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Übersetzung: Swetlana Geier
Verlag: S. FISCHER
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Romanhafte Biografien
Umfang: 336 Seiten
Erscheinungsdatum: 13.05.2009

Rezension aus FALTER 11/2009

Ein gerader Rauch bei minus 37 Grad

Das Pseudonym, unter dem "Das Verfahren läuft", eine düstere Groteske über den Spätstalinismus, Anfang der 1960er-Jahre in Paris erschien, war schon Provokation genug. Als Abram Terz, der Taschendieb aus Odessa, den man in der ganzen Sowjetunion aus einem Chanson kannte, überdies noch das Pamphlet "Was ist Sozialistischer Realismus?" publizierte, war es mit der Geduld der Behörden zu Ende: Der tatsächliche Verfasser der beiden Werke, der Moskauer Literaturwissenschaftler und Kritiker Andrej Sinjawskij (1925–1997), war rasch ermittelt.

Die Anklage lautet auf "antisowjetische Tätigkeit", das Urteil: sieben Jahre verschärftes Arbeitslager. Weltweite Proteste von Schriftstellern blieben ebenso wirkungslos wie das Engagement rarer Sowjetdissidenten; Michail Scholochow hingegen, der sowjetische Literaturnobelpreisträger des Jahres 1965, forderte Sinjawskijs Erschießung.
"Ich werde ohne Umschweife sprechen, denn das Leben ist kurz." Der rigorose Beginn des Lagerbuches "Eine Stimme im Chor" legt – auch wenn nicht (mehr) die üblichen Horrorgeschichten der Stalinzeit über Hunger, Folter und Tod erzählt werden – keine falsche Fährte. Im Lager ist ganz Russland. Aus hunderten von Fragmenten, einzelnen Sätzen und kurzen Essays entwirft Sinjawskij ein Bild des Landes als Mittelpunkt der Welt, die Kategorien Geschichte und Geografie werden ausgesetzt, innen und außen verschwimmen ineinander. Zusammengestellt aus Passagen der bis zu 50 Seiten langen Briefe, die der Autor während der Haft zweimal pro Monat an seine Frau schrieb, wird jegliche Privatheit kategorisch vermieden. Einzige Ausnahme auf 300 Seiten: "Ich will einfach das Blatt Papier berühren, das Du in der Hand halten wirst."

Weder die Insassen des mordowischen Lagers noch die Arbeit in einem Sägewerk werden beschrieben: Keine Person trägt einen Namen, stattdessen gibt es einen vielstimmigen Chor der Häftlinge und ihrer Aussagen, alles wird indirekt dargestellt. Einmal hört der Erzähler den Satz "Bei uns gibt es sechs Mörderzellen", ein andermal: "Ob mein Mut dazu langt, diese Katze im Ofen zu verbrennen?" Oder: "Kirjucha sagt: Lass uns hingehen und zugucken, die wollen da einen abstechen."
Neben normalen Schwerverbrechern finden sich angebliche Kollaborateure mit den deutschen Besatzern aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, Balten und Tschetschenen. Über einen derartigen "Fünfundzwanzigjährigen" heißt es sarkastisch: "Er hat fünfundzwanzig Jahre bekommen und liest Jahr für Jahr die Zeitschrift Gesundheit". Schließlich gibt es da noch die Diebe mit ihrem höchst paradoxen Ehrenkodex, nach dem ein "nasses Geschäft" (Mord) unumwunden abgelehnt wird: "Er starb in Ehre – er starb als Dieb."
Den eigentümlichen Komplexionen der russischen Seele kommt man bei der Reaktion eines alten Häftlings auf die Spur, als der auf die Frage, warum er über den Tod des Lagerleiters weine, "unendlich bekümmert, aber immer noch lächelnd" antwortet: "Ist doch klar! Seine Seele kommt direkt in die Hölle!"

Was mitunter als Romantisierung von Lagersprache und -folklore erscheint, stellt sich bald als eine archaischen Regeln folgende Welt des Sakralen dar. Sinjawskij spürt den kulturgeschichtlichen Verästelungen orthodoxer Sekten und Häresien nach, sein besonderes Interesse gilt den Ekstatikern aller denkbaren religiösen Provenienz (die sowjetische Christenverfolgung erreichte ihren zahlenmäßigen Höhepunkt unter Chruschtschow in den 1960er-Jahren). Einem Häftling, der davon träumt, ein Gedicht zu schreiben, "nach dessen Lektüre die Menschen in Ohnmacht fallen und als Sehende wieder aufstehen", attestiert er, er suche nach nichts anderem als dem Stein der Weisen.
Mehrfach trifft Sinjawskij auf die zeitgemäße Form des "Narren in Christo": "Alle Bomben, die Atombombe und die Wasserstoffbombe, sollen sie auf mich allein werfen!" Als er einmal zufällig das Gebet einer Gruppe von Adventisten hört, wird ihm auf höchst unheimliche Weise der religiöse "Sinn" des ganzen Lagerlebens klar: "Nachts hörte er einen Chor von Stimmen – vielleicht Erdgeister, vielleicht die unzähligen über die Erde verstreuten Völker und Stämme – und plötzlich fühlte er, während er zuhörte, dass er auf der Stelle den Verstand verlöre, würde er auch nur ein einziges Wort aus diesem Chor verstehen." Über einen dieser Betenden erfährt man später: "Ihm träumte, seine Zunge ginge im Mund in Flammen auf, und am selben Tag fing er an, beim Beten in Zungen zu reden, zum ersten Mal nach der empfangenen Taufe durch den Geist."

Andrej Sinjawskij ist nicht nur als Lagerhäftling aufgeklärt genug, in derartigen Phänomenen die Grenzen der Aufklärung zu erkennen – als Literaturwissenschaftler erkennt er die Nähe zu einem Avantgardeautor wie Welimir Chlebnikow oder zum ukrainischen Klassiker Taras Schewtschenko: "Der Wahn weist ihn auf den Weg zu den eigenen dunklen Quellen, wo die Freiheit an schaudern machendes, uraltes Schamanentum und Magie grenzt. (…) Es ist nicht ausgeschlossen, dass das Volk (die Folklore) der Ukraine mit den Urströmen und Bildern des Unterbewussten inniger verbunden ist als wir."
"Wir" – das sind die Russen. Kein Wunder, dass in den höchst organisch sich einfügenden Porträts von Sinjawskijs Lieblingsautoren nur wenig Bestand hat: Defoe und Swift, die Helden seiner Kindheitslektüre, Puschkin und Gogol (über jeden schreibt er während der Haft ein Buch) sowie Isaak Babel und Ossip Mandelstam. Ein bürgerlicher Schriftsteller wie Anton Tschechow erscheint aus dem Blickwinkel des Lagers als dekadent.
Unter den zahlreichen Anläufen zur Charakterisierung Russlands anhand von Volkskultur, Märchen und Mythen findet sich schließlich folgender Vergleich: "Und dann die Empfindung, dass der Baumreichtum des altrussischen Reiches eine Beziehung zum Volksgeist und zum Charakter unserer Geschichte hat, in Farbe und Beschaffenheit – die Verbindung von eckig und rund, warme körperliche Stofflichkeit, allerdings bis aufs kahle Feld niederbrennend, und wieder nachwachsend wie Gras; verglichen mit dem Stein des europäischen Mittelalters rückt unser holzgezimmertes Altertum in die Nähe des lebendigen Leibes, ist formlos und weniger zuverlässig, schlecht erhalten, nie ums Bewahren besorgt, voller Lücken."

Zentrum dieses hölzernen Russland ist für Sinjawskij die Buchweizengrütze: "Unser Essen, holzhaft, die Kascha, die man nicht verderben kann, die alles aufnimmt, alles aufsaugt, Finnen, Griechen, Tataren, Waräger, französischer Argot, Petersburg zergehen darin wie ein Klumpen Butter." Vermutlich handelt es sich hierbei um die freundlichste je gefundene Formel für Slawophilentum. Den Westen charakterisiert ein Häftling hingegen folgendermaßen: "Westliche Kultur – das ist, wenn man den Rotz in der Tasche trägt. Da schneuzt du dich in ein Tuch und trägst es mit dir herum."
Natürlich rührt der Vergleich von den klimatischen Bedingungen des Lagerlebens – knappe Landschaftsbeschreibungen verleihen dem Buch einen konkreten Ort und die Klarheit der Form. "Gestern nahm der Frost zu, wir haben fast minus siebenunddreißig Grad und die Rauchsäulen – übernatürlich, wie auf einer Kinderzeichnung – ragen senkrecht in den purpurroten Himmel und blieben stundenlang stehen, ohne zu zerfließen."
"Eine Stimme im Chor" ist ob des Reichtums an Gedanken mit Canettis Aphorismen, in formaler Hinsicht mit Kafkas Tagebüchern vergleichbar – die kürzeste Charakteristik gab Andrej Sinjawskij selbst: "Er hat Briefe geschrieben wie Anträge auf Filzstiefel. Am laufenden Band."

Erich Klein in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 17)


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