Kafka
Die frühen Jahre

von Reiner Stach

€ 35,00
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Verlag: S. FISCHER
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Kunst, Literatur/Biographien, Autobiographien
Umfang: 608 Seiten
Erscheinungsdatum: 25.09.2014


Rezension aus FALTER 41/2014

"Zwangsneurotiker gibt es viele"

Reiner Stach schließt seine dreibändige Kafka-Biografie mit dem Fundament ab: "Die frühen Jahre"

Jeder Langstreckenlauf geht irgendwann zu Ende. Bleibt man bei dem Bild, so darf man Reiner Stach eine hervorragende Kondition attestieren. Nach einem Dutzend und noch einem halben Dutzend Jahren, in denen er immer drangeblieben ist, hat er seine große Biografie von Franz Kafka (1883–1924) nun über die Ziellinie gebracht.

Falter: Was empfinden Sie nach Beendigung des Mammutwerks?
Reiner Stach: Im ersten Moment glaubt man nicht, dass man es hinter sich hat. Am Tag nach Vollendung des Manuskripts saß ich pünktlich am Schreibtisch, ohne genau sagen zu können, warum. Aber jetzt überwiegt die Erleichterung.

Wie gelingt es, über so lange Zeit nicht das Interesse am Gegenstand zu verlieren?
Stach: Es ist ja nicht ein Gegenstand, sondern eine ganze Lebenswelt, auf die ich mich eingelassen habe. Ich habe mich zum Beispiel ein Jahr lang ausführlich mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigt. Mit Theatergeschichte. Oder mit der Psychoanalyse.

Sie reichen nach "Die Jahre der Entscheidungen" und "Die Jahre der Erkenntnis" den Band über die frühen Jahre Kafkas nach. Warum in der Reihenfolge?
Stach: Der Grund war meine Hoffnung, den bislang durch Gerichtsstreitigkeiten verschlossenen Nachlass von Max Brod noch einsehen zu können und dort Material über die jungen Jahre Kafkas zu finden. Das hatte leider keinen Erfolg. Manche haben mir zu Beginn meiner Arbeit vor 18 Jahren prophezeit, dass dieses Vorgehen nicht funktionieren kann – so, wie wenn man ein Haus baut und die Fundamente als Letztes legt. Aber es ging doch auf. Ich musste einfach sehr langfristig planen.

Sie erwähnten Max Brod, den Freund und Nachlassverwalter Kafkas. Wie lernten die beiden sich kennen?
Stach: Es gab unter den Studenten eine Art Kulturverein, die "Lese- und Redehalle der deutschen Studenten". Kafka war schon ein Jahr lang Mitglied, als plötzlich der sehr agile und wortgewandte Max Brod auftauchte. Eines Abends gab es eine Auseinandersetzung, weil Brod sich sehr scharf gegen Nietzsche äußerte. Kafka war zu dieser Zeit ein großer Bewunderer Nietzsches, und er war so erregt, dass er seine Scheu überwunden und diesen fremden Jüngling offenbar zurechtgewiesen hat. Dadurch sind die beiden ins Gespräch gekommen.

Welche Rolle spielte Brod für Kafka?
Stach: Brod war für Kafka eine Art Vermittler zum realen Leben. Er hat immer wieder versucht, Kafka in Kontakt zu bringen mit Literaten, mit Verlegern, mit der Prager Szene der Künstler und Musiker. Er hat ihn in Kaffeehäuser mitgeschleppt oder in Weinstuben. Brod hat dafür gesorgt, dass Kafka aus seiner Höhle rauskommt. Außerdem war bedeutsam, dass Brod ein sehr geduldiger Mensch war. Er beklagte sich immer wieder, dass Kafka so negativ sei. Er versuchte, Kafka seine Depressionen auszureden. Brod war viel pragmatischer und optimistischer. Das war für Kafka eine wohltätige Korrektur.

Von der atmosphärisch dichten Beschreibung von Szenerien und Milieus zoomen Sie in Ihrem Buch langsam auf die Figur Kafka. Sie zeichnen das kulturelle, politische, soziale Umfeld von Prag um die Jahrhundertwende detailgenau nach. Zugleich dringen Sie sehr tief, fast wie ein Analytiker, ins familiäre Beziehungsgeflecht ein.
Stach: Ja, und mein Problem als Biograf war es zu zeigen, wie er diese Konstellation bewältigt hat und wie er damit umging. Es genügt ja nicht zu sagen, Kafka war Neurotiker, Kafka hat unter dem Ödipuskomplex gelitten, oder Kafka war das typische einsame Kind. Man muss vielmehr zeigen, wie aus dem geknechteten oder einsamen Kind diese Superbegabung Franz Kafka wurde. Zwangsneurotiker gibt es viele.

Und wie wurde aus dem Kind die Superbegabung?
Stach: Kafka hat schon sehr früh eine Art Defensivsystem entwickelt. Wenn man einen bedrohlichen und unberechenbaren Vater hat, kann man sich teilweise schützen, indem man lernt, diesen Vater genau zu beobachten – seine Gesten, seine Worte, seine Blickrichtung. Dieses Beobachten ist nichts anderes als die Keimzelle von Empathie. Diese außerordentliche Empathie, die Kafka später auch ganz fremden Menschen gegenüber gezeigt hat und die sich in den Texten und Tagebüchern niederschlägt, hat er sich als Kind angeeignet. Kafka hat ein außerordentlich differenziertes Verteidigungssystem entwickelt.

Können Sie ein Beispiel dafür nennen?
Stach: Wenn er als Erwachsener gekränkt oder scharf kritisiert wurde – und er war gegen Kritik außerordentlich empfindlich –, dann setzte er sich dadurch zur Wehr, dass er sagte: Ihr habt völlig recht mit eurer Kritik, aber eure Kritik ist noch viel zu lau im Vergleich zu dem, wie ich mich selbst aburteile. Das ist eine raffinierte Strategie, wie man den Angriffen von außen die Spitze abbrechen kann. Allerdings kostet das auch einen Preis: Er agierte oft wie hinter einer Glasscheibe.

Was sich insbesondere in seinen Beziehungen zu Frauen zeigt.
Stach: Ja, die litten natürlich besonders darunter, weil sie zunächst einmal den Eindruck hatten von einem Mann, der ganz ungemein empathisch reagiert hat. Kafka hatte eine starke Wirkung auf Frauen, sehr wahrscheinlich nicht wegen seines Aussehens, sondern wegen seiner Zugewandtheit. Der konnte zuhören. Wenn allerdings Gegenfragen gestellt wurden, kam von ihm nicht sehr viel zurück.

Ulrich Rüdenauer in FALTER 41/2014 vom 10.10.2014 (S. 19)


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