Zukunftsmusik

Roman
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Kurzbeschreibung des Verlags:


Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2022
Die Geschichte eines Aufbruchs: In der sibirischen Weite, tausende Werst östlich von Moskau, leben in einer Kommunalka auf engstem Raum Großmutter, Mutter, Tochter und Enkelin unter dem bröckelnden Putz einer vergangenen Zeit. Es ist der 11. März 1985, Beginn einer Zeitenwende, von der noch niemand etwas ahnt. Alle gehen ihrem Alltag nach. Der Ingenieur von nebenan versucht, sein Leben in Kästchen zu sortieren, Warwara hilft einem Kind auf die Welt, Maria träumt von der Liebe, Janka will am Abend in der Küche singen. 
»Zukunftsmusik« ist ein großer Roman über vier Leben am Wendepunkt, über eine untergegangene Welt, die bis heute nachwirkt, über die Absurdität des Daseins und die große Frage des Hier und Jetzt: Was tun?

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FALTER-Rezension

Ein Tag im Leben von Kroschka & Co

Nach der Oktoberrevolution und dem Ende des Bürgerkriegs war der Wohnraumbedarf in den großen Städten der jungen Sowjetunion groß. Also verwandelte man die oftmals stattlichen Altbauwohnungen der enteigneten Bourgeoisie in Kommunalkas. Solche Gemeinschaftswohnungen beherbergten zuweilen mehr als 50 Menschen. Herrschaftliche Räumlichkeiten wurden durch Trennwände zu Zimmerchen zurechtgestutzt. Bad, Klo und Küche mussten sich die einquartierten Bewohner und Familien teilen.

Noch bis zum Ende der Sowjetunion und darüber hinaus gab es diese Kommunalkas, in denen – wie der Historiker Karl Schlögel einmal schrieb – der Ausnahmezustand zum Alltag geworden war. Etliche sowjetische Romane und Kinofilme haben sich die Kommunalwohnungen als Szenerie erwählt; der Literaturnobelpreisträger Joseph Brodsky schrieb über seine Jugend in einer Leningrader Gemeinschaftsunterkunft, und der Künstler Ilja Kabakow widmete ihr eine monumentale Installation.

In einem solchen Laboratorium sozialen Verhaltens spielt auch der neue, vierte Roman der 1971 in Moskau geborenen und in Berlin lebenden Autorin Katerina Poladjan. Wir schreiben das Jahr 1985 und befinden uns irgendwo tausende Kilometer östlich der Hauptstadt. Eine Glühbirnenfabrik gibt es dort, ein Institut, das sich mit Fragen der Schwerkraft beschäftigt, ein Krankenhaus und ein Museum für Natur- und Völkerkunde. Die Bewohnerinnen und Bewohner der Kommunalka, die uns Poladjan nach und nach vorstellt, arbeiten an diesen Orten – aber die zentrale Bühne bildet die Gemeinschaftswohnung, in der sich die alltäglichen Dramen abspielen: Wie lange blockiert jemand das Bad? Ist der nachbarliche Küchentisch größer als der eigene? Und wie nur verheimlicht man unter diesen Umstände eine Affäre?

Hinter diesen Fragen verbirgt sich jene nach dem persönlichen Glück unter den gegebenen Verhältnissen. Findet man lediglich in Tagträumen Zuflucht, um das Leben dann letztendlich zu akzeptieren, so wie es ist? Poladjan exerziert diese existenzielle Dimension anhand ihrer Figuren durch. Da sind etwa Warwara, Maria, Janka und Kroschka; Urgroßmutter, Großmutter, Tochter und Enkelkind – eine Notgemeinschaft aus vier Generationen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Hoffnungen, die sich wenige Quadratmeter teilen. Alle vier schwanken zwischen Desillusionierung, Pragmatismus und Träumerei.

Warwara hat ein Verhältnis mit dem verheirateten Mitbewohner, Maria denkt viel über ihr Leben nach und wird das Gefühl nicht los, es zu vergeuden. Janka arbeitet nachts in der Fabrik und ist tagsüber eine talentierte Sängerin mit wütender Zukunftshoffnung. Für die Liebe hat sie keine Zeit, obwohl es zwei Männer gibt, die nicht von ihrer Seite weichen.

Und dann ist da noch der Ingenieur Matwej Alexandrowitsch, der zumindest nach außen hin an der „großen Idee“ festhält: Inbrünstig schmettert er die Lieder der Partei, versucht er die Zweifel an seinem Tun auch dann noch zu unterdrücken, als ein junger Student, der sich an seinem Institut für ein Experiment zur Verfügung gestellt hatte, ums Leben kommt.

Die kleinen, pointierten Szenen und Dialoge, in denen Katerina Poladjan dieses vom Schicksal und der Geschichte zusammengewürfelte Ensemble auftreten lässt, wirken wie nebenbei hingeworfen. Und doch werden die Figuren in ihren lakonischen, filmisch wirkenden Auftritten zu äußerst prägnanten und bestechend lebendigen Charakteren.

Es ist nur ein kurzer Zeitraum, den Poladjan in ihrem schmalen, meisterhaft erzählten Roman in den Blick nimmt: der 11. März 1985. Morgens schallt an diesem Tag Chopins Trauermarsch aus dem Transistorradio, und jeder Hörer weiß, was das bedeutet: ein ZK-Mitglied ist gestorben. In diesem Falle: Generalsekretär Konstantin Tschernenko. Noch ahnen die Bewohner der Kommunalka nicht, welche Konsequenzen dieser Tod hat und dass mit dessen Nachfolger Michail Gorbatschow ein neuer Wind durch die Sowjetrepubliken wehen wird, dass also tatsächlich schon Zukunftsmusik in der Luft liegt.

Katerina Poladjan macht durch ihren verknappten Stil und durch einige magische Elemente, die sie dezent in ihren Text einschmuggelt, das Transitorische des Moments und die Zerrissenheit ihrer Figuren spürbar. Es ist wie ein kurzes Atemholen, bevor die Welt gänzlich durcheinandergewirbelt wird. „Eine Geschichte ging zu Ende“, denkt sich Matwej, als er am Radio vom Tod Tschernenkos hört, „eine andere begann.“ Und was für eine!

Ulrich Rüdenauer in Falter 11/2022 vom 18.03.2022 (S. 18)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783103971026
Ausgabe 3. Auflage
Erscheinungsdatum 23.02.2022
Umfang 192 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag S. FISCHER
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