Das Spiel des Engels

von Carlos Ruiz Zafón, Peter Schwaar

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: S. Fischer
Erscheinungsdatum: 01.11.2008

Rezension aus FALTER 52/2008

Im Schatten des Windes treibt der Engel sein Spiel

In Zeiten des globalen Erstaunens darüber, wie viel Geld Banker in den Sand setzen können, sollte man absurde Summen eigentlich gewohnt sein. Dennoch verwundert es, wie tief der S. Fischer Verlag in die Tasche griff, um sich die Rechte für die deutsche Ausgabe von "El Juego del Angel" des spanischen Erfolgsautors Carlos Ruiz Zafón zu sichern. Waren es nun drei Millionen Euro, wie der Verlag einräumte? Oder doch fünf, wie der Spiegel vermutete?

Der Marketingaufwand ist jedenfalls gewaltig. Seit mehreren Wochen wird das gute Stück in Buchhandlungen prominent und mit allerlei Werbefirlefanz im kollektiven Gedächtnis verankert. Schon die Präsentation im Gran Teatre del Liceu, der Oper von Barcelona, geriet zu einer effektprallen Show, bei der deutschen im Babylon-Kino von Berlin wurden immerhin 15 Euro Eintritt kassiert. Und der Trailer (siehe YouTube!) lässt gar den Verdacht aufkommen, es könnte sich um ein aus den Fugen geratenes Drehbuch handeln.
Wer's gern üppig hat, ist bei Ruiz Zafón gut aufgehoben. Und mit 720 Seiten ist "Das Spiel des Engels" dick genug, um auch unterm Baum was herzugeben. DVDs gibt's noch keine, aber die von feuchten Nebelschleiern umflorte Prosa kommt dem Unterfangen einer Verfilmung durchaus entgegen.
Zafón ist seiner barock-schwülstigen Sprache treu geblieben, die mitunter einer gewissen (vermutlich unfreiwilligen) Komik nicht entbehrt. Sie lässt Laub wie Schlangen zischen, Augen an einen schakalisch grinsenden Harlekin gemahnen und Atem nach fauligem Fleisch und Feuer stinken.
Auch Charaktere wie schrullige Buchhändler, die mindestens so verstaubt sind wie ihre Ware, sowie Showdown-taugliche Szenen, in denen Bösewichte mit Petroleumlampen kollidieren, sind absolut filmtauglich. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass Ruiz Zafón bereits den Spitznamen "der spanische Harry Potter" trägt.

Mit "Das Spiel des Engels" knüpft Zafón an seinen ersten Erfolg, "Der Schatten des Windes" ("La sombra del viento") an. Er ist das Prequel zu dem 2001 im Original erschienen Roman. Auffälligste Gemeinsamkeit ist die "Bibliothek der vergessenen Bücher", in die es den Nachwuchsschriftsteller und -journalisten David Martín im Barcelona der 1920er-Jahre ebenso verschlägt wie seinen Vorgänger bzw. Nachfolger.
Von einer tödlichen Krankheit gezeichnet lässt sich David willfährig von Andreas Corelli, einem mysteriösen Verleger mit stechendem Wolfsblick, ein verdächtiges Angebot unterbreiten. Als ihn diese mephistophelische Gestalt über Nacht von seinem Gehirntumor befreit, beginnt ein faustisches Abenteuer, das verschiedenste Handlungsstränge und Erzählebenen vereint. Es ist eine Fantasy­story ebenso wie ein Großstadtroman (Anleihen beim schnoddrigen Altmeister Eduardo Mendoza sind nicht zu übersehen), eine (selbstverständlich tragische) Liebesgeschichte genauso wie ein Actionthriller. Würde der Autor noch immer in Barcelona und nicht in den USA leben, könnte man sogar einen Schlüsselroman vermuten.
David reüssiert literarisch nur dann, wenn er unter einem Pseudonym schreibt oder einen Roman seines väterlichen Freundes so zurechtredigiert, dass von dessen Manuskript nichts übrigbleibt. Sobald er aber unter eigenem Namen publiziert, hagelt es Verrisse, weil die Neidgesellschaft der katalanischen Journalistenszene einen Emporkömmling aus den eigenen Reihen nicht duldet.
Die horrend gut bezahlte Herausforderung besteht nun darin, für Corelli einen Lebens- und Moralkodex, eine Art neue Heilige Schrift zu schreiben. Leider reißt Ruiz Zafón im Umfeld sehr viele Themen an, ohne sie je schlüssig aufzulösen. Über das revolutionäre Werk erfährt man nur Schemenhaftes. Der charmant boshafte Corelli treibt mit seinem Opfer jedenfalls ein teuflisches Spiel, das – mit anderen Figuren – schon einmal in einer Tragödie endete, wie David nach und nach bewusst wird.

So verworren die Handlung ist, so simpel fällt der Schlussgag nach mörderischen Jagden und dem Dahinscheiden fast aller Hauptfiguren aus.
Auch recht, denn das Buch lebt nun mal von seiner Sprache. Gleich zu Beginn lässt Ruiz Zafón den Mentor seines Helden verkünden: "Verschwenderisch gebrauchte Adjektive und Adverbien sind etwas für Perverse und Leute mit Vitaminmangel." So gesehen ist "Das Spiel des Engels" genau das Richtige für Weihnachten und einen strengen Winter: so etwas wie literarisches Supradyn.

Edgar Schütz in FALTER 52/2008 vom 26.12.2008 (S. 35)


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