das Verfassen eines solchen Essays mit einiger Wahrscheinlichkeit auch starke Merkmale" von Hysterie aufweise.

Die Idee zum schön geschriebenen Essay ist originell. Nur leider wird sie dann auf über hundert Seiten ausgewalzt. Und das Krankheitsbild passt nicht auf alles: Die Nazi-Vergangenheit wurde nicht nur von Österreichern aus persönlichen, psychologischen Gründen verdrängt, sondern auch von Österreich verleugnet, weil es politisch opportun war (um die Neutralität abzusichern und um den Opfern bis vor kurzem ihr Geld vorzuenthalten). Und letztlich bleibt der Leser etwas ratlos zurück, denn Therapie verschreibt Fleischhacker keine.Ein politisch sehr unkorrekter "Reiseführer für Daheimbleiber" sammelt alle Vorurteile, die wir so gegen das Ausland hegen.

Also mit den Türken ist das so: "Sie richten absurd aufwendige Hochzeiten aus, deren Pomp umgekehrt proportional zum Willen der jungen Braut steht, verheiratet zu werden. Sie schmücken ihre Autos mit Spoilern, Schleifchen und Aufklebern wie eine fahrende Sultan-Ahmed-Moschee." "Die Belgier" sind nicht besser: "Sie sind ziemlich leicht daran zu erkennen, dass sie über der Augenpartie einen schwarzen Balken tragen. Zumindest tun das alle Belgier, die in den Weltnachrichten vorkommen." Ähnlich "die Jugoslawen": "Jugoslawische Politiker oder Angeklagte (ein Angeklagter ist ein jugoslawischer Politiker, der jugoslawisches Staatsgebiet verlassen hat) tragen gerne Sakkos aus Materialien, aus denen üblicherweise Sprühkerzen oder Weihnachtslamette hergestellt werden."

So. Das waren jetzt Auszüge aus drei von 39 Kapiteln, die von "Die Albaner" über "Die Franzosen" bis zu "Die Zyprioten" reichen und all das bestätigen sollen, was wir Österreicher immer schon über unsere europäischen Freunde gewusst haben: "Keiner ist so toll wie wir" steht am Buchdeckel, der eine rasende Sau zeigt. Gemeint sind wir Österreicher. Das Buch erschien nicht im Mölzer-Verlag, sondern ist eine Art "Salon Helga". Das kann sehr, sehr lustig, aber manchmal auch ein bisserl deppert sein. Dass das Buch gerade zum Wendejubiläum erscheint, ist natürlich kein Zufall. Die Autoren, Robert Treichler (zieht im profil über das Ausland her) und Markus Huber (zieht im Ausland über das Inland her), schuften das ganze Jahr über als politisch korrekte Journalisten, die über Österreichs gestörtes Verhältnis zu "korrupten Belgiern", "schlamperten Tschechen" und "Westentaschennapoleons" berichten müssen. Irgendwann sind sie wohl zur Erkenntnis gekommen: Da ist was dran. In "mühseliger Recherche" (Treichler) haben sie sodann die Political Correctness im Büro gelassen und den "Reiseführer für überzeugte Daheimbleiber" geschrieben, um "das Schlamassel der europäischen Völker übersichtlich und alphabetisch" zu ordnen.

Es sind böse, kleine Miniaturen österreichischer Vorurteile, die da auf 150 Seiten ausgebreitet werden. Missverständnisse sind natürlich unvermeidbar: Auf einer eigenen Website des Buchverlages - www.tollwiewir.at - hauen schon die ersten Empörten in die Tasten: "Ihr seid echte Nazis ihr Ösis", hat da ein Leser aus Deutschland den Autoren zugepostet. Irgendwie wurde da der Humor missverstanden. Wen wunderts? Gründe dafür in Kapitel vier: "Die Deutschen".Es wäre eigentlich Aufgabe der aktuellen Medien gewesen, sich das Interview auch im Original genauer anzusehen: Michael Fleischhacker beschäftigt sich in seinem Essay "Wien, 4. Februar 2000" verdienstvollerweise noch einmal eingehender mit dem Interview, das Bundeskanzler Wolfgang Schüssel am Jahrestag des Novemberpogroms der Jerusalem Post gab. Mit seinen Aussagen zur Opfer- und Täterrolle Österreichs in der Nazizeit löste Schüssel damals heftige Kontroversen aus. Im Studienverlag erscheint vertiefende Literatur zu diesem Thema, und der Titel bringt die ganze Debatte auf den Punkt: "Der schwierige Umgang mit dem Anschluß". Paul Schneeberger analysiert, wie in- und ausländische Historiker und Publizisten zwischen 1964 und 1995 den März 1938 beurteilten und welche persönlichen Bezüge, politischen Ereignisse oder ideologischen Scheuklappen sie beeinflussten.Wenn die Wahrheit tatsächlich die Tochter der Zeit ist, wie ÖVP-Klubobmann Andreas Khol vor wenigen Monaten im Falter behauptete, dann bleibt immer noch die Frage, was denn die Lüge sei: womöglich die Schwiegermutter der Politik? Freilich wird nicht nur von hiesigen Spitzenpolitikern ("Wenn wir drittstärkste Partei werden, gehen wir in die Opposition") gern einmal die Unwahrheit gesagt - angeblich passiert uns das durchschnittlich 200-mal am Tag. Dass die ganze Weltgeschichte lang gelogen wurde wie gedruckt, haben jedenfalls die beiden deutschen Journalisten Jürgen Roth und Kay Sokolowsky in ihrem materialreichen Text-Sammelsurium ausführlich dokumentiert und rotzfrech kommentiert: Egal ob Cagliostro, Walter "Niemand will eine Mauer bauen" Ulbricht oder Borderline-Journalist Tom Kummer - sie alle werden schonungslos fertiggemacht.In der Tonlage um einiges seriöser geht es der Sammelband "Lügen und Betrügen" an, den heureka-Redakteur Oliver Hochadel gemeinsam mit der Romanistin Ursula Kocher herausgegeben hat. Die Fallgeschichten über das Falsche in der Geschichte, die von 18 hoffnungsvollen Nachwuchsgeisteswissenschaftlern zum Teil blendend erzählt werden, umspannen ebenfalls Jahrhunderte: Sie reichen vom Selbstbetrug Platos über die wissenschaftlichen Scharlatane in der deutschen Aufklärung bis hin zu Ernst Lubitschs Filmklassiker "To Be or Not to Be". Und während die Journalisten genau zu wissen glauben, wer die "Lügner, Fälscher, Lumpenhunde" sind, befällt die skrupulöseren Wissenschaftler bei ihren genaueren Betrachtungen manchmal der Zweifel, wo das Wahre endet und das Falsche beginnt. Vielleicht hat Andreas Khol ja doch nicht so ganz Unrecht "Toll, wie Ovid die Frauen packte!
Schon schwach, wie Platon hier versagte!"
Immer wieder hat sich "Pardon" - und "Titanic" - Mitbegründer Hans Traxler zeichnend und reimend mit Persönlichkeiten der Weltgeschichte auseinander gesetzt. Ob Goethe in Italien oder Albert Schweitzer in Lambarene, ob Heinrich in Canossa oder Ödipus im Bett mit Muttern - ob mit Pinsel und/oder Feder, Hans Traxler gelingt einfach jeder. Rechtzeitig zur großen Ausstellung im Historischen Museum Frankfurt liegt nun der Sammelband "Das fromme Krokodil" (es betet für den Untergang voll besetzter Touristenschiffe) vor, in dem viele der berühmtesten und witzigsten Traxlers ever versammelt sind.Mit seinem neuen Roman "Rote Handschuhe" setzt Eginald Schlattner die Geschichte seines "verschwundenen" Volks der Siebenbürger Sachsen fort. Nach den nationalsozialistischen Dreißiger- und Vierzigerjahren, die sein Debüt "Der geköpfte Hahn" beschreibt, sind nun die sozialistischen Fünfzigerjahre dran. Kernstück des Buchs bildet die Konfrontation des Ich-Erzählers mit der rumänischen Securitate. Eines Tages wird er aus seiner Universität weggeholt - von Männern in "teuren Romarta-Schuhen", an denen man Mitglieder der Securitate erkennen kann. In nächtlichen Verhören bringen ihn die Geheimpolizisten dazu, harmlose Dinge zu erzählen, um ihm dann die "eigentliche" Bedeutung seiner Worte darzulegen:

",Zum Beispiel ist das Kindermädchen unter dem Tor ausgerutscht und hingefallen. Ich aber habe nachher im Betonboden ein Loch bemerkt und gedacht: ,Sieh an, die Veronika hat in den Boden ein Loch geschlagen.' - ,Aufschlussreich! Schon in der Kindheit falsch gedeutete Kausalzusammenhänge.' Er notiert."

Vor der Securitate ist niemand und nichts sicher, nicht einmal Klopapier. "Hatten wir früher Klopapier zu Hause, Genossen? Wer überhaupt von uns kann sich brüsten, seinerzeit ein WC gehabt zu haben, diese schändliche Erfindung der englischen Plutokraten? Überhaupt: Abort im Haus, pfui Teufel!"

Auf der Pritsche in seiner Zelle oder während der nächtlichen Verhöre beginnen die Gedanken des Gequälten zu wandern, verwandeln sich in Erinnerungen an Kindheit und Jugend: an seine Eltern, an das Unglück, das die Familie am Ende des Krieges getroffen hatte, als sie praktisch über Nacht ihr altes Haus räumen mussten; an Erlebnisse mit Mädchen und engagierte Debatten mit jungen Studienkollegen. Dazwischen holen ihn die Securitate-Offiziere in die Gegenwart zurück. ",Übrigens habt ihr Deutschen euch dies alles eingebrockt. Hegel und Feuerbach und Engels und Marx sind deine Landsleute. Nun müsst ihr das auslöffeln.' Er lacht, die gelben Brauen sträuben sich. Ich spüre die Gänsehaut."

Betrogen um seine Hoffnung in die Zukunft des Sozialismus, fällt der Blick des Ich-Erzählers zurück auf - Gott. ",Die Vergangenheit kann man nicht ungeschehen machen, aber sie kann wieder gutgemacht werden", erklärt ihm eine Oberin. Und als er fragt "Wie das?", antwortet sie: "In Heilung und durch Liebe." Es ist eine verkehrte Welt: Während sich die Erinnerungen des Erzählers in der grausigen Zelle zu einem schönen Leben verdichten, verkommt dieses in Freiheit zu einer etwas eigenartigen Gottessuche. Der Autor hat das gewiss nicht beabsichtigt, aber ohne Zelle ist auch der Gottsucher nur ein mittelmäßiger Mensch - und seine Geschichte berührt uns nicht mehr. Ungerecht, aber wahr.Haruki Murakamis Roman "Naokos Lächeln" wurde in Japan zum millionenfach verkauften Bestseller.Auch in der deutschen Übersetzung beeindruckt diese fesselnde Geschichte von Liebe, Sex und Selbstmord.

Es bedurfte eines entbehrlichen Eklats beim "Literarischen Quartett", um Haruki Murakami endlich auch auf die hiesigen Bestsellerlisten zu hieven: Sigrid Löffler hatte das Buch unter anderem als "literarisches Fast Food" bezeichnet, was Marcel Reich-Ranicki, der den Roman vorgeschlagen hatte, nicht auf sich sitzen lassen konnte. Er beleidigte Löffler aufs Gröbste, diese verließ daraufhin das Quartett - und "Gefährliche Geliebte" erreichte mittlere fünfstellige Verkaufszahlen.

Im Vergleich zu Japan ist das freilich gar nichts: Dort gehen die Auflagen des heute 51-jährigen Murakami längst in die Millionen. Zum Kultautor wurde der Schriftsteller, der mit knapp 30 sein erstes Buch veröffentlichte, im Jahr 1987 mit dem Roman "Naokos Lächeln", der nun endlich auch auf Deutsch vorliegt. Im Original heißt der Roman übrigens "Noruwei no mori", was wiederum die Japanische Übersetzung für "Norwegian Wood" ist, den Beatles-Klassiker, der mit den schönen Zeilen "I once had a girl / Or should I say, she once had me" beginnt - in gewisser Weise einer Kürzestzusammenfassung des Romans.

"Naokos Lächeln" jedenfalls beginnt damit, dass der erwähnte Song beim 37-jährigen Icherzähler Toru Watanabe Erinnerungen an Naoko und an die dramatischen Ereignisse zu Beginn seines Studiums in Tokio, vor fast zwanzig Jahren, auslöst. Toru, "ein unauffälliger, durchschnittlicher Junge, der gerne las und Musik hörte", verliebt sich in die schöne Naoko, deren Freund Kizuki Selbstmord begangen hat. Doch auch Naoko geht es nicht gut: Sie hat psychische Probleme, soll weit weg von Tokio durch eine Therapie wieder zu sich finden.

Toru geht unterdessen seinen Studien nach und lernt das Erwachsenenleben kennen. Gemeinsam mit einem etwas reiferen Studienkollegen aus reicher Familie streift er durchs nächtliche Tokio und schläft - um Naoko treu zu bleiben - nur mit Mädchen, die er nicht mag. Toru besucht seine ferne Geliebte in der "offenen Klinik", wo sie mit einer gewissen Reiko Freundschaft geschlossen hat, einer Musikerin, die auf ihrer Gitarre auch Beatles-Lieder spielt. Die Besuche bei Naoko und ihre Briefe lassen aber keine wirkliche Besserung ihres Zustands absehen. Dann lernt Toru eine gewisse Midori kennen, ein lebenslustiges Mädchen, das sich in ihn verliebt Warum Haruki Murakami gerade mit diesem Roman zum erfolgreichsten Autor der japanischen Nachkriegsliteratur wurde, ist nicht schwer zu erklären. Der Übersetzer von Autoren wie F. Scott Fitzgerald, Truman Capote oder Raymond Carver (mit dem er übrigens auch eng befreundet war) bedient sich in seinen übrigen Büchern zumeist raffinierter Schnitttechniken und unternimmt immer wieder Ausflüge ins Fantastische. "Naokos Lächeln" hingegen ist, wie es im Untertitel heißt, "nur eine Liebesgeschichte" und literarisch eher simpel gestrickt. Doch auch diese geradlinige, realistische Prosaform beherrscht Murakami meisterlich: Selten hat jemand unpeinlicher und treffender über die körperlichen und seelischen Erfahrungen der Adoleszenz geschrieben.

Nebenbei geht es in "Naokos Lächeln" um die 68er-Generation in Japan, um die Freiheit des Individuums und um den Selbstmord als dessen radikalste Verwirklichung. Wie die meisten seiner Bücher handelt jedoch auch dieser Roman Murakamis vor allem von der Erinnerung - von der Erinnerung an die verschütteten Gefühle des früheren Lebens, ihrer Intensität und ihrer Unwiederbringlichkeit. Wie diese verloren geglaubten Gefühle auch bei den Lesern wieder frei gelegt werden, das macht die einzigartige Lektüreerfahrung von Murakamis Büchern und im Besonderen von "Naokos Lächeln" aus.Hat Malcolm Gladwell bei Recherchen über Aids zu viel Zeit mit Epidemiologen verbracht? Der New Yorker Wissenschaftsreporter behauptet jedenfalls, dass sich Ideen und Verhaltensweisen ausbreiten wie ansteckende Krankheiten. Ob Rauchen unter Teenagern, Selbstmorde in Mikronesien oder die plötzliche Beliebtheit einer schon als Auslaufmodell gehandelten Schuhmarke: Um zum "Tipping Point" (deutsch: Kippmoment) zu gelangen, braucht es die richtigen Kontakte und Umstände. Gladwell greift Ideen aus den Sozialwissenschaften auf, übersetzt sie in die Alltagssprache und bastelt daraus eine Theorie, die vor allem für sich hat, dass sie an die Weisheit moderner Großstadtbewohner anknüpft: kleine Ursache, große Wirkung; und nichts ist so erfolgreich wie Erfolg. Bloß: Die Rigorosität eines Epidemiologen, der systematisch Daten über alle plausiblen Einflussfaktoren sammelt, um so den wichtigsten zu finden, mutet Gladwell sich und seinen Lesern nicht zu.Auch der Physiker Mark Buchanan versucht in "Das Sandkorn, das die Erde zum Beben bringt" so unterschiedliche Phänomene wie Erdbeben und Börsenkurse auf einen Nenner zu bringen. Während Eigenschaften statistisch meist eine so genannte Normalverteilung aufweisen (also seltene Extreme und viel "Durchschnittliches"), verteilen sich Ereignisse eher nach dem so genannten Potenzgesetz. Anhand von Erdbeben-Messwerten lässt sich zeigen, dass die Häufigkeit einer beliebigen Gruppe seismischer Aktivitäten in einem etwa gleich bleibenden Verhältnis zur nächsthöheren Gruppe steht. Diese Einsicht hat eine beschränkte Halbwertszeit: Nach interessantem Beginn wird das Buch bald langweilig. Bleibt nur die Frage, warum ausgerechnet diese beiden Bücher exakt gleich umfangreich sind und exakt gleich viel kosten.1982 schrieb Sue Townsend "Das Intimleben des Adrian Mole, 13 3/4 Jahre", einen Bestseller über einen Jungen, der ein Tagebuch über sich, seine Familie und seine Umwelt schreibt. Darauf folgte unerbittlich Buch auf Buch. In "Die Capuccino Jahre" ist Adrian bereits 30 und immer noch ganz der Alte: Unverdrossen träumt er weiter von einer Karriere als Schriftsteller und arbeitet als erfolgloser Fernsehkoch, ist allein erziehender Vater und seine "Traumfrau" ist ferner denn je. Aber von Tony Blairs Wahl, die ins Haus steht, erwartet er sich "Wohlstand, Glück und persönliche Zufriedenheit". Aber sicher doch, Adrian.Eines der eindrucksvollsten Bücher der Welt ist "Das Leben der infamen Menschen" von Michel Foucault. Leider wurde es nie geschrieben. Foucault publizierte nur ein Vorwort - aber was für eines! Auf knapp fünfzig Seiten entwirft er den Plan, biografische Notizen ehrloser Menschen aus dem vorrevolutionären Frankreich herauszugeben. Ein Sammelwerk über vermeintlich Unbedeutende, von denen wir nur wissen, weil sie von der herrschaftlichen Macht erfasst wurden - wie zum Beispiel "Jean Antoine Touzart, eingeliefert ins Schloss von Bicetre am 21. April 1701: Abtrünniger Franziskaner, aufrührerisch, fähig der größten Verbrechen, Sodomit, Atheist, wenn man das sein kann; das ist ein Greuelmonster, das zu ersticken weniger ungelegen käme als es freizulassen". Ein ganzes Leben, eingekerkert in wenigen Zeilen. Wie sich Foucault den verschütteten Schicksalen verfemter Menschen annimmt, das macht schon dieses Vorwort zu einem Meisterwerk.Der Folter, dieser "totalen Herrschaft des Menschen über den Menschen" (Jan Philipp Reemtsma), widmet sich der Sammelband "Das Quälen des Körpers", herausgegeben von Peter Burschel, Götz Distelrath und Sven Lembke. Neben geschichtlichen Darstellungen von der Antike bis zur Gegenwart finden sich auch Arbeiten zu Begriff, Verbreitung und Psychologie der Folter. So versucht Karin Orth in ihrem Beitrag, die Genese eines Folterknechts am Beispiel des KZ-Kommandanten Max Pauly zu rekonstruieren. Klar wird dabei, dass die emotionale Entwicklung des Folternden nicht von den politischen Machtstrukturen zu trennen ist. Trotz der akademischen Nüchternheit des Bandes geht der mitfühlende Blick auf die Opfer nie verloren. Zwei Bücher über die menschliche Würde und deren Verletzlichkeit.Die Werke des 36-jährigen Amerikaners Tom Friedman haben die Leichtigkeit eines Papierfliegers. Zu myzelartigen Lampenschirmen zusammengefügt, am Boden zu kreisförmigen Flächen gestreut, verweisen Friedmans Objekte auf die grafische Sensibilität des Computerbildschirms. Selbst wenn er ein Selbstporträt in Szene setzt, ist der Körper von der Schwerkraft losgelöst. Er selbst nennt die New-Electronica-Pioniere Ritchie Hawtin alias Plasticman als Nachbarn seine Ästhetik. Und auch der Schwergewichtler der leichten Form, der Schweizer Autor Robert Walser, darf in Friedmans Referenzen nicht fehlen.Die Vergangenheit, das sind die Geschichten, die wir über sie erzählen, die Geschichten, die uns nicht mehr loslassen. Zur Illustration dieses feinsinnigen Kalenderspruches zwei aktuelle Romane. Da wäre das bemerkenswerte Debüt "Miss Elliott" von Marian O'Neill: Eine alte Frau erinnert sich an ihre erste und einzige Liebe, damals im Irland der Dreißigerjahre. Die unbeholfene Mary entschlüpft dem elterlichen Stall, kommt in die Stadt, lernt die lebensfrohe Harrie kennen und erlebt ihr Frühlingserwachen. "Dieser erste Vormittag mit Harrie wurde zur Bibel, auf der meine Religion basiert." Als der fadeste Mann der Welt (Jusstudent, Berufsziel: Notar) in ihre gemeinsame Idylle stolpert, beginnt sie um Harrie zu kämpfen. Die feine Durchtriebenheit, mit der Mary gegen den Schnösel intrigiert, kann man nicht anders als mit Begeisterung lesen. O'Neill, die in Berlin Buchhändlerin gelernt hat, ist unter den vielen jungen irischen Talenten sicher ein Name mit Zukunft.Auch "Irischer Abschied" von Alice McDermott steht ganz im Zeichen des Erinnerns. "Charming Billy", so der Originaltitel, bricht eines Tages in New York auf offener Straße zusammen und stirbt. Was bleibt, sind kleine Geschichten, Fragmente eines Lebens, in der Erinnerung seiner Freunde. Als junger Mann verliebt er sich in die Irin Eva. Als er von ihrem Tod in Irland erfährt, endet auch Billys Leben, und es beginnen Alkohol und Traurigkeit. Dreißig Jahre später fährt er nach Irland. Eine Pilgerfahrt, um endgültig Abschied zu nehmen von der Vergangenheit und vom Whisky - die Vergangenheit ist dort jedoch im wahrsten Sinn noch lebendig. Eine Erzählung über die Kraft der Erinnerung, über Verlust und Weiterleben. USA Today war begeistert: "This is fiction as good as it gets." Auf Deutsch: Der Roman ist nicht schlecht.Eine ebenso einfache wie schöne Idee hat der Düsseldorfer Fotograf Hans-Peter Feldmann in seinem Projekt "100 Jahre" umgesetzt: Die Serie enthält 101 Schwarz-weiß-Portraits von Menschen, die zwischen 0 und 100 Jahre alt sind. Für jeden Jahrgang gibt es ein Bild, von der 8 Wochen alten Felina - übrigens die einzige Aktaufnahme in dem Buch - bis zur 100-jährigen Victoria. Die Modelle fand Feldmann im näheren und weiteren Bekanntenkreis."Es gibt rechten und linken Fußball" postulierte einst der argentinische Fußball-Intellektuelle Cesar Luis Menotti.Ein neues Buch setzt sich mit den Thesen des linken Menotti auseinander - und beschreibt, warum die Rechten am Spielfeld die Hegemonie errungen haben.

Der Autor wäscht allen Verdächtigen gleich einmal ordentlich den Kopf: Den "brutalen Neureichen der widerlichsten Sorte", die sich als Präsidenten oder gar Klubeigentümer verdingen; dem "Großteil der Anhängerschaft", der sich "beklemmend billig kaufen lässt"; und den "windschnittigen Kindern des Zeitgeistes" in den Redaktionen der europäischen Massenmedien, die stolz auf "eine gewisse Verblödung und Ignoranz" seien und nicht einmal den Namen "Menotti" fehlerfrei buchstabieren könnten. Trotzdem sollten Fußballkonsumenten den Buchdeckel nicht gleich verstört zuschlagen und sich in den nächsten Champions-League-Abend flüchten. Denn das Lamento zu Beginn weicht glücklicherweise einer präzisen Analyse der Zustände in der Massenkultur Fußball, die selbst dann lesenswert ist, wenn man nicht alles ganz so schwarz sehen möchte wie Autor Harald Irnberger.

Kronzeuge von Irnbergers Abrechnung ist der argentinische Fußballtrainer Cesar Luis Menotti. Berühmt wurde Menotti, als er mit der argentinischen Nationalmannschaft 1978 im eigenen Land den Weltmeistertitel eroberte. Legendär machte ihn aber seine Haltung abseits des Spielfeldes - auch in der Stunde des Triumphs. Damals herrschte in Argentinien eine brutale Militärjunta unter der Führung des Generals Jorge Rafael Videla, die den Fußball als Komplizen missbrauchte, um das Volk zu einen. Doch die Rechnung ging nicht auf. "Argentinien wird Weltmeister - Videla an die Wand", lautete einer der populärsten Schlachtrufe in den Stadien. Menotti war den Fans dabei Vorbild. Er unterschrieb regimekritische Aufrufe, verweigerte General Videla den Handschlag und kritisierte die Junta in Interviews: Ein diktatorisches System sei zwar im Fußball gut, aber Millionen Menschen dürfe man nicht unterdrücken. Jeden anderen hätten die Diktatoren längst verschleppen lassen, doch Menotti nützte seine Popularität so weit aus, um selbst in den Siegerinterviews nach dem Titelgewinn Provokationen zu verpacken. "Meine talentierten, klugen Spieler haben die Diktatur der Taktik und den Terror der Systeme besiegt", sagte er, nachdem seine Equipe im WM-Finale die Niederlande 3:1 geschlagen hatte.

Fußball und Politik wollte "El Flaco" - am ehesten mit "der Schlaksige" oder "der Dürre" zu übersetzen - nie trennen, schließlich macht er den politischen Zeitgeist für den Niedergang seines geliebten Sports verantwortlich. Menotti hasst die Rechten und den Fußball, den sie spielen. "Beim rechten Fußball wird viel von Opfern und Arbeit geredet. Er wirft den Blick nur auf das Resultat, er degradiert die Spieler zu Söldnern des Punktgewinns", sagt er: "Der linke Fußball feiert die Intelligenz, er schaut auf die Mittel, mit denen das Ziel erreicht wird; er fördert die Fantasie, er möchte ein Fest feiern."

Auf österreichische Verhältnisse übersetzt heißt das: Austria kickt links, Rapid rechts; zumindest war das früher einmal so. Dass die Spielanlage der beiden Wiener Großklubs in ihrer Anspruchslosigkeit schon seit Jahren nicht mehr unterscheidbar ist, würde Menotti, wenn er sich mit dem österreichischen Fußball befasste, wohl als Beweis dafür ins Treffen führen, dass die Rechte längst die Hegemonie errungen hat. Als Wurzel allen Übels identifiziert der argentinische Intellektuelle, der nichts so sehr verachtet wie einen fantasielos errungenen Sieg, den globalen Vulgärkapitalismus. "Die Welt der Utopien ist gestorben. Wir sind in einer Nützlichkeitsgesellschaft, und da ist der Fußball zur Welt der großen Geschäfte verdammt", resümiert er bitter: "In der dritten Welt nimmt man den Menschen das Brot, in den Industrienationen stiehlt man ihnen die Träume." Am liebsten zitiert Menotti - erraten - Che Guevara, denn: "Ich bin ein Mann der Linken."

Sein Biograf ist das offensichtlich auch. Harald Irnberger schlägt sich eindeutig auf Menottis Seite. Wo er die Positionen des Argentiniers kritisch hinterfragen könnte, lässt er sich lieber mitreißen, im Tonfall manchmal linksromantisch, oft auch zornig. Dennoch hebt sich Irnbergers Werk wohltuend vom Granteln der Alten und den anekdotischen Heldenerzählungen der Jungen in der Sportszene ab. Der Autor zeichnet ein detailreiches Bild der Fußballszene mit all ihren kommerziellen Exzessen und zwielichtigen Emporkömmlingen. Allein der Schluss daraus, dass die Qualität des Fußballs immer mieser werde, mag nicht zu überzeugen. Denn dafür ist das Buch ein Jahr zu spät erschienen. Schließlich fand im vergangenen Jahr in Belgien und den Niederlanden eine Europameisterschaft statt. Und der Fußball dort war einfach großartig.Eigentlich wollte sich die Schauspielerin Meret Becker ja mit dem Plumplori fotografieren lassen und hat sich für den kleinen Nachtaktiven das kleine Schwarze angezogen. Ist ja schon nicht mal ganz falsch. Aber dann hatte der Wärter vom Plumplori schon Feierabend, und Becker hat sich den Tapir gekrallt und das "sehr verschmuste, empfindliche Wesen an den richtigen Stellen gekrault". Es gibt also gute Gründe, Tapir zu sein, und es gibt gute Gründe, sich den Tapir auszuwählen. Katharina Thalbach hat übrigens den Pinguin, Elke Sommer das Känguru, Otto Schily das Katta und Günther Jauch den Pandabären gewählt. Pro verkauftem Buch gehen DM 5,- an den Berliner Zoo, wo die Aufnahmen auch entstanden sind.Extremismus ist megaout? In "Blow Job", der brachialen Anarcho-Posse von Stewart Home, arbeiten Trotzkisten, Anarchisten, Feministinnen und Nazis an ihrer Variante der proletarischen Revolution. Playstation-Ballereien, lumpige Pornos und Gangsterromanheftchen sind das Material, aus dem Home schon seine früheren Gossenromane zusammengezimmert hat, nun kommen politische Underground-Druckwerke hinzu. Es gibt jedenfalls viel zu tun für Swift Nick Carter, dessen "Nihilist Alliance" sich im Konkurrenzkampf gegen linke und rechte Sekten behaupten muss. Schon auf halbem Leseweg liegt London in Schutt und Asche. Carters Anarchos sind damit beschäftigt, ihre sozialistischen Brüder zu dezimieren, Anhänger der Rechten in die Hölle zu schicken und ihre Wut an Statussymbolen der Oberschicht abzureagieren. Klassenkampf, juche!Politischer Extremismus war in der Geschichte immer wieder gefragt. Nachzulesen in den Porträts von "Rebellen und Revolutionären aus sechs Jahrhunderten", die Ralf Höller zusammengetragen hat. Mit vertreten: der britische Anarcho-Kommunist Gerrard Winstanley. Homes Swift Nick Carter erinnert stark an den uneigennützigen Landbesetzer aus dem 17. Jahrhundert, dessen "Diggers" ihre Forderung nach "Boden für alle, Landbesitz für niemanden" mit wenig friedlichen Mitteln durchsetzen wollten. "Der Kampf bin ich", hat Höller sein Buch betitelt. Unterstellt er den Revolutionären ein niederes Motiv als Triebfeder ihres Handelns? Egozentrik? Home neigt zu der These, dass Systemfeindlichkeit sexuelle Defizite kompensiert. Drei Sektenkinder der Nazis rennen in revolutionärem Aktionismus hinter Swift Nick Carter und seinem reinrassig britischem Sperma her: Altnazis lieben es, sich bei gleichgeschlechtlichem Sex zu erniedrigen.In seinem jüngsten Roman schickt Douglas Coupland zwei Medienstars auf Sinnsuche, im "Falter"-Gespräch erklärt er, warum er kein Schriftsteller sein mag.

Wenn du heute aufwächst, sagt man dir, dass du in deinem Leben vier oder fünf Karrieren haben wirst. Was sie dir nicht erzählen: Du wirst auch noch vier oder fünf verschiedene Personen sein. In fünf Jahren wird es mich nicht mehr geben." Diese Worte, die der kanadische Kultautor Douglas Coupland einer Figur seines jüngsten Romans "Miss Wyoming" in den Mund legt, könnten ebensogut von ihm selbst stammen. Denn mit seinen bislang fünf Romanen hat Coupland, der sich in der gegenwärtigen Arbeitswelt bestens auszukennen scheint, so etwas wie eine kleine Geschichte des modernen Lebens geschrieben. Und ist damit vor allem bei einer jungen globalen Leserschaft immens erfolgreich.

"Heute ist ohne Zweifel die beste Zeit, um zu leben", meint Coupland im Falter-Interview. "Und mir ist es einfach wichtiger, im Jahr 2001 einen Sinn zu entdecken, als danach im Jahr 1895 oder 1763 zu suchen. Nur weil ich heute für die beste Zeit halte, schließt das aber kritisches Nachdenken nicht aus." Und so widmet sich Coupland in seinen Romanen auf poppige bis kritische Art jeweils einer ganz bestimmten Gruppe von Menschen: In "Generation X" der Post-Babyboomer-Generation mit ihren McJobs; in "Shampoo Planet" deren MTV-süchtigen kleinen Geschwistern, die sich an "guten Telefonverbindungen und vernünftigen Einkaufszentren" erfreuen. "Mikrosklaven" wiederum beschreibt die ewig jungen Mitarbeiter einer Computerfirma, die nur für ihre Arbeit leben, während "Girlfriend in a Coma" ruhigere Töne anschlägt und eine Clique von Modernisierungsverlierern durch ihr Leben begleitet.

Im ostentativen Gegenwartsbezug liegt auch das Geheimnis von Couplands Erfolg: Für urbane Twenty-Somethings, deren Lektüre sich weitestgehend auf Lifestylemagazine beschränkt, bieten Couplands Romane ein gewaltiges Identifikationspotenzial: Hier stellt jemand anhand einiger typenhaft überzeichneter Figuren das Leben dar, wie es sich zumindest für eine gewisse Leserschicht darstellt. Der popkulturell überaus versierte Autor signalisiert immer wieder Geschmackskompetenz, schreckt aber auch nicht davor zurück, zwischen den Zeilen didaktische Botschaften ans Zielpublikum zu richten: Ihr seid zwar cool und lebt im Überfluss, aber ich weiß, dass euch das alles nicht glücklich macht (denn mir gehts genauso).

Genauso funktioniert auch der soeben in deutscher Übersetzung erschienene Roman "Miss Wyoming", in dem zwei tragikomische Gestalten Hollywoods aufeinander treffen. Susan ist Ende zwanzig und in jeder Hinsicht eine Ex-: Sie war Schönheitskönigin in Wyoming, Kinderstar einer Fernsehserie und ist auf dem besten Weg, sich von dem ihr angetrauten Rockstar scheiden zu lassen. Prägendes Ereignis in Susans Leben ist ein Flugzeugabsturz, den sie wie durch ein Wunder als Einzige überlebt. In der Folge taucht sie ein Jahr unter, bekommt ein Kind und sucht nach einem tieferen Sinn im Leben.

Ihr gegenübergestellt ist der drogensüchtige Action-Regisseur John Johnson, der - ebenfalls willig, sein Leben zuändern - als Aussteiger quer durch Amerika wandert. Am Beginn des Romans begegnen sich die beiden von ihren Irrfahrten nach Hollywood zurückgekehrten Protagonisten und werden sofort von dem Gefühl überwältigt, einander auf ewig zuzugehören. In der Folge werden die zusehends miteinander verknüpften Geschichten der beiden aufgerollt und schließlich einem recht vorhersehbaren Happy End entgegengeführt.

Meine Intention war es zu zeigen, wie die Charaktere am Ende von reaktionären und unkritischen zu nachdenklicheren Wesen werden", erklärt Coupland. "Die meisten Figuren spüren eine bestimmte Leere. Dem wollte ich etwas entgegenstellen. Denn wenn du aufhörst, die Welt zu hinterfragen, hörst du eigentlich auch auf zu leben." Im E-Mail-Gespräch kommt Coupland gern vom Hundertsten ins Tausendste, ohne auf die Fragen wirklich einzugehen. Diesen Umgang mit allem Anschein nach vorgefertigten Antworten hat Tom Holert in der letzten Ausgabe von Literaturen sehr treffend beschrieben: "Gedanklich bewegt er Bausteine, vorformulierte Ideen, die im Gespräch rekontextualisiert werden; das Konzept der Originalität scheint Coupland weitgehend fremd zu sein."

Nichtsdestotrotz versucht Couplands neuer amerikanischer Verlag ihn zu einem "professionelleren" Autor zu machen und unterwirft seinen Schützling einem strengen Lektorat. Mit dem Resultat, dass "Miss Wyoming" straffer konstruiert ist als seine Vorgänger, ja in seinem lehrbuchmäßig logischen Handlungsaufbau bisweilen an die Abschlussarbeit eines Creative-Writing-Kurses erinnert. Das ist schade, denn Couplands vorherige Texte bezogen einen Gutteil ihres Charmes eben aus der Tatsache, dass sich ihr Autor nicht um erzählerische Konventionen kümmerte.

Mit seinem Gewerbe konfrontiert, ist Coupland aber nach wie vor bemüht, sich vom Literaturbetrieb zu distanzieren: "Ich habe Bildhauerei und Möbeldesign studiert und alle meine Freunde kommen aus der bildenden Kunst. Für mich gibt es da ein Gefühl von Gemeinschaft und Kooperation. Ich habe auch viele Autoren getroffen, und es gibt keine solchen Gemeinden unter den Autoren. Was übrig bleibt, sind Neid, Kleinlichkeit und Kleinkriege."

Coupland versteht sich als Generalist, der nicht nur schreibt und Möbelstücke designt, sondern auch Spots für MTV dreht, sowohl die Zeitschrift Wired als auch Steven Spielberg berät und für sein Leben gern Collagen bastelt, die er - gemeinsam mit Dokumenten anderer Aktivitäten wie etwa dem Schreiben launiger Tournee-Tagebücher - auf seine knallbunte Website (www.coupland.com) stellt. Und ein bloßes Schriftstellerleben könnte sich Coupland auch gar nicht vorstellen: "Ich habe überall auf der Welt Schriftsteller getroffen, die als Fischer, Labortechniker oder Krankenschwestern arbeiten, und mit ihnen gesprochen. Sie waren alle wie ich der Meinung, dass es klug ist, neben dem Schreiben auch noch etwas anderes zu tun. Die Ansicht, dass ein Autor 16 Stunden pro Tag am Schreibtisch verbringen muss, ist eine romantische Verklärung. So etwas führt unausweichlich zu einem Schaden - beim Autor und seinem Werk."Es sind hauptsächlich Aufnahmen von Zufallsbegegnungen, die Jitka Hanzlová, tschechische Fotografin mit deutschem Pass, zum Anlass ihrer 53 Frauenporträts genommen hat. Die Abgebildeten unterschiedlichsten Alters stammen aus Europa und den USA und sind - sieht man von der Kleidung, Haltung und dem Stückchen ländlichen oder städtischen Raums ab, der sie umgibt - sozial nicht näher definiert. Es ist diese weder von auffälligen (Selbst-)Inszenierungen noch von authentizitätsheischendem Milieurealismus geprägte "scheue Komplizenschaft" (Peter V. Brinkemper) der Fotos, die deren Faszinosum ausmacht. Und natürlich die Frauen selbst, die uns anblicken.Längst sind seine "Mirogramme" millionenfach auf Postkarten und T-Shirts vervielfältigt - wofür ihn Gertrude "A rose is a rose" Stein als den "Erfinder der abstrakten Mickeymaus" bezeichnete. Joan Miró selbst hat sich selbst lieber als Gärtner gesehen, der veredeln und bewässern muss: "So reifen die Ideen in meinem Kopf. Deshalb arbeite ich immer an einer Unmenge von Dingen gleichzeitig."
"Mein Atelier ist mein Garten", nennt sich folgerichtig ein großformatiger Bildband, der einen guten Überblick über die bunt-naive Zeichenwelt des Katalanen gibt - und den Gärtner beim "Bewässern" zeigt.

Klaus Nüchtern in FALTER 7/2001 vom 16.02.2001 (S. 66)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Tom Friedman (Bruce Hainley)
Die österreichische Literatur seit 1945 (Volker Kaukoreit, Kristina Pfoser)
Hers (Stella Rollig)
Lügner, Fälscher, Lumpenhunde (Jürgen Roth, Kay Sokolowsky)
Das Quälen des Körpers (Peter Burschel)
Lügen und Betrügen (Oliver Hochadel, Ursula Kocher)
Die Capuccino Jahre (Sue Townsend, Peter A. Schmidt)
Miss Wyoming (Douglas Coupland, Tina Hohl)
Sutters Glück (Adolf Muschg)
Wittgenstein-Lexikon (Hans-Joachim Glock)
Irischer Abschied (Alice McDermott, Matthias Jendis)
Rote Handschuhe (Eginald Schlattner)
Das Sandkorn, das die Erde zum Beben bringt (Mark Buchanan, Carl Freytag)
Miss Elliott (Marian O'Neill, Bernhard Robben)
Where I Was (Erich Hartmann)
Der schwierige Umgang mit dem "Anschluss" (Paul Schneeberger)
Wien, 4. Februar 2000 (Michael Fleischhacker)
Große Tiere in Berlin (Wencke Boll)
Der Kampf bin ich (Ralf Höller)
Darwin und die Anstifter (Thomas P. Weber)
Naokos Lächeln (Haruki Murakami, Ursula Gräfe)
Giorgio Armani (Germano Celant, Harold Koda)
Miró - Mein Atelier ist mein Garten (Richard W. Gassen)
Keiner ist so toll wie wir (Markus Huber, Robert Treichler)
Der Tipping Point (Malcolm Gladwell, Malte Friedrich)
Wittgenstein und die Musik (Martin Alber)
Das fromme Krokodil (Hans Traxler)
Das Leben der infamen Menschen (Michel Foucault, Walter Seitter)
Zeit, Liebe, Erinnerung (Jonathan Weiner, Yvonne Badal)
Female (Jitka Hanzlová)
Werk (Anton Corbijn)
100 Jahre (Hans-Peter Feldmann)
Blow Job
Cesar Luis Menotti (Harald Irnberger)

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