Wilderer

Roman | Longlist Deutscher Buchpreis 2022
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Kurzbeschreibung des Verlags:


Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2022 und den Österreichischen Buchpreis 2022
»Ich sehe es wirklich als eine Art Verpflichtung an, die Welt, die ich kenne, darzustellen, also erfahrbar zu machen – einem, der sie nicht kennt.« Reinhard Kaiser-Mühlecker 

Jakob führt den Hof der Eltern und kämpft gegen den Niedergang. Als die Künstlerin Katja sich als Praktikantin anbietet, scheinen sich die Dinge zum Guten zu wenden. Gemeinsam bauen sie eine biologische Tierhaltung auf, sie heiraten und bekommen einen Sohn. Doch Jakob findet keine Ruhe, sein grausamer Zorn bricht immer wieder hervor. Hat Katja ihn getäuscht, hat sie nur mal einen wie ihn haben wollen, einen Bauern? Reinhard Kaiser-Mühlecker erzählt von Herkunft und existentieller Verlorenheit in einer Welt, die sich radikal wandelt.
Platz 1 der SWR-Bestenliste im Mai 2022
 

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FALTER-Rezension

Bio-Bauer und Bobo-Mädl

Es beginnt mit einem Knalleffekt; dem nämlich, dass der Knall ausbleibt. Stattdessen macht es bloß "klack" -"dieses leere, langweilige Geräusch". Ginge es in der Eingangsszene von "Wilderer" weniger langweilig zu, hätte der jüngste Roman von Reinhard Kaiser-Mühlecker allerdings ein massives Problem; denn dann wäre sein Protagonist, der Jungbauer Jakob, der halt hin und wieder auch ein bisschen russisches Roulette spielt, schon auf der ersten Seite tot. So stirbt nur dessen Hündin, die - weil sie das Wildern nicht lassen will -von ihrem Herrchen vergiftet wird, bevor wer anderer sie erschießen kann.

Der bereits achte Roman des oberösterreichischen Autors wird die Themen, die eingangs vorgestellt werden, in der Folge aufgreifen, wiederholen und durchspielen. Von seinem Debüt weg -"Der lange Gang über die Stationen" (2008) - hat sich Kaiser-Mühlecker an einem Relaunch des Bauernromans abgearbeitet und sich gleichsam als Rosegger 2.0 etabliert.

Auf das steirische Vorbild verweisen auch das Wilderer-Motiv und der Vorname des Protagonisten: Roseggers Roman "Jakob der Letzte"(1887) handelt vom desaströsen Einfluss der Industrialisierung auf die obersteirischen Bergbauern; "Wilderer" zeichnet das Schicksal eines jungen Landwirts zwischen Massentierhaltung und Bio-Bewusstsein, patriarchaler Tradition und Dating-App nach. Wobei die Begegnung mit der Künstlerin Katja und die Umrüstung des Betriebs auf tierwohlgerecht gezüchtete Schweine als Weichenstellung fungieren.

Oder jedenfalls fungieren könnten. Denn obwohl Katja und die fröhlichen Ferkel die Tinder-Tristesse und das Fischzuchtfiasko vergessen machen könnten, bleibt Jakob ein Spielball jenes Schicksals, das der Autor über ihn verhängt hat, ohne dieses wirklich nachvollziehbar machen zu können.

Jüngstes Glied einer Kette des paternalen Unheils-und Unrechtszusammenhanges - der Großvater hat das (mittlerweile längst wieder veräußerte) Land mit "Judengeld" erworben, der in vielerlei Hinsicht irrlichternde Vater nie wirklich Verantwortung übernommen -kompensiert Jakob die eigenen Depressionen und Selbstzweifel mit Bier, mehr oder weniger offener Frauenverachtung und einer Neigung zur Gewalt, die stets auf dem Sprung von der Fantasie zur Tat ist. So klischeehaft das aus Aggression, Sprachlosigkeit und Larmoyanz zusammengezimmerte Profil toxischer Männlichkeit ausgefallen ist, so ungreifbar und erratisch bleibt die Figur, die dieses verkörpern muss.

Was Jakob tatsächlich anficht und umtreibt, worin dessen unsublimierter Hass auf die als egozentrische Tussi gezeichnete Halbschwester, seine hochambivalente Beziehung zum fröhlich verfettenden älteren Bruder und das vollends volatile, zwischen Begehren, Gleichgültigkeit und Genervtheit changierende Verhältnis zu der offenbar höchst patenten Katja gründet, bleibt ziemlich undurchschaubar und ist einem mit fortlaufender Lektüre auch zusehends egal.

Viel wird angedeutet, sehr viel behauptet, wenig erzählt. Statt narrativer Bögen oder Spannungsdramaturgie bietet "Wilderer" neben klassischen Topoi der sogenannten Provinzliteratur -"Generationenkonflikt", "Erbschaft", "Hofübergabe", "Familiengründung","Das Fest" - ein Wechselspiel aus viskosen Selbstzerknirschungsmonologen, banalen Dialogen und detailpusseligen Episoden à la Gummistiefeleinkauf im Lagerhaus.

All das wird mit sehr vielen Strichpunkten garniert: "Normalerweise aß er eher langsam; es war das Einzige, was er wirklich langsam tat; jetzt aß er rasch; die Stimmung in dem Raum gefiel ihm nicht. Oder wurde nicht einmal mehr beim Essen geredet, wenn nicht er sich darum kümmerte? Er schob sich den letzten Bissen Brot in den Mund. Nahm das Glas Wasser, das vor ihm stand, und trank es in einem Zug aus, bevor er es neuerlich füllte und trank."

Es folgen bedeutungsschwere Blicke und dann doch ein paar Worte zwischen Vater und Sohn. Und noch mehr Strichpunkte. "Jakob kniff die Lippen zusammen; er wollte nichts sagen; es gab nichts zu sagen; es würde vorbeigehen".

Dieses Gefühl stellt sich bei der Lektüre von "Wilderer" allerdings eher selten ein.

Klaus Nüchtern in Falter 23/2022 vom 10.06.2022 (S. 31)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783103971040
Ausgabe 3. Auflage
Erscheinungsdatum 09.03.2022
Umfang 352 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag S. FISCHER
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