Tomás Nevinson

Roman
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Kurzbeschreibung des Verlags:


Nach dem hoch gelobten Roman »Berta Isla« (2019) erscheint nun zum Spanien-Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse der neue Roman von Javier Marías: »Tomás Nevinson«.
Eigentlich hat Tomás Nevinson mit dem Geheimdienst abgeschlossen. Doch sein ehemaliger Chef verführt ihn mit einem neuen Auftrag: Nevinson soll in einer spanischen Kleinstadt eine Terroristin, die sich an früheren Anschlägen der ETA und der IRA beteiligt hat, aufspüren und beseitigen. Als er mit einer Frau, die als Zielperson in Frage kommt, eine Beziehung eingeht, gerät er in Gewissenskonflikte.  Lassen sich Schuld und Unschuld zweifelsfrei erkennen? Und darf man einen Menschen töten, um ein größeres Verbrechen zu verhindern?»Tomás Nevinson« ist eine meisterhafte Mischung von Spionageroman, erotischem Abenteuer und moralischer Reflexion. »Vermutlich der beste Roman, den Javier Marías bisher geschrieben hat,« El País

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FALTER-Rezension

Wie man eine Terroristin tötet

Am 11. September dieses Jahres ist in Madrid der große Javier Marías gestorben. Seinen 16. und letzten Roman, der 2021 in Spanien erschienen ist, halten manche Kritiker für seinen besten. Vielleicht weil es Marías hier gelungen ist, seine Neigung zum Reflektieren, Moralisieren und zu metaliterarischen Umwegen mit einer atemberaubend spannenden Handlung zu verbinden.

„Alte Schule“, der Ausdruck findet sich gleich im ersten Satz des Romans, und er charakterisiert das Œuvre dieses Autors nicht schlecht. Wenn aber Marías „alte Schule“ war, dann als Modernist, etwa als unbedingter Verehrer Prousts. „Ich wurde nach alter Schule erzogen“, so der erste Satz zur Gänze, „und hätte nie gedacht, dass man mir eines Tages auftragen würde, eine Frau umzubringen.“

Mit Klarnamen, wenn man es so nennen will, heißt das Ich dieses Eingangssatzes Tomás Nevinson. Als langjähriger Geheimagent ihrer Majestät hat der Mann mit dem spanischen Vor- und dem englischen Nachnamen sein Handwerk zur Perfektion entwickelt. Nach eher öden Undercover-Jahren in der englischen Provinz ist der Mittvierziger nun ins heimische Madrid zurückgekehrt. In der britischen Botschaft hat man ihm einen unauffälligen Posten zugewiesen. Nevinsons Doppelexistenz scheint an ein Ende gekommen zu sein.

Auch die Beziehung zu Berta, seiner, wenn man will, echten Ehefrau, der er seine Berufsgeheimnisse stets vorenthalten musste, blüht wieder auf.

Marías-Leser werden sich erinnern: „Berta Isla“ hieß der Vorgänger-Roman, so wie Nevinsons Frau. Mit dem vorliegenden bildet er, wie Marías schreibt, ein „Paar“. Der frühere Roman erzählte von Bertas Leben mit einem Mann, der sich entzog und verstellte, wann immer der Dienst es von ihm verlangte.

Der neue Roman nimmt die Perspektive des Ehemannes ein. Erzählt wird von einem Ex-Agenten, der sich wieder im bürgerlichen Leben eingerichtet hat und der dann, nicht widerstrebend, doch wieder ins Feld zieht, um eine Frau umzubringen oder vielleicht auch drei.

So sieht – in geraffter Form – die Ausgangslage von „Tomás Nevinson“ aus. Bei Javier Marías selbst indes wird nichts gerafft. Die Umgangsformen, deren sich der Ich-Erzähler eingangs rühmt, erfordern, dass man sich Zeit lässt. Nicht nur Zeit beim Töten, sondern auch beim Erzählen. Zeit für vergleichende Betrachtungen des Englischen und des Spanischen; Zeit für literarische Referenzen von Shakespeare bis Yeats, Eliot und Baudelaire; Zeit für eine genüssliche Streckung des Plots bis zum finalen Paukenschlag.

Die Handlung selbst ist so einfach wie effektvoll: Nevinson soll seinem ehemaligen Chef einen Gefallen erweisen, womit der wiederum seinen spanischen Kollegen einen Gefallen tut. Er soll eine irgendwo im spanischen Nordwesten lebende hispano-irische Schläferin liquidieren, die an den Anschlägen der baskischen ETA in den 1980er-Jahren beteiligt war und die gute Kontakte zur irischen IRA unterhält. Drei Frauen kommen infrage, so wird es ihm beim Zusammentreffen in Madrid – dessen Schilderung die ersten gut hundert Seiten in Anspruch nimmt – sein alter Führungsoffizier erläutern.

Nevinson soll inkognito in die Provinzstadt im Nordwesten ziehen, die Frauen überwachen und kennenlernen, den Verdacht erhärten und sodann diskret und präzise zuschlagen. Welche der drei Frauen ist die gesuchte, und warum? Wird Nevinson seine gute Erziehung so weit hintanstellen können, dass er den Auftrag wirklich ausführt? Was, wenn die tatsächlich Gesuchte inzwischen ihr eigenes „Todesprojekt“ entwickelt, und zwar gegen ihren Jäger?

Weil Marías weiß, dass er seine Leser von Beginn an am Haken hat, kann er sich nun erst recht dem Spiel mit Verweisen hingeben. Der kulturelle Kanon bietet reiches Material, was moralische Dilemmata betrifft. Was könnte, lässt Marías seine Figur grübeln, die Ermordung einer oder mehrerer Personen rechtfertigen, die möglicherweise ja alle unschuldig sind und die nur durch ihre auffällige Unauffälligkeit ins Visier der Dienste geraten sind?

Das professionelle Töten von Menschen ist schwierig, das hat Nevinson selbst erlebt, technisch, moralisch, aber noch mehr, was den richtigen Zeitpunkt angeht. Der Kairos des gelingenden Anschlags kann im Nu vorüber sein.

Marías bringt Fritz Langs Antinazifilm „Man Hunt“ aus dem Jahr 1941 ins Spiel. An dessen Anfang hat ein britischer Hobbyjäger nahe dem Berchtesgadener Berghof unversehens Adolf Hitler im Fadenkreuz und würde gerne die seltene Chance nutzen. Dann aber schwebt ein Blatt auf sein Zielfernrohr herab, und im nächsten Augenblick stürzt sich schon ein Wachsoldat auf ihn. Die Chance ist vertan. Mit solchen Analogien rückt Marías die geheimdienstliche Aktion seines Helden in die Nähe des Tyrannenmordes.

Die furchtbaren Anschläge der baskischen Befreiungsorganisation in Madrid und Barcelona, mit Dutzenden von Toten und Hunderten Verletzten, liegen zur Erzählzeit des Romans ein Jahrzehnt zurück. Die ausführenden Täterinnen und Täter sitzen in Haft, die Drahtzieher aber sind vielfach auf freiem Fuß und pflegen ihre internationalen Netzwerke, vor allem die zur politisch befreundeten IRA. Der staatliche Anti-Terror-Kampf ist infolge illegaler Aktionen diskreditiert. Deshalb der Gedanke, die Jagd nach verdächtigen Subjekten qua Amtshilfe an die Briten auszulagern, die dann wiederum den Ex-MI6-Mann Nevinson aktivieren.

Marías’ Roman ruft Traumata der spanischen Gesellschaft wach. Der ETA-Terror ist überall gegenwärtig im Spanien des Jahres 1997. Nevinsons Job hat eine erhebliche politische Tragweite, man merkt es an der wachsenden Nervosität seiner Vorgesetzten. Nevinson soll reale Gefahren von Spanien abwenden, aber weder seine Chefs noch er selbst wissen, ob er dazu noch das Zeug hat.

Derweil führen die verdächtigen Drei ihr gewohntes und deshalb vielleicht besonders perfides Schläferinnen-Leben im über-provinziell geschilderten Städtchen Ruán. In ihrer Verstellungskunst – wenn sie sich denn überhaupt verstellen – gleichen sie dem Spion, der sie aus der Reserve locken will.

Als Englischlehrer Miguel Centuríon hat sich Tomás Nevinson für den Aufenthalt eine Fake-Identität aufgebaut, in die er rasch eintaucht. Daraus, dass er ein Schnüffler ist, angeblich, um für einen Roman zu recherchieren, macht Nevinson alias Centurión (mal ist er ein „Ich“, im nächsten Satz schon wieder ein „Er“) kein Geheimnis. Müsste dann nicht die Inhaberin des gutgehenden Restaurants am Fluss, die sich allmählich als Hauptverdächtige herausschält und sich ohne Zögern auf eine sexuelle Beziehung mit Nevinson einlässt, müsste diese Inés nicht, wenn sie denn die gesuchte irisch-baskische Terroristin namens Maddie Orúe O’Dea wäre, augenblicklich Verdacht schöpfen und ihrerseits Nevinson aus dem Verkehr ziehen wollen? Oder ist es Teil eines noch größeren Plots, wenn sie ihn bei der Vorbereitung seiner Tat einfach gewähren lässt?

Wahrscheinlichkeit ist nicht die oberste Maxime von Marías’ Erzählkunst. Er bedient sich nach Gutdünken bei der Realität, um das dieser Entnommene in eine Literatur zu verwandeln, die den eigenen Gesetzen stets den Vorrang gibt vor den Forderungen der Wirklichkeit. Das war in manchen von Marías’ früheren Büchern ein Problem, in seinem letzten Roman geht die Rechnung auf: Wie noch nie zuvor schafft es der Autor hier, essayistische Umständlichkeit und plotgetriebene Spannung zusammenzubringen.

Wenn Marías vorsätzlich langatmige, mitunter auch leicht altherrenmäßige, ein wenig zu bildungssatte, dann aber auch schlaue und bewegliche Prosa „old school“ war, dann ist „Tomás Nevinson“ ein letzter Triumph der alten Schule.

Christoph Bartmann in Falter 42/2022 vom 21.10.2022 (S. 10)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783103971323
Ausgabe 2. Auflage
Erscheinungsdatum 21.09.2022
Umfang 736 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag S. FISCHER
Übersetzung Susanne Lange

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