Fang den Hasen

Roman
€ 22.7
Lieferung in 2-7 Werktagen
-
+
Kurzbeschreibung des Verlags:

»Eine europäische Literatur, [die] vollbringt, was hervorragende Literatur vollbringen sollte – uns hoffen lassen, dass sich Wunder erfüllen. Lana Bastašićs Geschichten müssen erzählt werden.« Saša Stanišić
Als junge Mädchen waren sie unzertrennlich, obwohl sie gegensätzlicher nicht sein könnten: Lejla, die Schamlose, Unbändige. Sara, die besonnene Tochter des Polizeichefs. Eine zwiespältige Nähe aus Befremden und Anziehung. Eine außergewöhnliche Freundschaft, die plötzlich zerfiel wie das Land, in dem sie aufwuchsen. 12 Jahre ist es her, als Sara Bosnien verließ, um an einem besseren Ort ein neues Leben zu beginnen. 12 Jahre absoluter Funkstille, als ein Anruf sie in die verlorene Heimat zurückbringt. Die Rückkehr wird kein harmloses Wiedersehen zweier Kindheitsfreundinnen. Mit einer fesselnden Sprache zwischen rebellischem Trotz und beißender Komik erzählt Bosniens aufregender Literatur-Shootingstar Lana Bastašić in »Fang den Hasen« von einer außergewöhnlichen Freundschaft in den Wirren der jugoslawischen Geschichte – ausgezeichnet mit dem Literaturpreis der Europäischen Union 2020.

weiterlesen
FALTER-Rezension

Mit Dürers Hasen von Mostar nach Wien

Der Text beginnt mit einem Halbsatz: „von vorne anfangen“. Die Erklärung, die sodann folgt – „Du hast jemanden, und dann hast du ihn nicht mehr. Und das ist ungefähr die ganze Geschichte“ – mag die Essenz des Romans beschreiben. Aber damit muss man sich nicht zufriedengeben. Denn die fulminante Geschichte, die die bosnische Schriftstellerin Lana Bastašić, Jahrgang 1986, auf den folgenden 336 Seiten erzählt, weist einige Ebenen mehr auf.Die Rahmenhandlung bildet ein Roadtrip zweier Freundinnen in einem Opel Astra von Mostar im Süden Bosnien-Herzegowinas nach Wien. Beide sind sie in Banja Luka, einer Stadt im Norden des Landes, aufgewachsen. Sara, die Erzählerin, lebt seit Jahren in Irland, Lejla ist in Bosnien-Herzegowina geblieben.

Es ist kein freudiges Wiedersehen. „Du musst mich so bald wie möglich abholen kommen. Ich muss nach Wien und diese Affen hier haben mir den Führerschein abgenommen, und keiner versteht, dass ich …“, erklärt Lejla am Telefon, als sie die Freundin nach vielen Jahren das erste Mal wieder kontaktiert. Sara, die gerade in Dublin unterwegs ist, versucht die Bitte abzuwehren, doch dann fällt der entscheidende Satz: „Sara, Armin ist in Wien.“ Sara packt ihre Sachen.

Da sind sie nun, zwei ungleiche Frauen mit einem schweren Rucksack an Geschichten, Erinnerungen, Vorwürfen und Missverständnissen, den sie niemals ablegen konnten. Gleichermaßen einander zugeneigt und voneinander abgestoßen, fügen sie sich auf der Fahrt Verletzungen zu, wo sie nur können, versuchen, die vermeintliche Macht der jeweils anderen zu brechen. Aus Sicht der Erzählerin scheint Lejla die Stärkere zu sein; die, die sich nicht unterkriegen lässt, die, die ihr einfach ins Lenkrad greift, was beinahe zu einem schweren Unfall führt – nur weil Lejla auf die Toilette muss und Sara nicht gleich stehenbleiben will.

Doch der Erzählerin ist nicht zu trauen. Überwältigt und begraben unter all den Geschichten aus ihrer und Lejlas gemeinsamer Vergangenheit fährt sie durch ein Land, dem sie niemals entkommen wird, egal wie weit sie fortzieht. Für diese unheimliche Verbundenheit steht im Roman die Dunkelheit am Tag. Die Uhr im Auto zeigt 15 Uhr, doch draußen ist es schon finster. Sara schimpft über die kaputte Anzeige, Lejla macht sich über Sara lustig. Doch dann: „‚Welcome back‘, sagte Lejla leise. Sie verstand mein Entsetzen. […] Wahrscheinlich begriff sie, dass ich tatsächlich verloren war, dass ich mich nicht verstellte. Ich hatte alles vergessen: sie und Armin, Bosnien. Diese Finsternis.“ An anderer Stelle heißt es: „Mindestens eine halbe Stunde fuhr ich durch Slowenien, bevor mir bewusst wurde, dass Bosnien schon seit langem hinter uns lag. Vielleicht, weil ich es immer noch zwischen uns spürte, als wären wir durch Kohle und abgebranntes Land gefahren. […] Wir sind immer in Bosnien.“

Der Fluchtpunkt der Handlung ist das in Aussicht gestellte Wiedersehen mit Armin, Lej­las Bruder, in den Sara heimlich verliebt war, und der plötzlich verschwand, als „es“ begann – der Krieg, der in Bosnien-Herzegowina im März 1992 ausbrach, in dem 100.000 Menschen getötet und zwei Millionen Menschen vertrieben wurden. Mit Zahlen, Daten und historischer Fakten indes hält sich die Autorin nicht auf. Bastašić gelingt es, mit vagen Andeutungen und eindrucksvollen Bildern Europas größte Katastrophe nach dem Zweiten Weltkrieg begreifbar zu machen, ohne das Wort Krieg überhaupt zu verwenden.

Banja Luka, die Heimat der beiden jungen Frauen, wurde zu dieser Zeit zu einer Bastion des serbischen Nationalismus. Lejla und Sara gingen gemeinsam in die Schule. „Der Tod kommt zuerst schleichend, dann plötzlich und unerwartet. Am Anfang starben die Hunde, einer nach dem anderen.“ Wer tatsächlich Schuld hat am Tod der Hunde bleibt ungeklärt, doch deren Besitzer haben keinen Zweifel, dass es das „Ungeziefer“ gewesen sei, wie sie ihre bosniakischen bzw. muslimischen Nachbarn mittlerweile nennen.

Die Hunde sind nun nicht mehr nur Hunde, sondern „serbische“ Hunde, ihr Tod stellt einen Angriff auf das Serbentum dar. Man stellt sich orthodoxe Kreuze in den Garten und lässt sich religiöse Motive auf die Arme tätowieren. Der Vater schleppt Sara – die Familie begreift sich nun ebenfalls als serbisch – in die Kirche, um sie taufen zu lassen, die Mutter versucht, eine andere Freundin für ihre Tochter zu finden, eine, die nicht muslimisch ist so wie Lejla.

Lejla wiederum wird plötzlich ein neuer Name verpasst. Aus Lejla Begi wird Lela Beri: Das fehlende „j“ und das „r“ statt des „g“ machen aus dem bosniakischen einen serbisch klingenden Namen. Es ist eine Frage von Leben oder Tod.

Es geht in „Fang den Hasen“ aber nicht nur um eine traumatische Kindheit im Krieg, sondern auch um Szenen einer Jahrzehnte währenden Freundschaft, um Saras Leben in Dublin, um deren Beziehung zu ihren Eltern und um ein erschreckendes Wiedersehen in Banja Luka. Das Motiv des Hasen aus dem Titel kehrt immer wieder, etwa als Armin als kleiner Bub im Museum so nahe an Dürers Hasen herantritt, dass der Alarm anschlägt.

„Fang den Hasen“ ist ein grandioser Roman, dessen sprachliche Vielschichtigkeit auch in der deutschen Übersetzung spürbar wird. Dabei hilft auch ein Glossar, das von „Džezva (Metallgefäß mit langem Stiel zur Zubereitung von bosnischem Kaffee)“ bis „Zeljanica: eine Sorte Pita (mit Spinat gefüllte Teigblätter)“ einiges erklärt.

Es ist eine Geschichte, die nach dem letzten Halbsatz dazu animiert, das Buch sofort wieder auf der ersten Seite aufzuschlagen.

Stefanie Panzenböck in Falter 11/2021 vom 19.03.2021 (S. 23)

weiterlesen
Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783103970326
Ausgabe 3. Auflage
Erscheinungsdatum 10.03.2021
Umfang 336 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag S. FISCHER
Übersetzung Rebekka Zeinzinger
Diese Produkte könnten Sie auch interessieren:
Max Haushofer, Martin Otter, Martin Otter
€ 29,90
Raoul Sternberg
€ 20,50
Henryk Berkowitz, Michael Farin, Hans Schmid
€ 27,80
Will Berthold, Michael Farin
€ 39,10
Bernd Mattheus
€ 15,50
Paul Gurk
€ 26,00
Una Chi, Barbara Kleiner
€ 18,50
Pierre Loti, Asma Semler, Michael Farin
€ 28,80