SACHBUCH-BESTENLISTE Dezember 2018

Nichtrechthabenwollen
Gedankenspiele

von Martin Seel

€ 18,50
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: S. FISCHER
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Philosophie, Religion
Umfang: 160 Seiten
Erscheinungsdatum: 22.08.2018


Rezension aus FALTER 45/2018

Wahrhaftigkeit ist besser als Rechthaben

Es ist ein kleines Wortungetüm, das fast eine Art Programm beinhaltet, einen Appell an die eigene Haltung gegenüber Schrift und Welt: „Nichtrechthabenwollen“. Der Titel von Martin Seels neuem Buch führt ins Zentrum und zugleich in die Irre. Es scheint als Gegenprogramm zur Arbeit des akademischen Philosophen gedacht.

Dem systematischen Denken und Schreiben stellt Seel ein vagabundierendes gegenüber – eine literarische Spielerei, die sich zwischen Genres und Textformen bewegt, Gattungsregeln und Formgrenzen ignoriert. Er verlässt ausgeschilderte Routen, um sich auf Abwege zu begeben. „Auf dieser frivolen Fahrt werden sich ständig wechselnde Ansichten und Aussichten ergeben, die in keine Übersicht münden. Gedankenspiele sind die Form des Denkens, bei der es nicht um den Durchblick geht.“

Nichtrechthabenwollen ist eigentlich das Privileg der Literatur, die nicht zwischen wahr und falsch entscheidet, sondern zwischen Wahrhaftigkeit und falschem Ton. Seels Buch ist eine Ankündigung, ein Anlauf, ein Vorsatz, ein Assoziationsreigen, der in Abschweifungen und Aberrationen aufgeht. Diverse Vorworte, Aphorismen oder eine imaginierte Abschiedsvorlesung stehen da nebeneinander. Notizen über Kunst, Jazz, Kino, Vergänglichkeit, Erinnerung sind wie aus dem Sudelbuch geschüttelt aufgereiht. Seels heimliche Sehnsucht besteht darin, jenseits eines Jargons und theoretischer Stringenzpflicht als Improvisateur über bestimmte Motive, Themen, Melodien näher an die eigene Stimme heranzukommen.

Dass in dem Enkel der Kritischen Theorie, Jahrgang 1954, ein Aphoristiker mit Groove steckt, hat er des Öfteren bewiesen. Zuletzt erschien „‚Hollywood‘ ignorieren. Vom Kino“ (2017). Mit seinen neuesten Gedankenspielen lehrt Seel uns ein freies Denken in Widersprüchen – ohne dabei der Beliebigkeit und Prinzipienlosigkeit das Wort zu reden. Am Ende bekennt er übrigens, dass ihn nach dieser Lockerungsübung die Lust gepackt habe, die Zügel wieder anzuziehen – und Gründe, Gegengründe, Argumente, Thesen neuerlich zu ihrem Recht kommen zu lassen.

Ulrich Rüdenauer in FALTER 45/2018 vom 09.11.2018 (S. 36)


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