Gegen den Hass

€ 20.6
Lieferung in 2-7 Werktagen
-
+
Kurzbeschreibung des Verlags:

»Es gilt zu mobilisieren, was dem Hassenden abgeht: die Fähigkeit zur Ironie, zu Zweifeln und die Vision einer offenen Gesellschaft.« Carolin Emcke
Carolin Emcke, eine der wichtigsten Intellektuellen der Gegenwart, äußert sich in ihrem engagierten Essay »Gegen den Hass« zu den großen Themen unserer Zeit: Rassismus, Fanatismus, Demokratiefeindlichkeit. In der zunehmend polarisierten, fragmentierten Öffentlichkeit dominiert vor allem jenes Denken, das Zweifel nur an den Positionen der anderen, aber nicht an den eigenen zulässt. Diesem dogmatischen Denken, das keine Schattierungen berücksichtigt, setzt Carolin Emcke ein Lob des Vielstimmigen, des »Unreinen« entgegen — weil so die Freiheit des Individuellen und auch Abweichenden zu schützen ist. Allein mit dem Mut, dem Hass zu widersprechen, und der Lust, die Pluralität auszuhalten und zu verhandeln, lässt sich Demokratie verwirklichen. Nur so können wir den religiösen und nationalistischen Fanatikern erfolgreich begegnen, weil Differenzierung und Genauigkeit das sind, was sie am meisten ablehnen.Für alle, die überzeugende Argumente und Denkanstöße suchen, um eine humanistische Haltung und eine offene Gesellschaft zu verteidigen.

weiterlesen
FALTER-Rezension

Boris wollte mich verbrennen

„Kann den wer anzünden bitte?“, schrieb Boris auf einer FPÖ-Facebook-Seite. Er meinte mich. Ich fuhr zu ihm und lernte, wie heute Politik und Propaganda funktionieren

Es gab Linsensuppe und Erdoğan hielt irgendeine nationalistische Ansprache. Ich löffelte die Suppe in einem türkischen Beisl in Ottakring und blickte zu den Männern am Nebentisch, denn Frauen waren keine da. Die Männer schauten zu einem Bildschirm hinauf und von dort sprach ihr Präsident herunter.
Neben dem Linsensuppenteller lag mein Smartphone. Weil mir langweilig war, twitterte ich einen schnellen Gedanken: „Der ORF sollte die Nachrichten optional mit türkischen Untertiteln senden.“ Die Männer hier, so meine Idee, könnten dann auch hiesige Erdoğan-kritische Nachrichten verstehen. Und vielleicht, so meine Hoffnung, lernen sie dabei auch ein bisschen Deutsch. Die BBC hat ähnliche Dienste im Angebot.
Der Gedanke war etwas einfältig, aber ich fand ihn in dieser Sekunde nicht provokant, im Gegenteil. Auf Twitter warnte mich jemand kurz darauf: „Wie lange wird es dauern, bis es dieser Tweet auf die FB-Seite von Strache schafft?“
Ich wischte den Teller mit dem Fladenbrot aus, zahlte und spazierte wieder nach Hause. Schon war es so weit.

Als ich ein paar Stunden später meine Face­book-Timeline checkte, staunte ich. Linke Sau! Dreckskerl! Bolschewik! Schwein! Größtes Arschloch von Österreich! So nannten mich Menschen, die ich nicht kannte und die ihre Identität nicht anonymisierten.
Es waren nicht nur Männer, auch Hausfrauen, Managerinnen und Mädchen, die bei H&M arbeiten. Den Grund für ihren Zorn fand ich schnell heraus. Nicht „Bürgerkanzler“ Strache, sondern Johann Gudenus, sein Wiener Stadtrat, stellte meinen Tweet in seine Auslage. Darunter höhnte er: „Der Herr Klenk vom Falter .... immer für einen Quatsch zu haben. Vielleicht arbeitet er ja optional für den kranken Mann am Bosporus.“
Gudenus hatte meine Aussage inhaltlich ins Gegenteil verkehrt. Der Gabelstapel­fahrer Helmut A. schrieb nun: „Den Klenk könnte man ja mal in ein arabisches Strafgefangenenlager stecken und dort optional von psychisch gestörten Einzelfällen, Einzeltätern vergewaltigen lassen. Und den Rest geb ich ihm dann.“
Und dann war da noch Boris. Der schrieb: „Kann den wer anzünden bitte?“ Er meinte mich.
Anzünden? Diese Fantasie war mir unheimlich, ja sie ging mir nahe. Ich stellte das Posting und Boris zu meinem Schutz öffentlich auf meine Wall. Es war spät und in meinem Kopf tauchten Bilder jener Menschen auf, die andere anzünden. Der Ku-Klux-Klan, der Mob von Mölln, die IS-Kämpfer. Ich stellte mir Fragen: Was macht Boris so aggressiv? Ist er gefährlich? Ich schickte seine Aufforderung auch an die Staatsanwaltschaft. Schon am nächsten Tag meldete sich der Verfassungsschutz. Ein Beamter bat mich zum Verhör und sagte bei der Protokollaufnahme, er nehme solche Postings ernst, die Leute wüssten nicht, dass sie hier öffentlich agierten.
Ich tauchte am Abend der Bedrohung in Boris’ Facebook-Profil ein und staunte. Da präsentierte sich ein durchtrainierter Bursche um die 30, einer dieser etwas eitlen Männer vom Land. Ich scrollte durch seine Timeline und verlor mich eine Stunde in seinem richtigen Leben und in seinen Fantasien.
Stolz zeigt er zum Beispiel Fotos seiner gelungenen Karriere. Da ist das Einfamilienhaus mit Wintergarten, das er selbst renoviert hat. Davor liegt der gepflegte Pool, dahinter das Abendrot. Ein schwarzer VW mit Ledersitzen parkt vor dem Idyll.
Boris postete mehrmals, dass er sich von einem Tischler ein Wohnzimmer hat desig­nen lassen, mit Heimkino und schicken Möbeln. Und auf einem Bild sieht man ihn mit seinem Baby. Er hält es hoch, er scheint ein liebevoller Vater zu sein, seine Frau sieht sympathisch aus, sie trägt Dirndl. In der Freizeit lässt er mit seinen Kumpels Modellflugzeuge steigen.
Boris, so kann ich seinem öffentlichen Facebook-Profil entnehmen, ist keiner dieser „Modernisierungsverlierer“, die wir Journalisten uns manchmal als FPÖ-Wähler herbeifantasieren. Im Gegenteil: Er repräsentiert die ländliche Oberschicht, die vieles erreicht hat.

Ich scrolle weiter, ich entdecke in seiner Timeline eine ungewöhnliche Karikatur. Man sieht das Foto eines Kamels namens „Küsül“: Das Tier, so die Bildunterschrift, sei „seit zwei Jahren nicht mehr sexuell belästigt worden“. Küsül sagt: „Ganz schön ruhig hier, seitdem alle in Deutschland sind!“ Dieses „Meme“, wie man solche Pam­phlete nennt, wurde hunderttausende Male auf Facebook geteilt. Es sollte wohl ausdrücken, dass Flüchtlinge früher Kamele vergewaltigten und jetzt „unsere“ Frauen. Facebook verbietet solche Hetzschriften nicht, im Gegenteil. Die Verbreitung führt zu monetarisierbaren Klicks. Hätte Boris nackte Nippel geteilt, wären sie von Facebook gelöscht worden.
Boris postete einige solcher Memes. Eines enthält fünf Fotos. Das erste Bild zeigt eine mit Stacheldraht gesicherte Grenze und Soldaten. Bildtext: „Ungarn Sommer 2015“. Das zweite Foto zeigt feiernde Menschen. Bildtext: „Ungarn Silvester 2015“. Dem stehen das dritte und vierte Foto gegenüber. Es zeigt junge Mädchen mit einem „Re­fugees Welcome!“-Schild: Deutschland Sommer 2015. Dann sieht man zwei junge Araber, die ein blondes Mädchen an den Haaren reißen: „Deutschland Silvester 2015.“ Das fünfte Bild zeigt Ungarns Premier Victor Orbán. Er lächelt: „Noch Fragen?“
Dann entdecke ich noch ein Posting, Diesmal mit einem Video. „Scheiss Bimbos! Sollten sich lieber gegenseitig im Urwald totknüppeln!“, schrieb Boris darüber. Darunter verlinkte er ein Filmchen, das ein Onlineportal namens Wochenblick teilte. Wochenblick wird vermutlich von der FPÖ mitfinanziert, das Medium streut immer wieder rechte Memes und Verschwörungstheorien in die Welt. Strache greift solche Berichte auf und teilt sie auf seiner Seite. Dort erreicht er damit über 430.000 Fans, die sich dann zur Meute formieren. Den Hass der Meute lässt er stunden-, wenn nicht sogar tagelang stehen. Das Video, das Boris so aufwühlte, kann man erst sehen, wenn man eine „Warnung“ vor dem Inhalt weggeklickt hat.
Ich sehe nun drei dunkelhäutige Männer und einen Hund. Irgendwer hat den Hund in eine Soldatenuniform gesteckt und an den Hinterbeinen an einem Seil hochgezogen. Die Männer prügeln den Hund. Sein Winseln irritiert sie nicht. Die Männer schlagen wie von Sinnen auf das Tier ein. Am Ende humpelt der Köter davon.
Das Video steht neben dem Kamel Küsül, den feiernden Ungarn, neben dem lachenden Orbán und einer Heute-Schlagzeile, die Boris mit den Worten „Stinksauer“ teilte. Die Heute-Schlagzeile besagt: „Asylkosten steigen auf 2 Milliarden Euro!“ Ich klappe den Laptop zu.

Soziologen nennen das, was auf Boris’ Facebook-Seite passiert, eine „diskursive Verknüpfung“. Asylwerber aus Syrien, der gequälte Hund, die Sexualstraftäter aus Köln, die bedrängten Frauen, Kamel Küsül und Orbáns Soldaten: Das verschmilzt zu einem „Narrativ“, zu einer größeren Erzählung. Sie handelt vom absoluten Kontrollverlust gegenüber dem angeblich primitiven und brutalen Fremden, der unsere Frauen schänden will.
Es ist eine hässliche Fantasie, die Boris ergriffen hat. Die Schriftstellerin Carolin Emcke schreibt in ihrem soeben erschienenen Buch „Gegen den Hass“ über die Struktur rechter Facebook-Portale: Es fehle dort „alles Spielerische, übrigens auch alles Zufällige“. Das zentrale Thema dieser Seiten sei der „angebliche Austausch der Bevölkerung, die von oben gesteuerte Vertreibung des eigenen Volkes durch alles, was als fremd bezeichnet wird“. Der Bürgerkrieg sei „das zugleich gefürchtete wie herbeigesehnte Szenario, das sich als Motiv, wie ein basso continuo durch diese Gedankenwelt zieht“. Eine apokalyptische Erzählung werde da immer wieder wiederholt. Vom „Counter-Jihad“ spricht auch der Radikalisierungsforscher Peter R. Neumann und betont, dass die Welt der Dschihadisten und der „kulturellen Nationalisten“ nur zwei Seiten derselben Medaille seien. Beide wittern Feinde von außen und Verräter von innen. Die Horden von außen und die naiven „Gutmenschen“ von innen. Die Ungläubigen von außen, die Abgefallenen von innen.
Als ich das Handy am nächsten Morgen aufdrehe, brummt es. Boris hat mir ein E-Mail geschrieben. Er hat offenbar gemerkt, dass ich ihn mit seinem Gewaltaufruf an meinen Pranger stellte. Er schreibt: „Sehr geehrter Hr. Klenk! Ich möchte mich hiermit in aller Form für diese zugegebenermaßen unangebrachte verbale Entgleisung bei Ihnen entschuldigen. Es war bestimmt nicht als Aufruf zur Gewalt gemeint, sondern sollte eher meinen Unmut über aktuelle politische und auch mediale Ereignisse erläutern.“
Ich antworte: „Wieso hat Sie mein Vorschlag mit den türkischen Untertiteln so aufgeregt? Das wäre doch eine gute Möglichkeit, dass Türken nicht nur Erdoğan-TV schauen“. Er schreibt: „Weil ich nicht weiter darüber nachgedacht habe.(...). Dass sie dann nicht mehr Erdoğan-TV schauen müssten, so weit hat mein Blick in dem Moment nicht gereicht.“

Ich will Boris kennenlernen. Ich schreibe ihm, dass er mich nun treffen müsse, wenn er schon das Maul so weit aufreiße. Ich nehme den Zug Richtung Oberösterreich. In einem kleinen Industriestädtchen, das hier nicht genannt sein soll, steige ich aus. Als ich den Bahnhof verlasse, sehe ich schon den schwarzen VW. Die Ledersitze kenne ich aus Facebook.
Boris tritt mir entgegen, er trägt eine schwarze Sportjacke, ein enges T-Shirt. Er ist ein durchaus sympathisch wirkender Bursche. „Guten Tag, mein Mörder!“, sage ich und er lächelt etwas unsicher. Ich setze mich in den Wagen, wir rollen los, der Mann, der mich anzünden wollte, und ich. Wir fahren in ein Wirtshaus. „Gibt es hier viele Flüchtlinge?“, frage ich. „Nein“, sagt Boris, „nicht dass ich wüsste.“ Nur ein paar unbegleitete Minderjährige. Die habe er einmal besucht. Alles sei harmlos. Es ist seltsam, diesem Mann, den ich gerade noch angezeigt habe, gegenüberzusitzen.
Schon bei der Fahrt erzählt Boris über sein geordnetes bürgerliches Leben. Er sei EDV-Techniker, habe immer gute Jobs gehabt, gut verdient. Nun avanciere er zum Juniorpartner eines mittelständischen Unternehmens, das einen Millionenumsatz in der Autozulieferindustrie erwirtschafte.
Der Betrieb, so seine Bedingung für das Treffen, soll hier nicht identifizierbar sein. Aber so viel darf man verraten: Er ist einer dieser erfolgreichen Familienbetriebe, die es ohne Globalisierung nicht geben würde. Und er lebt nicht zuletzt von türkischen Gastarbeitern.
Boris erzählt: „In unserer Firma arbeiten zwei Serben, vier Türken. Sie sind besonders fleißig. Manche wollen sogar am Wochenende arbeiten.“ Einige der Türken seien sehr gläubig. „Wenn sie im Sommer fasten müssen wegen des Ramadans, dann dürfen sie früher mit der Schicht beginnen.“ Weil es heiß werde in der Fabrik und weil sie sonst, wie man ihm erzählt habe, „200 Euro Strafe an die Moschee zahlen müssen, wenn sie untertags ein Glas Wasser trinken“. Man nehme Rücksicht auf die Mitarbeiter und ihre religiösen Gefühle.
Ich schaue aus dem Fenster des Wagens. Eine mit Werkshallen und Tankstellen verschandelte Landschaft zieht draußen vorbei. Hofer-Plakate. Kaum Van der Bellen.
Ich frage mich, ob Boris’ türkische Angestellte das Kamel Küsül kennen. Und mir fällt eines seiner Postings ein. „Jeder zweite Türke will Koffer packen!“, stand da im Wochenblick geschrieben. Viele Türken würden an die Heimkehr denken. Boris teilte die Schlagzeile mit den Worten: „Puh ... was machen wir denn dann mit den ganzen eingesparten Milliarden aus dem Sozial­system und den leeren Gefängnissen?“

Wir betreten das Wirtshaus, bestellen Suppe. Ich esse Wildschweinbraten mit dicker Sauce. „Wieso“, frage ich und teile meinen Leberknödel auseinander, „wieso wollten sich mich vergangene Woche eigentlich anzünden?“
Boris schlürft eine Frittate und bläst die Suppe kühl. Er sagt, er wisse es auch nicht mehr. Er habe am Abend Besuch gehabt, der Schwager sei da gewesen, man sei zusammengesessen, nach draußen zum Rauchen gegangen, und weil er nicht mehr rauche, habe er halt seine Timeline gecheckt. Da sei es offenbar wieder einmal passiert. „Ich hab gelesen, was Gudenus schrieb, und mir gedacht: ‚Was für ein Unsinn! Der Türke braucht ja gar nicht mehr Deutsch lernen. Dann hat er ja da seine Türkei!‘“
„Sie nehmen doch auch Rücksicht auf Türken“, entgegne ich. „Sie nehmen sogar Rücksicht auf islamische Riten!“ „Ja“, sagt Boris, „aber wenn sich einer deppert aufführt, dem sag ich auf Wiederschaun. Anders als euer Häupl. Ich hab die Kontrolle.“
Boris ist 33 Jahre alt, verheiratet, seine Frau erwartet ihr zweites Kind. Er präsentiert sich hier im Gasthaus ganz anders als im Netz: Er ist kein einfältiger rassistischer Provinzler, er spricht erstaunlich artikuliert und wirkt politisch interessiert. Er stellt die richtigen Fragen. Er hat, wie er erzählt, noch nie eine Zeitung abonniert. Seine Generation, sagt er, lese keine Zeitungen mehr. Er schaue auch kaum TV-Nachrichten. Nur wenn zufällig eine Zeitung vor ihm liege, blättere er darin herum. Journalisten, so erklärt er, würden ja doch nur das schreiben, was die Chefredakteure erlauben.

Politik war in seiner Familie nie Thema – zumindest nicht bis zum vergangenen Jahr. Dann rollte die Flüchtlingswelle, die Grenzen waren auf einmal offen, die Politiker gaben sich machtlos. Boris wunderte sich. Wieso war das möglich? Wurde das gesteuert? Von oben angeordnet? Oder ist es einfach passiert? „Vielleicht sollte man sich einmal mit dem Thema beschäftigten?“, sagte er zu sich.
Anstatt den Fernseher aufzudrehen, surfte er auf Youtube herum. Vom Fernsehen fühlt er sich manipuliert. „Warum werden in der ARD die Russen kritisiert, wenn sie Aleppo bombardieren? Und wieso werden im ZDF die Franzosen gelobt, wenn sie Mossul angreifen?“, fragt er. In beiden Städten regiere doch der Islamische Staat. Die­selbe Frage stellte ein Kommentator im Spiegel. Doch den liest Boris nicht.
Boris vertraut den Journalisten nicht mehr, die Nachrichten für ihn filtern, kommentieren und gewichten. Das mache er lieber selbst bzw. der Algorithmus von Google und Facebook. „Ich habe auf Youtube viele neue Meinungen gehört, von Journalisten und spannenden Autoren“, sagt Boris. Er fühlte sich ehrlich informiert. Und war doch immer mehr verloren.
Er begann jene Personen zu „abonnieren“, die für ihn am überzeugendsten klangen, vielleicht auch nur, weil sie die lautesten waren. Und die wiederum filterten und kommentierten nun für ihn die Welt. Dirk Müller etwa, ein Finanzguru, der auf seinem Youtube-Kanal gerne Verschwörungstheorien verbreitet. Thilo Sarrazin. Oder eben die FPÖ-Politiker Johann Gudenus oder Heinz-Christian Strache, der im Netz seit einiger Zeit von „meinem Volk“ spricht.
Boris, aber auch Strache, so würden es Internetforscher formulieren, richten sich eine „Echokammer“ ein. Um sie herum verdichtet sich die „Filterblase“. Der Internet­aktivist Eli Pariser hat diesen Begriff geprägt und dem Phänomen ein ganzes Buch gewidmet. Pariser glaubt, dass Facebook und Google algorithmisch vorauszusagen versuchen, welche Informationen Boris lesen möchte. Daraus resultiere eine Blockade gegenüber Informationen, die dem Standpunkt des Benutzers widersprechen. Er würde sie ja doch nicht anklicken. Dahinter stecke kapitalistisches Kalkül: Nur der Klick sei monetarisierbar.
In der realen Welt wird Boris immer unzufriedener: „Wieso zahle ich jeden Monat 2500 Euro Steuern? Wieso gehe ich seit der Schulzeit arbeiten, wenn andere das Geld einfach so bekommen?“ „Ja“, sagt er, „ich will, dass jenen geholfen wird, denen geholfen gehört. Aber man muss doch differenzieren, zwischen Flüchtlingen und Mig­ranten. Wieso tut das keiner?“
Wieso also dürfen die Schiffe ablegen? Wieso darf das sein, dass in Köln Marokkaner leben, die dort die Frauen begrapschen und „die linken Gutmenschen“ reden es schön? „Und der Erdoğan“, sagt Boris, „schickt uns doch nur die Pflegefälle und die Ungarn winken sie durch?“ „Es kann mir nicht egal sein, dass diese Leute aus Tschetschenien einfach hierher kommen, Geld und Hilfe kriegen, und unsere kriegen nichts.“
Wir diskutieren zwei Stunden, sehr gesittet. Ich wende ein, dass es auf viele seiner Fragen vernünftige Antworten gebe. Doch diese würden ihn in seiner Echokammer nicht mehr erreichen. Er wiederum sagt, dass wir Journalisten in einer elitären Welt lebten. Und es sei ja wirklich kein Zufall, dass ich seine Memes noch nie in meiner Timeline gehabt hätte.
Boris hört zu. Ich höre zu. Wir reden über den Merkel-Türkei-Plan, über Orbáns vorsätzlich organisiertes Chaos am ungarischen Keleti-Bahnhof, das Tausende in einen Fußmarsch trieb. Ich erzähle ihm, welche menschlichen Dramen meine Kollegin in jener Nacht erlebte. Wir sprechen über tote Journalisten bei Charlie Hebdo und über die „grünen Turboromantiker“, die „Bahnhofsklatscher“, die den Terror nach Ansicht von Boris zu verantworten hätten.
Boris fragt einmal ganz verzweifelt, „wieso sich die Herren Staatenlenker nicht endlich einmal hinsetzen und Frieden machen“. Man müsse Extreme wählen, sagt er, wenn man eine Kurskorrektur wolle.
Es gibt Kaffee. Boris nimmt keinen Nachtisch. Er ist gut trainiert, er achtet auf seinen Körper, wirkt diszipliniert, ganz anders als im Netz. Er sagt, am Tag, als er mich angezündet wissen wollte, sei er über sich selbst erschrocken. Er sei von Kollegen zur Rede gestellt worden. Eine Verwandte habe ihn gefragt, ob er „deppert geworden“ sei. Er habe gespürt, dass ihn das Netz „innerlich radikalisiert“ habe und dass ihn das die wirtschaftliche Existenz kosten könne.

Er hat offenbar begriffen, dass da nicht nur ein Filter über ihn gelegt wurde, der andere Meinungen fernhält. Es ist ihm wohl auch bewusst geworden, dass in ihm drinnen jener Filter weggebrochen sei, einer, der seine Affekte nicht nach außen dringen lässt. Eine „Art Kriegspropaganda“ habe ihn da im Griff gehabt, sagt er selbst. „Aber ich bin sicher, bei den Linken oder bei Islamisten ist das nicht anders.“ Da sehe man eben nur noch die Bilder aus Syrien. Die abgeschnittenen Köpfe der Feinde. Oder die Videos von Neonazis.
Ich weiß nicht, ob ich Boris’ Worten vertraue. Vielleicht mimt er nur den reuigen Sünder. Vielleicht ist er aber wirklich über sich erschrocken, weil er in eine andere Realität abtauchte.

Unsere Gesellschaft wird derzeit gerne „postfaktisch“ genannt. Doch der Begriff, so warnt etwa der Psychiater Patrick Frottier, sei irreführend: „Wir leben im kontrafaktischen Zeitalter.“ Wir leugnen Tatsachen, weil sie uns unsicher machen, weil wir sie nicht mehr verstehen und einordnen können, weil sie unseren tradierten Bildern widersprechen. Wir basteln uns vor allem im Netz eine Welt zusammen, die unsere Meinung stützt.
Ich kenne Frottier seit vielen Jahren. Er untersucht Menschen, die sich radikalisieren. Er erforscht, was Menschen in den Suizid treibt und was sie zu Mördern macht. Ich treffe ihn, um mit ihm über Boris zu sprechen. Ich zeige ihm die Postings. Ich will wissen, ob das, was den Mann da ereilt hat, schon der Beginn einer psychischen Deformation, einer gefährlichen Radikalisierung sein kann.
Frottier zögert mit Ferndiagnosen. Aber er sagt, wenn sich Menschen „ihrer selbst nicht mehr sicher“ seien, wenn sie Angst vor Kontrollverlust hätten, dann seien drei Reaktionsmuster zu beobachten: Weglaufen. Erstarren. Oder eben: der Angriff. Es seien übrigens die Wohlhabenden, jene, die nie Not oder Elend kennengelernt hätten, die sich nun vermehrt bei Pegida und FPÖ wiederfänden. Weil sie Angst vor dem Abstieg und dem Kontrollverlust hätten, eine Erfahrung, die sie nicht kennen.

„Kann den wer anzünden bitte?“ Habe ich verstanden, was Boris dazu trieb, diesen Satz zu schreiben? Vielleicht ist er einfach nur ein Rassist. Das wäre die einfachste Antwort. Vielleicht liegt aber auch ein Phänomen vor, das Psychiater Wolfgang de Boor „Monoperceptose“ nannte. Eine „pathologisch eingeengte Wirklichkeitsauffassung“, die Psychiater sprechen von „überwertigen Ideen“. De Boor hat diese These entwickelt, als er die Ursachen für den RAF-Terror und die linke Sympathie erforschte. Es ist kein Wahn, der Leute wie Boris erfasst, sondern es sind „einseitige Interpretationen der Welt“, eine Einengung. Facebook befeuere dieses Phänomen. Und so wird jeder türkische Untertitel im ORF zur Gefahr, gegen die man sich in der Fantasie mit Feuer wehren muss. Krankhaft ist das alles noch nicht. Wer seine Welt mit Ängsten überfrachtet, könne noch korrigiert werden. Etwa durch das Reden, durch die Konfrontation mit anderen Meinungen.
Boris führt mich zurück zum Bahnhof, wir schweigen. Er posiert für ein Foto. Er wirkt selbstsicher, entschlossen und doch auch verloren. Er bittet mich, seine Geschichte zu anonymisieren. Der Ruf, die Firma, alles könne so schnell zerstört sein.
Versprochen. Er ist ja doch nur einer von vielen.

Florian Klenk in Falter 45/2016 vom 11.11.2016 (S. 10)


„Hass wird vorbereitet und geformt“

Was als „rechtsextrem“ und „rassistisch“ galt, ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die soeben mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnete Carolin Emcke fragt nach den Ursachen

Die Jury, die Carolin Emcke den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2016 zusprach, der ihr am 23. Oktober verliehen wurde, begründete ihre Entscheidung damit, dass sich die 49-jährige Publizistin in ihren Essays und Berichten aus Kriegsgebieten „auf sehr persönliche und ungeschützte Weise“ damit auseinandersetze, „wie Gewalt, Hass und Sprachlosigkeit Menschen verändern können. Mit analytischer Empathie appelliert sie an das Vermögen aller Beteiligten, zu Verständigung und Austausch zurückzufinden.“
Das gilt auch für Emckes soeben erschienenes Buch „Gegen den Hass“, in dem sich die Autorin mit dem politisch virulenten Wunsch nach einer „homogenen“ Gesellschaft befasst, die es so weder je gegeben hat, noch geben wird. Gegen die ideologische Rede von der „Natürlichkeit“ und „Ursprünglichkeit“ stellt sie ihr „Lob des Unreinen“ und plädiert dafür, die starren Fronten durch die permanente Arbeit einer nicht nachlassenden und auch Selbstzweifel inkludierenden Differenzierung aufzubrechen. Da sich die Terminfindung mit der nachgefragten Autorin schwierig gestaltete, fand das Interview per E-Mail statt.

Falter: In letzter Zeit scheint die Zivilisation, wie wir sie kannten und für gegeben erachteten, stückweise wegzubrechen. Donald Trump als „hatemonger“ schreckt nicht einmal davor zurück, Witzchen über eine mögliche Ermordung seiner Gegner zu reißen.
Carolin Emcke: Sie haben Recht. Jeden Tag schauen wir mit wachsender Ungläubigkeit auf das, was da geschieht. Jeden Tag werden Schwellen überschritten: Schwellen der Scham, Schwellen des Respekts, Schwellen der Wahrhaftigkeit auch. Es ist, als ob eine Übereinkunft zerbrochen wäre, die gewisse Standards der Vernunft garantierte.

Was ist da passiert?
Emcke: Um ehrlich zu sein: Ich bin auch eher stümperhaft darin, die Ursachen für diese Entwicklungen zu benennen. Ich vermute aber, dass es da nicht einen Auslöser oder eine Erklärung gibt. Es verzahnen sich verschiedene Dynamiken: Da ist einerseits die Radikalisierung, die – wie es der Sozialpsychologe Ernst-Dieter Lantermann in seinem neuen Buch beschreibt – aus einer sozialen Verunsicherung erwächst und sich in dem Wunsch nach Reduktion der Komplexität zeigt. Andererseits finden wir eine sich steigernde Logik des Eskalation, die besonders in den sozialen Medien den Rhythmus und auch die Tonlage dominiert. Aber reicht das als Erklärung für den hemmungslosen Rassismus und das Ressentiment, für die Renaissance des völkischen Nationalismus? Da bin ich skeptisch.

Man hat den Eindruck, dass in den USA und Europa ein tiefer Riss durch die Bevölkerung geht: Die einen mahnen wütend bis flehend die Wahrung humanitärer Standards ein, die anderen lassen wissen, dass sie diese „Gefühls­duselei“ lieber endlich beendet sähen. Oder haben Sie da eine andere Sichtweise?
Emcke: Das ist interessant: Sie verlagern die „Gefühlsduselei“ auf die Seite des Humanitären? Mir scheint doch das Loblied auf die Legitimität von Affekten, diese rhetorische Strategie des Diskurses vom „besorgten Bürger“, auf der anderen Seite gesungen zu werden. Es sind doch die Nationalisten, die Ängste und Sorgen als unantastbare Kategorien etablieren wollen und sich gegen die aufgeklärte Vernunft einer liberalen, säkularen Gesellschaft wenden. Wir erleben zur Zeit eher eine erstaunliche Diffamierung von jener selbstreflexiven Einsicht, die nicht per se jede innere Aufwallung für eine legitime, politische, verallgemeinerbare Position hält. Die Verteidigung der Religionsfreiheit, der Achtung der menschlichen Würde, des Rechts auf freie Entfaltung der Persönlichkeit – das ist keine Gefühlsduselei. Das ist die langsam gewachsene, normative Überzeugung, die in unseren Verfassungen eingeschrieben ist.

Aber wie kann man dem gegensteuern, dass die vielzitierten „Sorgen der Bürger“ auch dann als legitim erachtet werden, wenn sie tatsächlich unsinnig, ignorant oder paranoid sind? 
Emcke: Durchs Differenzieren. Natürlich gibt es eine Reihe von sozialen und politischen Verunsicherungen, die sich auf reale Missstände, auf Ungerechtigkeiten, aber auch auf prekäre Arbeitssituationen beziehen. Es gibt Prozesse der Verdrängung in den Städten, instabile Beschäftigungsverhältnisse, mangelnde Gewissheit bei der Altersversorgung. Darüber muss man nachdenken. Aber es gibt auch jenseits der ökonomischen Fragen Verteilungskämpfe um Artikulationschancen. In diesem Bereich sind es Frauen, Migrantinnen und Migranten, Muslime, Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transpersonen, die sich sorgen, weil wachsender Rassismus und zunehmende Ressentiments die sozialen und rechtlichen Räume verengen. Da ist die Sorge nicht nur eine rhetorische Figur, sondern auch eine sehr reale körperliche Erfahrung. Wer realistischerweise befürchten muss, nachts oder gar am helllichten Tag angegriffen zu werden, dessen Verwundbarkeit nehme ich erst einmal ernst. In allen anderen Fällen muss man nachsehen: Wovon spricht da jemand wirklich? Geht es um Sorgen oder geht es nur um Abscheu und Abwehr anderen Menschen gegenüber?

Seit Jahren wird über Kontingente, Einwanderungsbeschränkungen und Quoten diskutiert,  die „schönen Seelen“ aber tun so, als ob das an sich schon ungehörig wäre? Es gibt doch aber Grenzen des Zumutbaren, oder? 
Emcke: Ich bin nicht vertraut mit der offensichtlich spöttischen oder negativ besetzten Art und Weise, in der Sie „schöne Seelen“ gebrauchen.

Es ist eine polemische Formulierung von Slavoj Žižek, die sich wohl gegen jene richtet, die in erster Linie moralisch einwandfrei dastehen wollen und an der Lösung realer Probleme erst sekundär interessiert sind.
Emcke: Lustig. Ich halte ja moralische Erwägungen auch für eine Form, mit realen Problemen umzugehen. Anders gesagt: That’s the whole point! Aber ansonsten muss unterschieden werden, ob von Quoten beim Asylrecht oder der Einwanderung gesprochen wird. Das Recht auf Asyl ist ein individueller Anspruch, der sich nicht einfach quotieren lässt. Es gibt ja auch keine Quoten oder Obergrenzen beim Recht auf Versammlungsfreiheit oder dem Recht auf freie Meinungsäußerung. Bei der Einwanderung jenseits des Asylsrechts kann es selbstverständlich Quoten und Kontingente geben. Das wäre auch sinnvoll. Dafür müsste es aber erst einmal ein Einwanderungsgesetz geben. Das wäre ausgesprochen wünschenswert. Denn dann gäbe es auch andere Formen der legalen Einwanderung als nur das Recht auf Asyl.

Der gefühlte hunderte Male wiederholte Satz „Es muss eine gesamteuropäische Lösung“ geben, ist an Hilflosigkeit wohl kaum zu überbieten. Sehen Sie auch nur die geringste Chance darauf? Anders gefragt: Ist die EU als humanitäres Projekt gescheitert?  
Emcke: Oh weh, das soll ich jetzt knapp und bündig beantworten? Zunächst einmal: Etwas zu kritisieren, mit etwas unzufrieden zu sein ist nicht dasselbe wie: es für überflüssig oder gescheitert zu erklären. Es gibt auch Kritik aus Anteilnahme, aus Überzeugung. In diesem Sinne gibt es aus meiner pro-europäischen Sicht natürlich einiges zu kritisieren: zuvorderst die fehlende demokratische Legitimierung und die institutionelle Schwäche des Parlaments. Ich denke auch, dass wir in den letzten Jahren eine trostlose Abfolge von Beispielen mangelnder Solidarität gesehen haben. Im Umgang mit Griechenland und bei der Frage der (Um-)Verteilung von Schulden und sicherlich auch im Rahmen der Verteilung von Geflüchteten.

Wie rezent ist das Phänomen wirklich?
Emcke: Die fehlende Solidarität zeigte sich nicht erst in diesem Jahr, als es darum ging, wer die Menschen aus den Lagern in Griechenland aufnehmen würde, und wo bis heute selbst die minimalsten Zusagen kaum eingehalten wurden. Vielmehr barg schon die gesamte Konstruktion von „Dublin II und III“ Ungerechtigkeiten in sich, die nicht erkannt oder einfach toleriert wurden. Natürlich sah das europäische Flüchtlingsrecht von vornherein eine Benachteiligung der europäischen Randländer und eine Bevorzugung der inneren Staaten vor, indem verordnet wurde, dass die Asylanträge in dem Land bearbeitet werden, in dem ein Flüchtling zuerst registriert wird. Um es mal salopp zu sagen: Für Deutschland war das ’ne feine Abmachung, denn damit wurden Griechenland, Italien, Spanien eben einfach anders beansprucht als Deutschland oder Frankreich.

Benachteiligungen und Unterschiede gab es in der EU aber auch schon vor „Dublin“?
Emcke: Das ist das andere und aus der Perspektive der Geflüchteten viel Bedenklichere daran: dass es einheitliche europäische Standards im Umgang mit Geflüchteten behauptete und suggerierte, dass es juristisch, sozial oder politisch egal sei, ob jemand in Bulgarien, Ungarn oder Schweden einen Asylantrag stellte, und dass die soziale oder auch psychosoziale Betreuung in Europa überall gleich sei. In Wirklichkeit war das eine Farce, denn natürlich gab und gibt es real dramatische Unterschiede. Die wurden auch immer wieder eingestanden, indem Geflüchtete in bestimmte Länder nicht wieder zurückgeschoben wurden, weil dort anerkanntermaßen die humanitären Standards nicht gegeben waren. Die Refugee-Bewegung hat schon lange auf diese Asymmetrien und unwürdigen Behandlungen hingewiesen. Es waren die Geflüchteten selbst, die uns darauf aufmerksam gemacht haben, auf die Schwächen und Ungerechtigkeiten innerhalb der Europäischen Union.

(Nicht nur) der österreichische Außenminister hat unlängst die moralische Überheblichkeit der westlichen Staaten gegenüber der Visegrád-Gruppe kritisiert. Würde ein Upgrading der Umgangsformen etwas ändern? 
Emcke: „Upgrading der Umgangsformen“ ist eine wunderbare Formulierung. Da bin ich ganz grundsätzlich dafür. Gelegentlich würde in der gegenwärtigen fanatisierten Atmosphäre schon eine Rückkehr zu einfachen Formen der Höflichkeit reichen, um manche menschenverachtende Position oder Geste einzuhegen. Dazu würde allerdings auch gehören, dass sich einige Social-Media-Plattformen auf solche Regeln und Spielregeln, auf Grenzen des Akzeptablen oder Zeigbaren verpflichten. Was das Verhältnis der europäischen Staaten untereinander und den Vorwurf der „moralischen Überheblichkeit“ gegenüber den Visegrád-Staaten angeht, scheint es mir da nicht allein um sprachliche Konventionen oder Umgangsformen zu gehen, sondern um etwas anderes: Einerseits ist es absolut richtig, dass es ein gleichberechtigtes und respektvolles Miteinander geben muss, andererseits muss die Frage erlaubt sein, was da als „moralische Herablassung“ beschrieben wird? Wenn nicht allein moralische Standards, sondern auch rechtliche Verpflichtungen unterboten werden – dann muss es möglich sein, das zu kritisieren. Das hat nichts mit Herablassung zu tun.

Wie Sie schon erwähnt haben, werden ständig Schwellen überschritten, bis der Hass dann auch handgreiflich wird? Haben wir davor etwas übersehen?
Emcke: Wir haben die Neigung, uns immer auf die lauten, dramatischen, extremen Akte und Personen zu fokussieren: diejenigen, die auf der Straße brüllen und Menschen angreifen. Dann wird untersucht, was das für Personen sind und wie es dazu kam, dass sie diese Flüchtlingsunterkunft oder diesen Menschen attackiert haben. Das greift zu kurz. Hass bricht nicht plötzlich aus, und er ist auch nicht individuell. Sondern er wird vorbereitet und geformt. Der Hass braucht Muster der Wahrnehmung, Bilder und Begriffe, in denen die Opfer des Hasses zugerichtet und passgenau gemacht werden. Der Hass braucht diese Vorlagen, in die er sich ausschüttet. Die werden nicht auf der Straße gefertigt, sondern in Publikationen und Filmen, in Liedtexten und Bildern im Netz. Überall dort, wo Menschen in Kollektive gezwängt werden und diese dann mit Etiketten versehen werden: „kriminell“, „pervers“, „krank“, „gefährlich“. Es ist wichtig, diese Prozesse der Entstehung von Hass und Gewalt zu betrachten – denn dann lässt sich auch besser gegensteuern.

Aber wo war der Hass, der jetzt wieder „ausbricht“, davor? Hat man sich den als eine Art schlummernden Virus vorzustellen, der nur wieder „angeknipst“ zu werden braucht? 
Emcke: Ja. Es gibt genau diesen Mechanismus. Ressentiment und Rassismus waren ja nie verschwunden. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit hat es in der hiesigen Gesellschaft immer und durchgängig gegeben. Aber sie ist doch eine Zeitlang durch einen bürgerlichen öffentlichen Konsens, der bestimmte Tabus oder eben auch politische Übereinkünfte garantierte, eingehegt oder an den Rand gedrängt worden. Es ist also nicht allein so, dass die existierenden Affekte auf einmal aufbrechen, sondern sie werden auch in anderem Maße als früher in der Öffentlichkeit toleriert oder gar aufgegriffen. Mehr als die AfD beunruhigen mich deswegen jene Stimmen in der Politik, die meinen, durch Annäherung würden diese Parteien verschwinden – und ihnen so die Arbeit abnehmen.

Ist es nicht auch so, dass zum Beispiel die sogenannten sozialen Medien die Unfähigkeit zur Konfliktaustragung und -lösung befördern? Einfach, weil dort keine realen Körper existieren und die virtuellen Hetzmassen ungehindert ihre Phantasmen ausleben können?
Emcke: Dass es auch an der fehlenden Körperlichkeit liegen könnte, ist eine interessante These. Ich habe bislang mehr über die rein technischen Bedingungen nachgedacht, die Algorithmen, die den Diskurs in den sozialen Medien strukturieren und manipulieren. Die Logik der Eskalation ist diesen ja auch bewusst eingeschrieben. Die weitestgehende Abwesenheit von ethischen Filtern, die kontrollieren, was für die Öffentlichkeit taugt, was noch Kritik und was schon Anstiftung zur Gewalt ist – all das befördert eben diese Radikalisierung und Enthemmung. 

Sie weisen darauf hin, dass „Prozesse des Aushandelns“ Kernbestandteil der demokratischen Kultur sind. Ist das nicht eine Einsicht, die allen Seiten etwas abhanden gekommen ist? Sie schlösse das Eingehen von Kompromissen ein, vor denen sich mittlerweile aber fast alle ekeln.
Emcke: Das ist ein ganz zentraler Punkt, den Sie ansprechen. Die Bereitschaft, Kompromisse einzugehen, muss wirklich wieder erweckt werden. Zur Zeit fehlt es ja schon an dem, was der Kompromissfähigkeit vorausgeht: nämlich das Anerkennen des Gegenübers als Person mit berechtigten Ansprüchen. Die Reziprozität droht abhanden zu kommen.

Was verstehen Sie darunter?
Emcke: Die Einsicht in die Wechselseitigkeit von Ansprüchen und Pflichten. Ich kann nicht einzelne Personen oder ganze Gruppen komplett herausdrängen aus der Gemeinschaft derer, mit denen ich mich verständige. Sie sprechen zu Recht vom „Ekel“ – das ist ja ein starker Affekt. Kompromisse setzen immer voraus, dass ich mich eben auch auf eine minimale Gemeinsamkeit, einen grundsätzlichen Konsens einlassen kann, und das muss wieder eingeübt werden, denn aus diesen Prozessen des gemeinsamen Erörterns, wechselseitigen Zuhörens und aus den Kompromissen besteht auch die Demokratie.

Könnte es sein, dass das vergleichsweise friedliebende und zivile Klima, das wir in den privilegierteren Winkeln Europas gewohnt waren und irrtümlich für „gesichert“ erachtet haben, bloß eine Begleiterscheinung des mittlerweile beendeten Nachkriegswohlstands war? 
Emcke: Ich muss zugeben, dass ich diese Frage je nach Zustand anders beantworte. An manchen Tagen bin ich auch wirklich verzagt, beunruhigt und fürchte, dieser Firnis der Zivilität in Europa sei zerrissen. An anderen Tagen wiederum ärgere ich mich über meine eigene Wehleidigkeit und denke, dass auch schon in meiner Generation Menschen, die in Bosnien, Kroatien, Serbien oder im Kosovo geboren sind, furchtbare Gewalt und Verwerfungen erlebt haben. Die, die bislang das historische Glück hatten, verschont zu werden, die sind jetzt eben erstmals richtig gefordert und eingeladen, sich für ein plurales Wir einzusetzen. Es wird nun eben darauf ankommen, mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, also der Sprache und der Vernunft und der Empathie, wieder einen solchen Firnis herzustellen.   

Ihrer Ideologiekritik am Reinheitswahn und dessen ahistorischen Ursprungsmythen kann man nur zustimmen. Das Problem ist: Sie predigen den Bekehrten. Die AfD- und Pegida-Klientel ist aber an argumentativer Auseinandersetzung überhaupt nicht mehr interessiert und frönt – Stichwort: „Lügenpresse“ – mit ungeniertem Gusto der eigenen Paranoia?!
Emcke: Ach, ich bin da einerseits demütiger und andererseits optimistischer. Demütiger, weil ich mir nicht einbilde, dass mein Schreiben alle erreichen könnte oder gar alle, die sich damit befassen, dem zustimmen werden. Ich versuche einfach, aus dieser Spirale der wechselseitigen Verachtung und Aggression herauszutreten und etwas ruhiger zu analysieren, wie diese Logik der Reinheit funktioniert. Und natürlich wird es Menschen geben, die das nicht überzeugt, die Schwächen in meinen Argumenten erkennen oder eben nicht zustimmen.

Und worin gründet nun Ihr Optimismus?
Emcke: Ich habe schon den Eindruck, dass Menschen nach Texten suchen, die sozusagen laut denken, die die eigenen Intui­tionen vielleicht etwas genauer artikulieren helfen und die auch mal wieder ein leidenschaftliches Plädoyer für eine liberale, plurale Gesellschaft hören wollen. Und all diese Bürgerinnen und Bürger, die sich an diesen Hass und dieses Ressentiment nicht gewöhnen, die aber auch Gründe und Argumente für ihr eigenes Handeln und Denken wollen, müssen wir unterstützen. Ich halte nichts davon, dass wir uns selbst um Handlungsmöglichkeiten bringen, indem wir dauernd „das bringt doch nichts“ oder „das erreicht die nicht“ sagen. Wenn ich das eigene Handeln immer nur am kurzfristigen oder durchschlagenden Erfolg auf ganzer Linie ausrichte, kann ich morgens gleich im Bett bleiben. Also messe ich mein eigenes Schreiben und Handeln auch nicht nur daran, welche Wirkung es erzielt, sondern ob ich glaube, dass es nötig oder richtig ist.

Klaus Nüchtern in Falter 43/2016 vom 28.10.2016 (S. 10)

weiterlesen
Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783103972313
Ausgabe 8. Auflage
Erscheinungsdatum 13.10.2016
Umfang 240 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Format Hardcover
Verlag S. FISCHER
Diese Produkte könnten Sie auch interessieren:
Gruner+Jahr GmbH
€ 9,90
Ekkehard Maaß
€ 25,70
Christian Suter, Jacinto Cuvi, Philip Balsiger, Mihaela Nedelcu
€ 38,00
Janine Dahinden, Annelise Erismann, Dominique Grisard
€ 24,00
Jean Louis Schefer, Till Bardoux
€ 16,50
Michael Brie
€ 12,40
Klaus Busch
€ 15,30
Eberhard Schultz, Klaus Kohlmeyer
€ 17,30