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Verlag: S. Fischer
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 24/2003

Joyce Carol Oates wird dieser Tage auch schon 65. Ihre neuen Dreiviertelpfünder "Hudson River" und "Wir waren die Mulvaneys" pendeln zwischen brillanter Beschreibungskunst und Trivialität.

Hat man Joyce Carol Oates' neuen Roman "Hudson River" gelesen, ist man beeindruckt, beglückt (das Buch ist gut geschrieben), satt und stolz (es hat gut 600 Seiten). Es stellt sich zudem ein spontanes Verlangen nach dem Besuch des Kunsthistorischen Museums ein, um sich mal wieder den einen oder anderen Brueghel (Pieter d. Ä., den Bauernbrueghel) vor Augen zu führen; besonders zieht es einen zu des Niederländers präzisen, detailfreudigen Panoramen dörflichen Lebens.

Denn nichts anderes ist "Hudson River": Oates porträtiert hier in großem Rahmen und mit feinem Pinselstrich die kleine, stilvoll versnobte Gemeinde Salthill-on-Hudson unweit New Yorks. Die grenzmessianische Zentralfigur des Romans, der Bildhauer Adam Berendt, kommt gleich auf den ersten Seiten um ihre fiktionale Existenz; Berendt ertrinkt beim an sich erfolgreichen Versuch, ein Kind vor dem Ertrinken zu retten. Und wie ein Stein, der, ins Wasser geworfen, Wellen schlägt, zerwühlt sein Tod das festgefügte, akkurat gestylte Sein einiger ihm nahe stehender Dorfbewohner.

Oates konzentriert sich hierbei auf fünf Protagonisten, alle so um die fünfzig, sechzig, stellt sie im ersten, großzügig geschnittenen Teil des Buches vor, setzt sie im zweiten, ebenfalls breit angelegten Abschnitt einer schweren See aus, um sie dann im letzten, etwas knapper gehaltenen Part in neue, ruhige Wasser zu führen. Die Geschichten um eine schusselige, robust-romantische Buchhändlerin, eine überrücksichtsvolle sowie eine sexsüchtige Millionärsgattin, eine weißwein- und tablettensuchtgefährdete geschiedene Mutter und einen natterngleich küssenden Rechtsanwalt hält Oates durch Subkapitel getrennt, verwebt sie dann aber innerhalb dieser wieder mit großer Virtuosität.

Das vermeintlich spannungstragende Element, das Rätsel um das Vorleben des von allen in einem semireligiösen Ausmaß angehimmelten Adam Berendt, versackt am Ende etwas, was aber nichts macht: Oates komponiert in "Hudson River" aus tausenderlei blendend beobachteten Details, einer Schar interessanter kleinerer Motive und einer Handvoll dominierender Themen eine barocke, kluge, sinnvolle Rundschau von Leben, Lieben und Leiden des mittelalten Bessergestellten Amerikas. (Bemerkung am Rande: Frappierend, in welch diametralem Verhältnis sich Physis - sehr fragil, sehr klein, sehr blass - und Werk - über fünfzig Veröffentlichungen meist üppigsten Umfangs - von Amerikas wohl produktivster und stilistisch wandelbarster Romancière gegenüberstehen. Fast scheint es, als sauge die enorme literarische Produktivkraft der in Princeton Lebenden und Lehrenden alle Energie aus ihrem Körper.)Mag man bei schulmeisterlicher Betrachtung - wie es vonseiten seriöser literarischer Fachkräfte geschehen ist - Oates bezüglich "Hudson River" der Grenztrivialität zeihen, so ist bei ihrem soeben bei der DVA erschienenen Roman "Wir waren die Mulvaneys" auf das Präfix zum schmähenden Substantiv getrost zu verzichten. Wäre die Autorenschaft dieser ausufernden Familiensaga unbekannt, man würde das Werk im Blindtest wohl als das Opus magnum von Enid Blyton klassifizieren.

Oates hat es bei ihrem nach eigenen Angaben "persönlichsten Buch" offenbar darauf angelegt, sich lustvoll im Schlammbad des Trivialen zu suhlen, zeigt also keine Scheu, Kapitel mit der Überschrift "Die Kuhglocke läutet" zu versehen und sie dann wie folgt anheben zu lassen: "Da war nun Patrick, der schlaue, misstrauische Pinch, seiner Mutter gründlich auf den Leim gegangen!" Übersetzerin Renate Orth-Guttmann trägt munter ihren Teil zur stilistischen - sagen wir mal: - Eigenheit von Oates' Kitschmonstrum bei, müht sich mal um vermeintlich Zeitgenössisches ("Echt ätzend, Mom!"), um dann wieder unerschrocken dem Vorgestrigen zu huldigen ("Ade!") oder solide Vulgarismen unters Lesevolk zu bringen ("Bockmist!").

Die dramaturgische Kurve des schon 1996 in Amerika erschienenen Romans verläuft in einer eleganten Sprungschanzenform. Zu Beginn, die ersten hundert Seiten circa, nimmt der Leser teil am Idyll der Familie Mulvaney: Mutter Corinne "Whistle" Mulvaney fährt in dungbespritzten Jeans in die Stadt einkaufen; Papa Mike "Curly" Mulvaneys Dachdeckerfirma prosperiert; die vier Kinder sind alle unglaublich nett - wie auch Hund "Little Boots", Katze "Muffin" und Kanarienvogel "Feathers".

Doch dann legen sich des Unheils düstere Schatten über das bis dahin so sonnendurchflutete Sein auf der High-Point-Farm: Tochter Marianne "Button" Mulvaney, die Reine, Gottesfürchtige, wird von einem Klassenkollegen abgefüllt und missbraucht. Marianne sieht die Schuld bei sich; nicht so Mariannes Vater, der schlägt den Vater des Täters nieder, und der Fall des Hauses Mulvaney nimmt seinen diesmal nur knapp 600-seitigen Lauf: Marianne wird aus der Familie verstoßen, der Vater säuft sich zu Tode.

Oates verzichtet in guter trivialromantischer Tradition auf jede psychologische Innenschau ihres Romanpersonals; diese handeln einfach, und man hat keine Ahnung, warum. Schicksalshafte Ereignisse passieren wie gutes oder schlechtes Wetter, und so darf man froh sein, dass Gottmutter Oates ihren sturmwindgebeutelten Mulvaneys gegen Ende noch ein bisschen Frieden und Sonnenschein gönnt: "Die Kuhglocke läutend" (schon wieder!), "stand auf der hinteren Veranda des Holzhauses an der New Canaan Road, das silbern glitzernde Haar zu einem dicken Zopf geflochten, der zwischen den Schulterblättern schwang, Corinne Mulvaney, zweiundsechzig Jahre alt. Juchzend wie eins ihrer Enkelkinder und mit hochroten Wangen zog sie an dem Seil der flaschenkürbisförmigen Glocke, um uns alle endlich zum Essen zu rufen." Mahlzeit!

Stefan Ender in FALTER 24/2003 vom 13.06.2003 (S. 65)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Wir waren die Mulvaneys (Joyce Carol Oates, Renate Orth-Guttmann)

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