Darwins Jim Knopf

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Verlag: S. FISCHER
Genre: Naturwissenschaften
Erscheinungsdatum: 09.09.2009

Rezension aus FALTER 42/2009

Rauchende Schlote und Halbdrachen

Darwin-Jahr: Julia Voss liest "Jim Knopf" als Gegenmythos zu Rassenwahn und Evolutionstheorie

Als Jim, Lukas und die Lokomotive Emma in den Tunnel einfahren, quellen daraus schwarze Rauchschwaden. Über dem Eingang prangt die Warnung: "!Achtung! Der Eintritt ist nicht reinrassigen Drachen bei Todesstrafe verboten." Der Schutzumschlag von Julia Voss' "Darwins Jim Knopf" zeigt genau dieses Bild aus Michael Endes erstem Kinderbuch, das 1960 erschien, 15 Jahre nach dem Niedergang des Nationalsozialismus. Man fragt sich, wieso beinahe ein halbes Jahrhundert vergehen musste, bis jemand entdeckt hat, dass Ende mit "Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer" einen Gegenmythos zur NS-Ideologie schaffen wollte.
Deswegen wirkt es nur mehr bizarr, dass man Ende damals "Fluchtliteratur" vorwarf. Die Kritiker und auch Millionen Leser übersahen angesichts des märchenhaften Personals die prominent platzierten Hinweise auf Rassenwahn und die rauchenden Schlote von Auschwitz. Wobei Voss zunächst auffiel, dass Jim Knopf natürlich Jemmy Button ist. So nannten die englischen Seeleute jenen Jungen, den sie 1830 aus Feuerland entführten. Nach einem Jahr in England brachte die Beagle Jemmy wieder nach Südamerika zurück. Mit an Bord war der junge Charles Darwin, der gerade seine Weltreise antrat.

Endes Jim Knopf wird per Paket auf die Insel Lummerland verschickt. Voss erkennt darin ein auf das Wesentliche reduziertes England des 19. Jahrhunderts, mit Bahnlinie, Kauffrau und König. Für ihn war Darwin ein Apostel, der das Recht der Stärkeren in Form der "natürlichen Auslese" verkündete, die zum Rassismus führen musste. Dass Ende Darwin damit auch missverstanden hat, hängt mit der Darwin-Rezeption in Deutschland zusammen, die auf den "struggle for life" abhob, dessen deutsche Übersetzung "Kampf ums Dasein" zu martialisch ausfiel.
Die Nazis destillierten daraus ihre pseudowissenschaftliche "Rassenkunde", die deutschen Kindern zwischen 1933 und 1945 in der Schule eingetrichtert wurde. Dort saß damals auch Michael Ende, Jahrgang 1929, Sohn eines surrealistischen Malers, der in der NS-Zeit Malverbot erhielt. Ende entwickelte ein sehr genaues Gespür dafür, wie die Nazis mit einer kruden Mischung aus uminterpretiertem Darwinismus und germanischer Mythologie die Köpfe der Kleinen zu indoktrinieren suchten. So feierten etwa Siegfried und die Nibelungen Urstände in den Kinderbüchern der NS-Zeit.
Ende macht aus den ehemals heldenhaften Drachentötern bösartige Drachen, allen voran die Lehrerin Frau Mahlzahn, die in der Schule von Kummerland die Kinder terrorisiert. Seine Helden überwinden Frau Mahlzahn, töten sie aber nicht, sondern führen sie gefesselt ab. Es sind die Mischwesen wie der Halbdrache Nepomuk, die triumphieren, und der farbige Junge Jim Knopf entpuppt sich als Königssohn. Sein Reich Jimbala ist nichts anderes als Atlantis. Dieser sagenumwobene Kontinent, für die Nazis mythischer Ursprungsort der arischen Rasse, wird hier schlichtweg umkodiert. "Nicht die blonden, stahlharten Menschen mit dem reinen Blut bewohnen das aufgetauchte Inselreich, sondern Kinder und Vögel."

Endes Gegenwelt ist tolerant und vielfältig. Misstrauisch gegenüber vermeintlich unwandelbaren Naturgesetzen, wandte er sich der Anthroposophie Rudolf Steiners zu. Dabei war er weniger weit weg vom Naturforscher Darwin, als er selbst wahrnahm. Für Voss ist es kein Zufall, dass schon im 19. Jahrhundert die Evolutionstheorie bei Kindern, anders als bei den sich streitenden Erwachsenen, sehr schnell Erfolg hatte. Die Abenteuer der Steinzeitmenschen, grölende Mammuts und riesenhafte Dinosaurier begeisterten die Kleinen. Vor allem aber die von Darwin postulierte Wandelbarkeit der Spezies ließ sich bestens mit Märchen, mit Zauber und Verwandlung verknüpfen.
"Darwins Jim Knopf" merkt man an, dass es etwas hurtig geschrieben ist, an sich handelt es sich dabei um einen längeren Essay. An den originellen Einsichten ändert dies nichts und auch nicht daran, dass Julia Voss mit dem schmalen Band einen würdigen und originellen Beitrag zum Darwin-Jahr abgeliefert hat.

Oliver Hochadel in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 49)


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