Partygirl.
Roman

von Marlene Streeruwitz

€ 20,50
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Verlag: S. FISCHER
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 416 Seiten
Erscheinungsdatum: 21.03.2002

Urlaub in Havanna, Partys in Italien, Bars in Wien. Nichts hilft gegen die Leere im Leben Madelines. Es ist ein Leben, das um ein furchtbares und unausprechliches Geheimnis kreist.

Marlene Streeruwitz' großer Familienroman auf der Folie von E.A. Poes Erzählung "Der Untergang des Hauses Usher" reicht vom Jahr 2000 bis zurück ins 19. Jahrhundert.

Rezension aus FALTER 15/2002

Das Ende von Madeline Aschers Geschichte, soweit wir sie kennen, besteht darin, dass die mittlerweile 60-Jährige in Chicago lebt und in einer Putzerei arbeitet. Auf Seite 43 dann, auf der Madeline zusehen muss, wie ihr Bruder R(oder)ick an einem Stück Pizza erstickt, hat Marlene Streeruwitz' Roman "Partygirl." seinen gegenwartsnähesten Punkt erreicht. Vom Oktober 2000 geht es im Rückwärtsgang bis in den Juni 1950, wo die zehnjährige Madeline (sprich: "mädlin") in Baden gerade eine Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium absolviert und unter anderem eine Grammatikaufgabe lösen muss. Der zu analysierende Satz, der den Roman beschließt, lautet: "Karl, der stärkste Schüler der Klasse, war mein Beschützer."

Das Versprechen, das in einem solchen Satz liegt, hat sich in Madelines Leben allerdings nicht erfüllt. Keine Beschützer weit und breit. Auch der allem Anschein nach inzestuös begehrte Bruder entzieht sich und überlässt seine Schwester der "Obhut" einer Reihe von mitunter recht dubiosen Freunden. Wie das Geld, das die beiden Geschwister aus dem Verkauf der Badener Villa bekommen haben und das in Chicago endgültig versiegt, zirkuliert Madeline unter Ricks Bekannten. Im Wien des Jahres 1976 etwa sind die Geschwister Ascher eine szenebekannte Anlaufstelle für post-sperrstündliche Aktivitäten, aber es ist wieder Madeline allein, die sich den Zutraulich- und -dringlichkeiten zweier unterschiedlich stark abgefüllter Männer zu erwehren hat bzw. diese mit passiver Lustlosigkeit gewähren lässt.

Das Kapitel, in dem die vorgeblichen Emanzipationsgewinne von den beiden zwischen Zynismus und Larmoyanz wankenden Herren als Lizenz zum Abschleppen ausgelegt werden ("Aber das seien die 70er, klagte Seleschitz. Sie seien doch jetzt alle befreit"), gehört zu den Höhepunkten des Romans. Als weitere wären unter anderen ein über mehrere Seiten hinweg beschriebener Migräneanfall in Berlin zu nennen, die Wonnen des Schulstangelns im Badener Kurbad oder der Urlaub in Arezzo (August 1981): Die Protagonistin befindet sich in der Gesellschaft einer Partie von Wiener Schwulen, die sich an Alkohol, Koks, Beinschinken und einer sitzengebliebenen Sachertorte verlustieren. Von Madeline auf telefonische Anweisung der Mutter des Jubilars gebacken ("Und die Geburtstagssachertorte für ihren Dolfi. Die müsse mit der Hand gemacht werden. Da verlasse sie sich auf Madeline. Da verlasse sie sich auf Madeline als Frau"), wird sie von den Männern viel zu früh aus dem Ofen genommen und mit Grappa geschändet.

Diese, wenn man so will tragikomischen Momente eines leicht aus der Gemütlichkeit gekippten Alltags gehören zu den großen Leistungen des Romans. Mit quälender Genauigkeit und im mittlerweile notorischen Stakkato von Streeruwitz' Haupt- und Halbsätzen wird das, was im bloßen Vollzug des Alltags zu einem diffusen synthetischen Erlebnis verklebt, noch einmal - Schritt für Schritt, Handgriff für Handgriff - auseinander geklaubt. Mit größter analytischer Schärfe werden auch die Empfindungen und Eindrücke der Protagonistin dargestellt (der Roman wird zwar in der dritten Person, aber ausschließlich aus der Perspektive Madelines erzählt), wobei jegliche Sentimentalisierung durch einen erzählerischen Positivismus ausgetrieben wird, der der Beschreibung von Wahrnehmungen absolute Priorität einräumt.

So sehr sich "Partygirl." gegen die in Kunst und Kitsch distribuierten Bilder vom geglückten Leben wendet und den großen utopischen Würfen misstraut, so liegt gerade in der Insistenz, mit der Körperempfindungen in die Sprache geholt werden, ein utopisches Moment: Die Besinnung auf die Schmerz- und Glücksempfindlichkeiten, die allen Menschen gemeinsam sind, wäre eine Basis für ein befriedetes Dasein. Der fundamentale politische Ansatz der Literatur von Marlene Streeruwitz besteht darin, alles radikal auf das eigene, gebeutelte Ich zu beziehen. Ein Mensch, der wirklich auf die eigene Erfahrung zurückgriffe, könnte so kaum zum Täter werden - zu genau "weiß" er, was es bedeutet, Opfer zu sein. Von dieser Utopie eines körperlichen Kommunitarismus handelt auch der Roman, indem er eine sehr greifbare Ahnung davon vermittelt, wie schön es ist oder sein könnte, im Schwefelbecken zu treiben oder keine kratzigen Strumpfhosen tragen zu müssen.

Klaus Nüchtern in FALTER 15/2002 vom 12.04.2002 (S. 55)


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