Diese Dinge geschehen nicht einfach so
Roman

von Taiye Selasi

€ 22,70
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Adelheid Zöfel
Verlag: S. FISCHER
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 400 Seiten
Erscheinungsdatum: 07.03.2013


Rezension aus FALTER 11/2013

Beschädigte Leben, ungewisse Identität

Zwei autobiografische Debütromane von Migranten aus Ghana und Bosnien: Taiye Selasi und Ismet Prcic

Unterschiedlicher könnten diese zwei Autoren nicht sein, auch wenn sie beide Migranten sind und soeben stark autobiografische Roman-Erstlinge über Migration veröffentlicht haben: Taiye Selasi aus Ghana und Ismet Prcic aus Bosnien.
Taiye Selasi entstammt einer Familie westafrikanischer Akademiker – beide Eltern sind Ärzte –, die es in die privilegierte Klasse afrikanischer Kosmopoliten geschafft hat. Sie ist in London geboren und bei Boston aufgewachsen, hat zwei blendende Studienabschlüsse aus Yale und Oxford und lebt abwechselnd in New York, New Delhi und Rom. Selasi ist Fotografin; aber auch als Autorin ist ihr ein Blitzstart gelungen: Ihren Debütroman "Diese Dinge geschehen nicht einfach so" – mit dem Originaltitel "Ghana Must Go" – hatte Penguin Press bereits gekauft, ehe er überhaupt fertig geschrieben war.

Deutlich schlechtere Startchancen hatte Ismet Prcic, Jahrgang 1977. Er wuchs im bosnischen Tuzla auf, konnte sich mit 19 aus dem Bosnienkrieg nach Kalifornien retten und in Irvine studieren. Heute lebt er in Portland, Oregon. "Scherben" ist nicht nur der Titel seines Debütromans, sondern auch seine Form und sein Thema. Es geht um mannigfachen Zerfall: Eine Welt, ein Land, ein Leben, ein Mensch zerfallen und gehen in Trümmer.
Der Roman besteht aus lauter Erzählfragmenten und Textbruchstücken – Scherben –, aus denen der Protagonist und Icherzähler, der wie sein Autor auch Ismet Prcic heißt, sein "zerscherbtes" Leben neu zusammenzusetzen sucht. Der Krieg hat ihn traumatisiert und lässt ihn auch in Kalifornien nicht los. Ismet hat sich gerettet, aber er ist zerrüttet. Er leidet an den Nachwirkungen der Jahre unter dem Granatenhagel im belagerten Tuzla: Albträume, Schlafstörungen, Panikattacken. Sein Therapeut empfiehlt ihm, seine Geschichte aufzuschreiben. Schreibend kämpft Ismet nun darum, seinen chaotischen Erfahrungen eine Form zu geben.
Den Hauptteil von "Scherben" bilden die Erinnerungen an Ismets Kindheit und Jugend in Tuzla. Sie brechen eruptiv hervor, ohne Chronologie und ohne Logik: Erlebnissplitter, Flashbacks und Schnipsel von Konfessionen, einmal in der Ichform, dann wieder in der zweiten oder dritten Person erzählt. Es entstehen die Umrisse eines beschädigten Lebens mit ungewisser Identität.
Ismet ist 15, als im Mai 1992 der Krieg auch Tuzla erreicht und die bosnischen Serben die Stadt zu beschießen beginnen. Und er ist 18, als er im Herbst 1995 das demolierte Tuzla hinter sich lassen und auswandern kann – knapp bevor er in Bosnien zum Kriegsdienst eingezogen worden wäre. Zugleich peinigt ihn die schizophrene Vorstellung, dass ein anderer "achtzehnjähriger Ismet für immer in der belagerten Stadt bleiben würde, inmitten eines niemals endenden Krieges".
In den drei Belagerungsjahren dazwischen muss sich Ismet daran gewöhnen, dass ein Leben unter Dauerbeschuss zum Normalzustand werden kann. Er erprobt verwegene Überlebenstechniken. Er übt sich darin, der ständigen Todesgefahr dadurch zu trotzen, dass er sie ignoriert und sich wegbeamt in eine normal aufregende Adoleszenz:
"Ich blendete einiges aus, wenn ich mit meinen Freunden zusammen war. Wir vermieden es, über Politik und Religion zu sprechen. Stattdessen zogen wir, allesamt geil und verliebt, durch die Straßen. Wir schrammelten auf verstimmten Gitarren, erzählten einander Lügengeschichten über sexuelle Erfahrungen, tauschten italienische Comics und deutsche Pornos, rissen eklige Witze und schimpften über die Schule."
Wenn real kein Entkommen möglich ist, dann muss eben die Welt in die Stadt hereingeholt werden: Ismet schließt sich einer experimentellen Laienspielgruppe an und erobert sich die Welt des Theaters. Theaterspielen heißt Rollenspielen heißt dem Gefühl des Zerfallens eine Form und einen Halt geben. Rollenspielen ist für Ismet ein befreiendes Glück, ein kontrollierter Ich-Zerfall, und damit auch eine Form des Widerstands gegen das Chaos.
Torpediert wird Ismets zersplitterter Lebensbericht zusätzlich durch das Auftauchen eines zweiten jungen Mannes namens Mustafa, der sich in den Roman einschleicht und dessen ontologischer Status unklar bleibt: Ist er real? Ist er imaginiert? Mustafa wird zum Kriegsdienst eingezogen und kämpft in einem bosnischen Sonderkommando. Er drängt sich immer heftiger in Ismets Gedanken. Mustafa ist nicht nur der personifizierte Ich-Zerfall, er ist auch die fiktive Doppelgängerfigur, die dem Autor einen zweiten Blickwinkel auf den Krieg ermöglicht.
Er habe diese Figur Mustafa erfunden, sagte Ismet Prcic in einem Interview, weil er dem Roman eine doppelte Perspektive geben wollte: "Ich wollte eine Figur, die weggeht und den Krieg von außen sieht; und eine andere Figur, die kämpft und den Krieg am eigenen Leib erfährt. Irgendwann kollabieren die beiden Figuren ineinander, ohne dass man wissen kann, welche wirklich ist."

Taiye Selasis Familienroman "Diese Dinge geschehen nicht einfach so" wirkt verglichen mit Ismet Prcics nervösem Zerfallsprotokoll wie eine geradezu mustergültige migrantische Erfolgsgeschichte. Eine westafrikanische Familie, befeuert von Hochbegabung, Zielstrebigkeit, Aufstiegswillen und Durchsetzungskraft und ausgestattet mit Zähigkeit, moralischer Stärke und blendendem Aussehen, schafft es glanzvoll, sich in die höheren Ränge der amerikanischen Gesellschaft zu integrieren, und verfügt souverän über ihre Aktionsräume zwischen Afrika, England und den USA, zwischen denen sie nach kosmopolitischem Gutdünken hin- und herpendelt.
Ein wundervolles, ein bestechendes Narrativ, für das sich die Autorin unübersehbar an ihrer eigenen Biografie orientiert.
Doch die aufsteigende Linie des familiären Erfolgsprojekts kippt und wendet sich ins Tragische. Etwas geht verheerend schief. Taiye Selasi konzentriert sich auf den emotionalen Preis, der für den Aufstieg zu entrichten ist – in Gestalt von Scham, Verzweiflung, Entzweiung, Entfremdung, Verrat und Zerrüttung.
Dreh- und Angelpunkt ist eine Katastrophe, die die Familie zerreißt, ihr den Boden unter den Füßen wegzieht und sie auf drei Kontinente versprengt. Und diese Dinge geschehen nicht einfach so – sie haben eine fatale, wenn auch unverschuldete Ursache. Wie mühsam und schmerzhaft es ist, eine desorientierte, zerbrochene Familie wieder zusammenzufügen und zu heilen, ist das wahre Thema des Romans.

Vor dem Desaster baut die Autorin eine beträchtliche Fallhöhe auf, um den Absturz zu dramatisieren. Der Vater Kwaku Sai schafft es aus einem Lehmhüttendorf in Ghana zum Medizinstudium an ein Ostküsten-College in den USA und wird Chirurg. Der älteste Sohn macht – als Arzt wie sein bewunderter Vater – eine Bilderbuchkarriere, und auch die jüngeren Geschwister sind wahre Wunder an Exzellenz. Taiye Selasi türmt diese Gipfelleistungen ihrer Romanfamilie eigens in solch schwindelerregende Höhen, um sie im Sturz umso wirkungsvoller zu zerschmettern.
Denn der Meisterchirurg wird wegen eines angeblichen Operationsfehlers über Nacht fristlos entlassen – ein Unrecht und eine existenzielle, weil letztlich rassistische Kränkung. Es ist die Scham über diesen Hinauswurf, die sein Leben zerstört. Wort- und spurlos verlässt der Vater die Familie und verkriecht sich mit seiner Schande in Ghana. Die Scham bricht ihm buchstäblich das Herz. Er stirbt mit 57 an einem Herzinfarkt.
Damit ist die Autorin bei ihrem eigentlichen Romanthema angelangt – dem Scheitern eines vielversprechenden Integrationsprojekts am unterschwelligen amerikanischen Rassismus, dem Zerbrechen und neuerlichen Zusammenfügen einer ortlosen, globalisierten Familie. Den Anlass bietet das Begräbnis des Vaters in Ghana.
Nach jahrelanger Entfremdung und Zerstreuung kommt es in Accra und im Herkunftsdorf des Vaters zum gemeinsamen Treffen der vier Geschwister und ihrer Mutter. Dieses Treffen wühlt alle und alles auf – der Roman mündet in einen wahren Rausch multipler Beichten, Aussprachen, Entschuldigungen und tränenreicher Versöhnungen.
Allerdings: Die Familie Sai bleibt ein locker gefügter Verband von Luftwurzlern, die "nie ein Zuhause finden würden, jedenfalls kein Zuhause, das Bestand haben würde". Sich irgendwo in der westlichen Welt häuslich niederlassen zu wollen, war ein Fehler des Vaters, der nicht wiederholt werden wird.
Jetzt erklärt sich auch die hintergründige Bedeutung des Romantitels im Original: "Ghana Must Go". Damit ist nicht nur die historische Vertreibung im Winter 1983 gemeint, als die nigerianische Regierung unter dieser Parole kurzerhand zwei Millionen ghanaischer Gastarbeiter deportierte und ins Elend nach Ghana zurückschickte; Taiye Selasi macht aus dem nigerianischen Vertreibungsslogan von damals eine Metapher für die migrantische Existenz der Afrikaner im Westen – eine transitorische, nomadische Lebensweise der Nichtsesshaftigkeit, die einzig im Unterwegssein einen Halt finden kann. Ghana must go.

Sigrid Löffler in FALTER 11/2013 vom 15.03.2013 (S. 20)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Scherben - Roman (Ismet Prcic)

Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
Warenkorb anzeigen