Der Berg

von Gerhard Roth

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: S. Fischer
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 8/2000

Was Sie immer schon über Ikonenmalerei wissen wollten und nie zu fragen wagten - Gerhard Roth hat den Thriller dazu geschrieben.
Hätte Gerhard Roth einen Schlüsselroman geschrieben, Peter Marboe müsste rechtliche Schritte erwägen. Die Geschichte über "die Machenschaften eines Stadtrates", der am Bau eines Multiplex-Kinos kräftig mitverdient, ist freilich ebenso frei erfunden wie die Figur des Victor Gartner. Auch wenn Roth, wie er in einem Interview mit dem Standard bestätigt, ein langes Gespräch mit Alfred Worm geführt hat, weiß man nicht, welche Rechercheergebnisse der Autor in seinen jüngsten Roman hat einfließen lassen, weswegen wir nicht davon ausgehen dürfen, dass Worm einen IBM-Laptop Thinkpad, den Pocketcomputer Psion, einen Sony-UKW-Radio-Shortwaver und zwei verchromte Kugelschreiber der Marke Fisher-Space-Pen benutzt. Auch ob Gartners Gewohnheit, Telefonnummern verschlüsselt zu notieren und ständig das Aufnahmegerät laufen zu lassen, auf Österreichs pfeifenrauchenden Aufdecker zurückgeht, kann nicht mit letzter Sicherheit gesagt werden. Wenigstens eines wird aber unmissverständlich klar: "Der Berg" handelt davon, dass sich erstaunlich wenig mit letzter Sicherheit sagen lässt.
Dass Gartners Suche nach dem Dichter Goran R. die Wahrheit über ein Massaker an Bosniern, das der serbische Lyriker beobachtet haben soll, nicht ans Tageslicht bringen wird, ist von Anfang an klar. Nicht umsonst erfahren wir auf Seite 51, dass Gartner als Sohn einer Kinobesitzerin mit dem europäischen Kunstkino aufgewachsen ist und keine Vorstellung von Michelangelo Antonionis "Blow up" ausgelassen hat. Der Film handelt von einem Fotografen, der zufällig Zeuge eines Verbrechens wird, das er letztlich aber nicht beweisen kann, weil die Wahrheit im groben Korn der vergrößerten Fotos versickert. Diesem Subtext folgt auch Roths Roman, an dessen Ende wir natürlich gemeinsam mit dem Protagonisten im Kino sitzen.
Als Gartner den von Journalisten, Geheimdiensten und Menschenrechtlern gesuchten Dichter, der sich in einem Kloster auf dem heiligen Berg Athos versteckt haben soll, später in Istanbul begegnet, beginnt dieser zu sprechen, als hätte ihm Peter Handke die Worte in den Mund gelegt: "Ich war halb verrückt vor Grauen ... und ich erinnere mich bloß an Bruchstücke. Ich kann diese Bruchstücke nicht miteinander verbinden, aber die Journalisten werden gewiss daraus ein Bild rekonstruieren, das es nie gegeben hat." Als Whodunit oder als Who'sdunwhat? ist "Der Berg" also ziemlich unergiebig. Zwar gibt es bereits auf Seite 14 den ersten Toten und im Anschluss jede Menge an Spuren, Verdächtigen und seltsamen Zufällen - so findet Gartner in einem Devotionaliengeschäft ein an ein Regal gepinntes Foto von Goran R. ("Er wusste, das es ein unglaublicher Zufall war") -, aber die Kette von Indizien, mit denen der Leser noch weniger anzufangen weiß als der Protagonist, wird doch etwas lustlos abgewickelt. Eine gewisse Uninspiriertheit ist nicht nur in Bezug auf die Thriller-Handlung zu konstatieren. Wenn Gartner zum Beispiel im Hotel einer Frau begegnet und von der Gewissheit überwältigt wird, "dass er sie noch am Abend umarmen würde", dann ist klar, dass sich diese drei Seiten später anschicken wird, ihm am Hotelgang einen zu blasen. Es gibt dann noch ordentlich Geschlechtsverkehr, bevor die Frau über die nächsten 120 Seiten aus dem Roman verschwindet, um im letzten Kapitel noch einige entscheidende Kontakte zu knüpfen. So much for Tamara.
All das ist nicht zuletzt auch deswegen unerfreulich, weil Roth im Detail einige schöne und atmosphärisch überzeugende Beschreibungen gelingen. Schier endlos und in akribisch ausgepinselten Metaphern wird das Thema der Wahrheitsfindung, der (Un-)Lesbarkeit von Welt variiert: Ob es sich dabei um Ikonen, Freskos, Ölbilder, Polaroids, Glasnegative, verhunzte Fotos, Mikroskopvergrößerungen, Schaben an der Wand - deren Konstellation ein Möch wie Sternbilder zu deuten weiß - oder einen gesprenkelten Fußboden handelt, dessen Struktur Gartner als riesige Rasterpunkte einer Fotografie erscheinen, die er aufgrund mangelnder Distanz nicht zu entziffern vermag. Antonioni lässt grüßen. Vielleicht wäre der Leser ja auch für das beträchtliche Wissen, das der Autor da - von den Grundlagen der Daktyloskopie bis zu den Grundlagen der Ikonenmalerei - vor ihm ausbreitet, zu interessieren gewesen. Bloß stehen dem die bodenständigeren Verlockungen eines Krimi-Plots entgegen, die den Leser zur Eile gemahnen. Wenn dann eine mumifizierte Schabe dem Ohrenschmalz eines Mönchs entborgen wird, fühlt man sich vielleicht an die Totenkopffalter erinnert, die ein transsexueller Mörder im "Schweigen der Lämmer" seinen Opfern in die Mundhöhle legt, und daran, dass es damals mit Clarice Starling und Hannibal Lecter irgendwie spannender war.

Klaus Nüchtern in FALTER 8/2000 vom 25.02.2000 (S. 70)


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