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Verlag: S. Fischer
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 41/2003

Joseph O'Connors neuer Roman erzählt im Gewand des Thrillers und der Romanze von der irischen Hungersnot im Jahr 1847.

Joseph O'Connor überrascht immer wieder. Jeder der witzigen und raffiniert erzählten Romane des 1963 in Dublin geborenen Autors unterscheidet sich vom Vorgänger radikal – thematisch und strukturell. Diesmal liefert O'Connor alles in einem: Romanze, Thriller, historischen Roman und Anklageschrift. Und er widmet sich erstmals ausdrücklich einem irischen Thema: der katastrophalen Hungersnot von 1847.
Der Roman spielt überwiegend auf einem Auswandererschiff nach Amerika. Auf dem ersten Deck logieren die besseren Leute, unter ihnen ein amerikanischer Journalist und der bankrotte englische Lord Merridith mit Familie, der auf der grünen Insel Land besitzt. Im Zwischendeck hausen die irischen Bauern und Handwerker, an denen sich die Reederei gesund stößt. Unter katastrophalen hygienischen Bedingungen werden sie zu Wucherpreisen wie Sklaven transportiert. Viele von ihnen sterben auf der langen Reise an Kälte, Hunger oder Seuchen. Unter diesen Unglücklichen befindet sich auch Pius Mulvey, der von irischen Nationalisten erpresst wird: Entweder er ermordet Lord Merridith oder er ist selbst dran.
Als etwas zweifelhafter Erzähler fungiert der amerikanische Journalist – ein sozial engagierter Möchtegern-Romancier, der ein Verhältnis mit Lady Merridith hat. Wiederholt klagt er den Lord der rücksichtslosen Ausbeutung seiner irischen Pächter an. Der Lord wiederum liebt das Kindermädchen seiner Familie: Mary Duane, ein irisches Landmädchen, das in Wirklichkeit die uneheliche Tochter seines sittenstrengen Vaters ist, also Lord Merridiths Halbschwester. Als Junge war er unsterblich in sie verliebt (und sie in ihn), aber die Klassenunterschiede verhinderten die Romanze. Jetzt zwingt er sie dazu, sich vor ihm in seiner Kabine auszuziehen.
Klingt nach einer üblen Schmonzette? Nicht bei Joseph O'Connor! Die Hungersnot wurde oft schon propagandistisch ausgeschlachtet. Die Engländer haben die Iren verhungern lassen, behaupten die Iren. Die britischen Besatzer stellten die Hungersnot dagegen als Strafe Gottes für ein faules, undankbares und rebellisches Land dar. Wenn sich O'Connor nach genauem Quellenstudium auf die Suche nach den Schuldigen an dieser Katastrophe macht. Niemand ist bloß gut oder nur böse – nicht im wirklichen Leben und schon gar nicht in diesem Roman.
Lord Merridith etwa ist keineswegs nur der Ausbeuter, als den ihn der Journalist hinstellt, eher schon ein schwacher, unglücklicher Mensch, der gerne geholfen hätte, wenn er gewusst hätte, wie. Zu Beginn des Romans erscheint auch seine Frau als ungebrochene Verkörperung der dünkelhaften Oberklasse. Doch ausgerechnet sie wird im Laufe der Überfahrt vom Saulus zum Paulus.
Selbst der Mörder in spe, das "Ungeheuer", wie er von Anfang an genannt wird, erscheint nur als ein weiteres Opfer der sozialen Umstände im Irland von 1847. Oder sollte er doch bloß ein skrupelloser Finsterling sein, der Frau und Kind hat sitzen lassen und sich nur hinter die Maske des Opfers flüchtet? Nicht nur im Falle von Pius Mulvey lässt O'Connor den Leser auf raffinierte Weise zwischen Mitleid, Verständnis und Abscheu schwanken. Was zum Reiz dieses Romans entscheidend beiträgt.

Thomas Askan Vierich in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 20)


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