Das Universum in dir
Eine etwas andere Naturgeschichte

von Neil Shubin

€ 22,70
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Übersetzung: Sebastian Vogel
Verlag: S. FISCHER
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Natur, Technik/Naturwissenschaft
Umfang: 304 Seiten
Erscheinungsdatum: 24.07.2014


Rezension aus FALTER 41/2014

Wir haben nicht nur einen Fisch in uns!

Evolutionstheorie: Neil Shubin erzählt die Geschichte der Evolution mit seiner bewährten Masche: unterhaltsam und naiv

Vielleicht hat der Verlag ihn gebeten: Mach's noch mal, Neil. Und warum auch nicht? Neil Shubins "Der Fisch in uns" war vor einigen Jahren ein beachtlicher Erfolg beschieden. Sein neues Buch "Das Universum in dir" folgt wie schon im Titel demselben Strickmuster.

Neil Shubin ist Paläontologe an der Universität von Chicago. Berühmt wurde er 2004 durch den Fund eines fossilen Fisches. Tik­taalik verkörpert buchstäblich den Übergang von den Fischen zu den Amphibien. Eben den "Fisch in uns". Die Entdeckung und Interpretation von Tiktaalik lieferten einen schönen Rahmen für Shubins erstes populärwissenschaftliches Buch.
"Das Universum in dir" fehlt dieser persönliche Touch, aber die Grundidee ist dieselbe – zu beschreiben, wie erdgeschichtliche Prozesse sich in unsere Körper eingeschrieben haben: Das Entstehen der Urwälder nötigte die Primaten dazu, Farben zu sehen, um die leckeren Früchte zwischen den grünen Blättern erkennen zu können. Unsere "innere Uhr" wird durch die Mondzyklen mitbestimmt. Die Domestizierung der Kuh hat ihre Spuren in unserem Verdauungsapparat hinterlassen, nämlich in Enzymen, die Milch abbauen können.
Keine Frage, Shubin beherrscht die Rezepte erfolgreicher Populärwissenschaft: Anschaulich muss der Text sein, immer wieder auch mal witzig, garniert mit eingängigen Metaphern, geschrieben mit Tempo und Zug. Die Lektüre ist also kurzweilig, nur ist man mitunter etwas verloren. Eine Assoziation führt zur nächsten, hier eine Anekdote, dort ein Wissensschmankerl platziert. Viele Versatzstücke kennt man: die Entdeckung der kosmischen Hintergrundstrahlung als Beleg für den Big Bang, die lange nicht akzeptierte Kontinentalverschiebung nach Alfred Wegener, das Aussterben der Dinosaurier nach einem Kometeneinschlag etc.
Was also soll man gegen ein flott geschriebenes Buch sagen? Es ist naiv, und das gleich in verschiedener Hinsicht. Shubin ist ein naturseliger Diesseits-Mystiker. Beispiel: "Es liegt fast etwas Magisches in der Vorstellung, dass unser Körper, unser Geist und die Ideen, die aus diesem Geist entspringen, ihre Wurzeln in der Erdkruste, im Wasser der Ozeane und in den Atomen der Himmelskörper haben."
So erfahren wir, wie erdgeschichtliche Prozesse uns geprägt haben, aber nicht, wie wir unseren Planeten zugerichtet haben.
Die Themen Umweltzerstörung und anthropogener Klimawandel kommen praktisch nicht vor. Gerade für Letzteren hätte es eine Unmenge an Anknüpfungspunkten gegeben. Wie sich die Klimageschichte anhand von Bohrkernen in der Antarktis oder in Baumresten rekonstruieren lässt, ist ein Leitmotiv Shubins. Aber er schaut nur zurück.
Eindimensional fällt auch sein Bild des Wissenschaftlers aus. Immer wieder taucht er selbst als Person auf und erzählt von seiner Fossilienjagd in Grönland oder in der Sahara. Daneben treten aber noch Dutzende mehr oder häufig weniger bekannte Forscher auf. Galilei et al. sind getrieben von Wissensdurst, manche verkannt, gelegentlich auch leicht skurril. Sie werfen Frösche von Institutsdächern, um zu sehen, ob sie dies überleben, sprich: sich von Windhosen getragen verbreiten können.

Für Shubin sind sie bloße Stichwortgeber, Pappkameraden, die kurz am Wegesrand der Wissenschaftsgeschichte aufpoppen und auf der nächsten Seite schon wieder vergessen sind. Der komplexe Prozess der Forschung, die Gemengelage an Interessen, die Ambivalenz der Wissensproduktion, all das sucht man vergebens. So preist Shubin Norman Borlaug, den "Vater der Grünen Revolution". Er habe Millionen Menschen "vor dem Hungertod gerettet". Mag sein, aber so einfach darf es sich ein Autor dann doch nicht machen. Pestizide, Monokulturen und mächtige Agrokonzerne sind kein reiner Segen. Aber beim atemlosen Ausspeien der Wissenshäppchen bleibt Shubin für komplexere Betrachtungen kein Raum.
Nochmals: Neil Shubin kann Leser mit seinem lebendigen Stil und umfassenden Wissen für die Naturgeschichte begeistern. Nur sollte sein nächstes Buch etwas weniger kulturblind und dafür etwas selbstreflexiver ausfallen. Wie wäre es mit "Der Treibhauseffekt in uns"?

Oliver Hochadel in FALTER 41/2014 vom 10.10.2014 (S. 46)


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