wir schlafen nicht

von Kathrin Röggla

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: S. Fischer
Erscheinungsdatum: 01.01.2004

Rezension aus FALTER 27/2010

wir schlafen nicht

Die gute Nachricht: Die Arbeitslosigkeit ist im Juni gesunken. Die schlechte: Auch bei jenen, die einen Job haben, bleibt der Druck bestehen, da trotz kurzer Entspannung weiterhin mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit zu rechnen ist. Da zahlt es sich aus, wieder einmal Kathrin Rögglas Buch "wir schlafen nicht" zu lesen. In diesem auf Interviews mit Personen aus der IT-Branche aufgebauten Roman geht es um das Überleben in einer Arbeitswelt, in der Schlafen nicht mehr "schick" ist, wo Sozialleben als nebensächlich gilt und jede Sicherheit fehlt.

Nina Horaczek in FALTER 27/2010 vom 09.07.2010 (S. 16)


Rezension aus FALTER 13/2004

Mit ihrem Roman "wir schlafen nicht" liefert Kathrin Röggla eine unsentimentale Bestandsaufnahme neuer Arbeitsverhältnisse, in denen menschliche Grundbedürfnisse großzügig restrukturiert werden.

Kathrin Röggla, 1971 in Salzburg geboren und für ihr schriftstellerisches Werk vielfach ausgezeichnet (u.a. mit dem kolik, dem Sacher-Masoch- und dem Italo-Svevo-Preis), gehört zu jenem Typus junger Autoren, die es sich weder in der Neogemütlichkeit alten Erzählens bequem gemacht haben, noch ihr Heil in der Fortschreibung überständiger Avantgarden suchen. Die Wahlberlinerin setzt sich in ihren Büchern - unter anderem "Abrauschen" (1997), "Irres Wetter" (2000) und "really ground zero" (2002) - der Geschwindigkeit und Heterogenität von Moden und Diskursen aus und arbeitet diese als Zitatfetzen ein, ohne in einer Apologie schierer Gegenwärtigkeit alles Bestehende auch schon zum "Pop" zu verklären. Mit ihrer Literatur beweist sie, dass man sich einem Leben zwischen Loveparade, Seminar und Diskurs-Disco nicht durch Rückzug in die Privatbibliothek oder entlegene Landstriche entziehen muss, um Distanz wahren zu können.

Diese Distanz wird in ihrem soeben erschienenen Roman "wir schlafen nicht" dadurch hergestellt, dass die Autorin nahezu vollständig verschwindet. Greifbar wird sie nur als im Off verbleibender Adressat ihrer Auskunftspersonen. Es sind dies, wie der Vorspann festhält, "consultants, coaches, key account managerinnen, praktikanten usw.", also Proponenten jener schönen neuen Arbeitswelt, in der ständiges restructuring, monitoring und downsizing den einen die Jobs kostet und den anderen satte Lohnsteigerungen und Aktiengewinne einträgt.

Jemand wie Rolf Hochhuth hat diesen Umstand in seinem eher schlichten Agit-Prop-Drama "McKinsey kommt" Rechnung getragen. "hochausgebildete idioten mit dauerdiplom in der tasche und null lebenserfahrung mit realen betrieblichen strukturen, die nur mit einem zusammenarbeiteten, um ideen abzuziehen", beklagt sich bei Röggla die Key-Account-Managerin über "die natur-mckinseys und die kunst-mckinseys". Anstatt Nutznießer und Verlierer der Rationalisierungs- und Restrukturierungsmaßnahmen sauber zu unterscheiden und gegeneinander zu stellen, vertraut sich der Roman ganz der Sprache jener an, die als Onlineredakteurin, IT-Supporter oder Senior Associate ein Arbeitsfeld besetzen und definieren, in dem nicht nur für Außenstehende schwer auszumachen ist, wer da was herstellt und wofür verantwortlich ist.

Das wohl bedeutendste Produkt ist Verantwortlichkeit selbst: "das sei ja teil seines jobs, den schwarzen peter davonzutragen, d.h. ihn möglichst weit weg vom vorstand zu tragen und den verantwortlichen zu mimen, den, der die maßnahmen legitimiere. (...) auch sie als unternehmensberater würden sich externe unternehmensberater ins haus holen, wenn beispielsweise entlassungen anstünden."

"agenturplanet, beratungssteinzeit, dienstleistungsderwisch, exit-szenarien, fernbeziehung, ist-aufnahme, killerschlaf, top-performer, zwischenjungs" - die Grenze zwischen Fach- und Privatjargon ist fließend, in jedem Falle aber stellen die sprachlichen Substrate neuer Arbeitsverhältnisse der Literatur frisches Material zur Verfügung. So funktioniert Innovation, und Kathrin Röggla ist zu vif, den neuen Werkstoff mit ideologiekritisch gerümpfter Nase samt und sonders als Neusprech zu entlarven. Was sie im Zuge ihrer Recherchen und Gespräche erfahren hat, wird neu formatiert, in direkter oder indirekter Rede referiert, gegeneinander geschnitten. In dieser Arbeit am und mit dem Material manifestiert sich auch die "Haltung" der Autorin. Aber diese wird nicht als Meinung frei Haus geliefert, vielmehr muss sich der Leser dem Redestrom der insgesamt sieben, im Vorspann des Romans mit Namen und Alter angeführten, Figuren aussetzen, sich selbst ein Bild davon machen, wie die Hierarchien in dieser - den meisten wohl nicht allzu bekannten - Welt beschaffen sind und wer davon profitiert.

Die schon seit Jahrzehnten herumgeisternde Rede vom Ende der Arbeitsgesellschaft erscheint aus der Perspektive von Rögglas Roman als überaus fragwürdig. Mag sich das Verhältnis von Produzent zu Produkt, von Freizeit und Arbeitszeit, von Subjekt und System auch virtualisiert haben, das Leben jedenfalls der hier versammelten Protagonisten wird durch und durch von der Arbeit bestimmt - und sei es von der, die man nicht einmal bekommt, wenn man dafür zahlen würde (die praktikantin). So wie der reale Raum zu kollabieren droht, weil man bloß noch weiß, dass "erst ca. 1 km entfernt von hier (...) das mit den normalen menschen" beginne, aber keine Ahnung mehr hat, in welchem Winkel des Molochs Messehalle man sich gerade aufhält ("sind wir nicht halle vier?"), so verwandelt sich auch Zeit in ein strukturloses Kontinuum - die Arbeitsstunden reihen sich aneinander, so wie die Sektchen und Weißweinschorlen, die man auf der Messe vom Vormittag an in sich hineinleert.

Kein Wunder, dass in einer solchen Lage, in der man allenfalls "fernbeziehungen" unterhält, am Weekend schnell mal die Akkus löscht, um dann am Sonntag ohne Sport und Alkohol wieder früh ins Bett zu gehen, die "Auszeit" zum großen Phantasma wird: "mal ein kind aufziehen, mal ein buch zu schreiben oder etwas anderes für sich tun. warum auch nicht, habe er sich gedacht, und was habe er gemacht? gar nichts habe er gemacht, d.h., er habe probleme bekommen - ist doch logisch'", wird der Senior Associate zitiert.

Der wirkliche Tiefschlag, die Panikattacke, setzt ein, sobald man den Stress unterbricht; solange man in der Arbeit funktioniert - und sei's mithilfe von Speed, wenig Schlaf, ohne Sex und Sozialkontakte - funktioniert man auch noch als Ganzes. Irgendwie. Die "harte bwl", die von den wenigsten beherrscht, aber von allen als Ultima Ratio akzeptiert wird, definiert die soften Parameter der Anthropologie. Menschliche Grundbedürfnisse? Alles restrukturierbar und downsizeable: "er kenne einen, der brauche konstant nur eine stunde schlaf am tag, also er müsse schon sagen, das bewundere er sehr. er finde es immer wieder erstaunlich, wozu der menschliche körper fähig sei. gerade, wenn man denkt, da sei jetzt ein standardbedürfnis, ,ohne das geht es jetzt wirklich nicht. und man sieht: es geht doch'."

Alles eine Frage des Adaptierungswillens: Mit "short-sleeping" und "quick-eating" bleibt man (eventuell) im Geschäft, und als "workaholic" gilt nur, wer die ganze Zeit arbeitet und es dennoch nicht schafft. Bleibt die Frage, was genau diejenigen, die es (gerade noch mal) schaffen, eigentlich geschafft haben? Kathrin Röggla delegiert die Antwort an den Senior Associate, und sie liest sich wie ein Schauerroman: "er glaube, er sei schon länger verstorben. bei der redakteurin würde er mal so tippen: ende der 80er jahre, so wie die aufgetreten sei, auch bei dem it-supporter sei es bekannt, da gehe es sicher zurück in die 70er jahre, wenn man sich ansehe, welche ideen der so habe."

Klaus Nüchtern in FALTER 13/2004 vom 26.03.2004 (S. 5)


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