Das Größere Glück

von Richard Powers

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: S. Fischer
Erscheinungsdatum: 13.10.2009

Rezension aus FALTER 42/2009

Das Glück in der DNA eines Engels

Richard Powers stellt sich in seinem jüngsten Roman den uralten Fragen der modernen Biowissenschaften

Den US-amerikanischen Romancier Richard Powers treibt die Frage um, wie die Biowissenschaften in gar nicht so ferner Zukunft unser Selbstverständnis verändern könnten. Damit ist er natürlich nicht allein. Schon lange streiten Neurowissenschaftler und Philosophen über die vermeintliche oder reale Freiheit des Willens. Auch die von der Aufklärung inspirierte Überzeugung, der Mensch werde in seiner Entwicklung wesentlich von seiner Umwelt geprägt, gerät durch kühne Theorien über die genetische Determiniertheit unserer Begabungen und Charaktereigenschaften unter Druck. Das hat irgendwann auch Folgen für die Kunst: Literaturwissenschaftler zum Beispiel, die neurowissenschaftliche Erkenntnisse für die Erklärung des ästhetischen Wohlgefallens bemühen, müssen heute nicht mehr befürchten, von ihren Kollegen als Sektierer geschnitten zu werden.

Einen Romancier, der sich als Zeitgenosse versteht, müssen diese Verschiebungen tief beunruhigen. Was bedeutet es, wenn die leidenschaftliche Liebe, der einsame Entschluss oder andere Muster des Erzählens, die zur 200-jährigen Erfolgsgeschichte des Romans beigetragen haben, am Ende nicht mehr sind als die äußeren Folgen austauschbarer molekularer Prozesse? Was bleibt vom Roman, wenn dem Individuum alle Geheimnisse genommen werden? Gibt es überhaupt noch ein Bedürfnis nach Erzählungen, wenn alles erklärt werden kann?
Russell Stone plagen tagtäglich solche Zweifel. Man stellt ihn sich wohl Ende 40 vor. In seinem Leben musste er schon einige Umwege machen, was auch daran liegt, dass er an bestimmten Gewohnheiten festhält: an Büchern zum Beispiel oder am Schreiben. In Chicago muss so einer heutzutage ganz schön kämpfen. Immerhin hat er einen Job gefunden bei einer Zeitschrift, für die er die Lebensbeichten unbegabter Möchtegernautoren in eine lesbare Form bringt – und er darf an einem College Studenten die Grundlagen des Schreibens vermitteln. Eine undankbare Aufgabe, wenn man bedenkt, dass diese jungen Leute keinen Kontakt mehr haben zu jener Praxis des Schreibens, die vor der Ausbreitung des Internets Allgemeingut war. Wer mit Blogs, Hypertexten und Mashups aufgewachsen ist, tut sich schwer, eine einfache Geschichte von ihrem Anfang bis zu ihrem Ende zu erzählen. Nur eine kann das: Thassadit Amzwar.

Sie ist einer jener Engel, wie man sie aus Powers Romanen kennt: weiblich, ätherisch, geheimnisvoll. Sie musste aus Algerien fliehen, als dort zu Beginn dieses Jahrhunderts islamistische Fundamentalisten die Berber verfolgten und das Land an den Rand eines Bürgerkriegs brachten. Wenn sie ihre Texte vorliest, herrscht atemlose Stille im Raum. Ihr eigentliches Geheimnis aber liegt in ihrer Ausstrahlung: Sie verkörpert das vollkommene Glück.
Wie kann eine Frau glücklich sein, die durch Verfolgung und Flucht traumatisiert sein müsste? Die Geschichte von der rätselhaften Schönen aus der Kabylei macht bald auch außerhalb des College die Runde. Russell Stone, schüchtern und auch ein bisschen verliebt, versucht vergeblich, seine Studentin vor der Öffentlichkeit zu schützen. Bald spekulieren Psychologen, Journalisten und Mediziner darüber, woher es kommt, dass diese Frau einfach glücklich ist. Und tatsächlich entdeckt eine Biotechfirma in Thassadits DNA eine signifikante Abweichung, die sie sofort patentieren lässt: Hier könnte das vollkommene Glück seinen Sitz haben.
Als sich Thassadit auf das Angebot einlässt, ihre Eizellen für eine Menge Geld zu verkaufen, um zahlungskräftigen Eltern die Chance auf ein glückliches Kind zu verschaffen (und ihrer eigenen Familie finanziell unter die Arme zu greifen), verblasst ihre Aura. Das liegt nicht nur an den Hormonen, die sie schlucken muss, sondern auch an der moralischen Perspektive des Romans. Dessen Handlung muss gar nicht bis zum Ende erzählt werden, nur eines sei noch hinzugefügt: Er geht gut aus.

Ist das alles nicht schrecklich plakativ? Reduziert man Powers' Roman auf seine Handlung und stellt man außerdem seine didaktischen Züge heraus, die an einem Teil des europäischen Publikums vorbeigehen ­werden, dann bleibt tatsächlich nicht viel mehr übrig als eine gekonnte Satire auf die Wissenschaftsgläubigkeit der US-amerikanischen Gesellschaft. Aber wie schon in den früheren Romanen des Autors, so bedeuten vielleicht auch in diesem Buch die Präzision des analytischen Blicks und die Originalität der Reflexion mehr als der Plot.
Wenn Stone in seinem Seminar über den Unterschied von Fiction und Non-Fiction doziert, dann stellen sich plötzlich noch ganz andere Fragen: Was zählt dieser Unterschied überhaupt noch in der Anonymität des Internets, wo man auf die Verantwortlichkeit eines Autors keinen gesteigerten Wert legt? Und bereitet das Internet nicht schon jetzt das Ende jener Privatheit vor, die mit einer zentralen Dokumentation ­unserer DNA vollständig verschwunden sein wird? Das klingt wie Science-Fiction. Aber man sollte auch einmal anders herum genau hinhören, wie so manches Biotechunternehmen Klischees der Science-Fiction als genuine Wissenschaft verkauft – womit wir wieder bei der fragilen Unterscheidung zwischen Fiction und Non-Fiction wären.
Ein argumentatives Durcheinander? Vielleicht liegt die Chance des Romans in den Zeiten von Life-Sciences, Biotech und Internet gerade darin, Raum zu schaffen für ein solch wildes Denken, irgendwo im Niemandsland zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Richard Powers macht darauf auch mit seinem neuen Roman die Probe aufs Exempel.

Tobias Heyl in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 7)


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