Saturns Schatten
Die dunklen Welten der Depression

von Andrew Solomon, Hans Günter Holl, Carl Freytag

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: S. Fischer
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 41/2001

Andrew Solomon hat eine enzyklopädische Monografie über Depression verfasst - und damit zu einem etwas besseren Umgang mit den eigenen Zuständen gefunden.

Verfall ist keine angenehme Erfahrung." Diese lapidare Feststellung steht am Anfang einer Odyssee in die dunklen Welten der Depression, auf die uns Andrew Solomon in seinem Buch "Saturns Schatten" mitnimmt. Solomon, der unter Präsident Clinton als politischer Berater für russische Fragen gearbeitet hat, wurde in den USA vor allem durch seinen autobiografischen Roman "A Stone Boat" bekannt. Er hatte in Yale und Cambridge studiert, war dreißig Jahre alt und befand sich gerade auf einer gefeierten Lesetour, als er an einer schweren Depression erkrankte. Es folgten Zusammenbrüche und Phasen psychischer Trägheit. Erst als Solomon sich mit seiner Krankheit auf einer literarisch-wissenschaftlichen Ebene auseinander setzte, begann er eine gewisse Stabilität im Umgang mit diesem Siechtum der Seele zu gewinnen.

Ausgehend von seiner eigenen Erkrankung, die ihn von Grönland über Asien bis hin zu einer Schamanin im Senegal führt, illustriert Solomon anhand zahlreicher Fallgeschichten die erdrückende Bandbreite depressiver Störungen. Sein nun ins Deutsche übersetztes Werk "Saturns Schatten" ist eine beklemmende Reise zu den Leiderfahrungen psychisch kranker Menschen. Diese geradezu enzyklopädische Monografie über Depression geht weit über Solomons private Erfahrungen mit dieser Krankheit hinaus. Neben einem historischen Überblick über Bewertung, Verbreitung und Wandlungen der Depression bietet das Buch auch eine von viel Sachkenntnis getragene Darstellung der psychopharmazeutischen Behandlungsmöglichkeiten.

Die Hauptursache von Depressionen sieht Solomon in genetischen Anfälligkeiten, die durch externe Stressfaktoren aktiviert werden. Besonders deutlich wird das Einwirken exogener Faktoren bei so genannten Armutsdepressionen. Gerade in diesem Bereich zeigt sich Solomons Meisterschaft, die sozialen Dimensionen psychischer Störungen zu beleuchten. Sein Ziel ist aber nicht eine Klassifikation depressiver Erkrankungen. Vielmehr interessieren ihn die lebensweltlichen Facetten der Depression, die er durch seine personenzentrierte Perspektive deutlich machen möchte. Es sind erschütternde, aber immer von Empathie gezeichnete Einblicke in den Alltag melancholischer, selbstmordgefährdeter Menschen. Vielleicht kann gerade die mitfühlende Nähe, die dieses Buch zu den Betroffenen einnimmt, zur Enttabuisierung psychischer Defekte beitragen.



Trotz seiner dunklen Atmosphäre ist "Saturns Schatten" ein ergreifendes Buch, aus dem man Mut und Kraft schöpfen kann. Andrew Solomon, der selbst durch die Hölle der Depression gegangen und zu einer endgültigen Heilung noch nicht vorgestoßen ist, beendet sein Werk mit einer wunderschönen, stillen Aussicht auf Hoffnung. "Jeden Tag entschließe ich mich aufs Neue zu leben - manchmal ganz selbstverständlich, manchmal gegen alle Gründe. Ist das nicht ein Anlass zur Freude?"

Franz Gutsch in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 37)


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